Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-05-05 · 18 (5.5.1916) · p. Seite 168

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9119182--00832-9073658
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

168 Das Jüdische Echo Nr. 18 Der Verfasser des Aufsatzes sagt ferner: In dem künftigen „Pufferstaat“ (über dessen Umfang und der Verfassung hier weder eine Erwartung noch eine Vermutung ausgesprochen werden soll) östlich des Deutschen Reiches werden die dort lebenden Nationen friedlich miteinander auskommen müssen. Wir werden um unserer Sicherheit willen Vorsorge treffen, daß die Minderheiten, zu denen ja auch die Deutschen gehören, nicht durch eine Mehrheit vergewaltigt werden können. Die Polen sollen frei werden vom russischen Joche; aber auch die anderen Nationen sollen frei werden und bleiben. Insonderheit sollen die Juden nicht für das russische Joch ein polnisches eintauschen, sondern sie sollen sich wohl fühlen in dem Lande, in das ihre Väter vor vielen Jahrhunderten gewandert sind, in dem sie glänzende Blätter ihrer Literaturgeschichte geschrieben haben und das nun ihr Vaterland geworden ist. Hiermit stimmt Völlig überein die Art, wie die neue Städteverordnung für die unter deutscher Verwaltung stehenden Gebietsteile des bisher russischen Polens ins Leben gerufen worden ist. Die ersten Ernennungen zu Magistratsmitgliedern (Schöffen) und Stadtverordneten sind seitens der „deutschen Macht“ so geschehen, daß die verschiedenen Nationalitäten an jedem Orte nach ihrer dortigen Bedeutung Berücksichtigung gefunden haben. So sind in Lodz unter den zehn Schöffen drei Juden, in Pabianice drei Deutsche, zwei Polen, ein Jude. Ein ohne die Zustimmung der „Zentralmächte“ unveränderliches Grundgesetz muß bei voller Anerkennung der Bedeutung der polnischen Sprache die Minderheiten gegen Vergewaltigung schützen.“ literarisches Echo Jasagen zu sich selbst! „Treue“. Eine jüdische Sammelschrift herausgegeben von Leo Herrmann, Jüdischer Verlag, Berlin, Berlin 1916. Dies war der Grund, weshalb lange, lange Jahre hindurch die Leier jüdischer Dichtung nicht mehr erklang: weil dem Juden der Glaube an sich selbst geschwunden war, weil er es nicht mehr fassen konnte, daß auch in seinem Leben Regeln der Schönheit und Harmonie zum Ausdruck gelangten. Was in Jahrzehnten dichterischer Unfruchtkeit „geschrieben“ ward, das war eine öde Verbildlichung der Vergangenheit oder eine blut- und seelenlose Stimmungsmalerei der Gegenwart. Gedichtet, aus jüdischer Seele heraus gedichtet ward niemals. Aber dann kam die Zeit, da der Jude es wieder lernte, die erhabene Größe seiner Eigenart in allen Ecken und Winkeln seines Selbst zu entdecken, da er die Schönheit in seinem Wesen wiederfand und daran ging, den Kern seiner Wesensart herauszuschälen und von den Schlacken des Fremden, Kranken und Verlogenen, die ihm anhafteten, zu befreien. Die Zeit kam, da in dem Juden das Vertrauen erwachte, daß eines Tages sein Wesen sich in eine reine Harmonie auflösen, daß der Augenblick kommen würde, da er voller Stolz und Seligkeit sich.selbst bejahen darf. Da begannen die jüdischen Dichter wieder zu singeft und zu sagen von der eigenen Art, und ist auch noch keinem, noch keinem einzigen das große, befreiende Lied gelungen, ist ihre Sprache noch wie das Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, bevor das große Singen anhebt, so fühlt man doch: hier wird ein Neues und Großes geboren, und eines Tages, eines Tages, wenn Dichter und Volk sich gegenseitig die Freiheit’ errungen haben werden, dann werden wir die große schöne Harmonie der jüdischen Seele zu hören bekommen! Dieses vielversprechende Zwitschern am Morgen durchzieht Leo Herrmanns Sammelbuch: Noch findet keiner, der darin seine Weise singt, die Melodie, aber mancher ahnt sie schon. Zwei zarte Erzählungen von S. J. Agnon, eine Ghettogeschichte von S. S c h n e u r und eine andere von Scholem Alechem wagen es schon laut und deutlich ja zu sagen zu jüdischer Art und selbst zu jüdischen Schwächen. Solcher Geschichten, in denen die Harmonie schon deutlich hörbar wird, hätte das Sammelbuch noch mehr bringen sollen! Dagegen hat es sich eine weitere Aufgabe gestellt: hinabzuleuchten in die Schatzgewölbe jüdischer Dichtungsstoffe, deren Inhalt noch ungenützt liegt: Bub er, Jacob Cahan und Bin G o r i o n nehmen die Gedanken altjüdischer Sagen und chassidischer Geschichten wie Klumpen unbehauenen Edelmetalles in die Hand und halten sie einen Augenblick in die Höhe. Als dritte seiner Aufgaben hat Leo Herrmanns Sammelbuch sich die erwählt, den Weg zu weisen zu den Gefilden, in denen allein aus dem Zwitschern ein Singen, aus dem Suchen ein Finden der Harmonie werden kann: Kluge Aufsätze und feine Schilderungen sprechen von dem Lande der jüdischen Sehnsucht, sprechen von Palästina, wo die jüdische Volksseele und mit ihr die Dichtung ihre Auferstehung feiern sollen! Das Buch wurde für die zusammengestellt, die draußen im Felde der jüdischen Zukunft entgegenharren. Manchen Soldaten, der es als Pessachgabe. erhielt, wird es mit neuer, froher Zuversicht erfüllt haben, daß wir auf dem Wege sind, unsre jüdische Art ganz und gar bejahen und sie besingen zu können! Mara. Ein Beitrag zur Palästinaliteratur. Adolf Böhm: „Der Jüdische Nationalfonds“; herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds im Haag. Die neue Broschüre bietet einen überaus wertvollen Beitrag zur Palästinaliteratur. Der Name „Jüdischer Nationalfonds“ ist heute den weitesten jüdischen Kreisen bekannt, aber je vielseitiger die Tätigkeit dieses Fonds geworden ist, desto unklarer wurden die Anschauungen über seine Aufgaben und seine Organisation. Mit dem Zweck, der Geschichte, der Beschaffenheit, den Früchten dieses heute schon vielfach verzweigten Baumes beschäftigt sich die klar und präzise geschriebene Böhmsche Schrift. Sie zeigt, wie die Tätigkeit des J.N.F. mit der fortschreitenden Entwicklung der jüdischen Palästinakolonisation sich immer feiner entwickelt. Die Probleme der Ansiedlung, die Arbeiterfrage, die städtische Kolonisation, das Kreditproblem, das Kulturproblem — sie alle stehen in einem engen Zusammenhang mit der Organisation des J.N.F. Die Schrift dient besonders dazu, allen denen, die sich als Vertrauensmänner und Sammler um den Fonds verdient gemacht haben, ganz klar zu machen, welchen Sammel zwecken die von ihnen unterstützen Sammel mittel dienen und sie so auch innerlich zu Mitarbeitern an der Entwicklung dieses eigenartigen Instituts zu machen. Neben dem Hauptzweck des Fonds: dem Erwerb von Grund und Boden als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes sollen sie sich über die Aufgaben des Genossenschaftsfonds, des Arbeiterheimst ä 11 e nf o n d s , der Baumspende unter-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.