Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-05-05 · 18 (5.5.1916) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 167 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9119182--00831-9073657
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 18 Das Jüdische Echo 167 Zeitungs-Echo Die neue Zeit in Palästina. Die „Neue Preußische Zeitung, Kreuzzeitung“ schreibt: Palästina ist das Heilige Land iiir Christen, Juden und Mohammedaner. Politisch spielt es gleichfalls leine große Rolle; die Großmächte England, Frankreich und Rußland betrachten es als ein Stück der Türkei, welches über kurz oder lang den Osmanen entrissen werden muß. In England ist es oft genug verkündet worden, daß dieses Nachbarland des Suezkanals niemals in andere als englische Hände kommen darf. Die Franzosen, welche Syrien als „ihre Provinz“ ansehen, möchten ihren Einfluß auch auf Jerusalem und die heiligen Stätten ausdehnen. Man weiß, wie schmerzlich es für sie wa.r, als der Deutsche Kaiser ihnen das Jahrhunderte alte Vorrecht nahm, sich als Beschützer des Heiligen Landes aufzuwerfen. Die Russen halten es für ihre Aufgabe, das Land zu gewinnen, um den Zaren vor dem frommen russischen Volke als den großmächtigsten Beschützer der heiligsten Stätten der Erde zu feiern. Gerade die Russen haben es seit Jahr und Tag am eifrigsten versucht, durch Errichtung zahlreicher Kirchen und Anstalten ihren Einfluß dort geltend zu machen. Aber trotz dieses Liebeswerbens haben sie in Palästina nie Sympathien errungen. Man hat aus dem Kaukasus und aus Persien oft genug Erzählungen gehört über die Gewalttaten der russischen Knute, über die Bestechlichkeit der russischen Beamten und ihre erbarmungslose Unterdrückung aller Andersgläubigen. Unverjährbare Ansprüche auf Palästina machen mit dem größten Recht die Juden geltend. Sie können die Heimat, das Land Abrahams, Isaaks und Jakobs, das Land, da Milch und Honig fließt, nicht vergessen. Der Zionismus hat dort, das muß man anerkennen, Großes geleistet. Politische Phantastereien aber sind es, wenn von England der Plan ausgeht, daß nach dem Siege des Vierverbandes Palästina wiederum ein Reich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem werden solle, das einen neutralen Pufferstaat bilde, der seine Befehle natürlich ausschließlich von der Themse erhält. Auf diesen Vorschlag hiin haben die Zionisten ausdrücklich betont, daß sie in erster Linie ein gutes Einvernehmen mit der Türkei, mit der Macht, der Palästina gehöre, aufrecht zu erhalten wünschen. Nicht eine Schwächung, sondern eine Stärkung des Osmanenreiches wünschten sie, und eine nationale Einigung der Juden könne dazu nur förderlich sein. Es ist wahrscheinlich, daß nach dem Krieg eine stärkere jüdische Einwanderung nach Palästina stattfinden wird, nicht aus dem Westen Europas, wo es den Israeliten gut geht, sondern aus Rußland. Was haben diese armen russischen und polnischen Juden in den letzten Jahrzehnten, ganz besonders aber während dieses Krieges, Entsetzliches gelitten! Zahlreiche Pogrome haben stattgefunden; viele Zehntausende wurden von ihren Geburtsstätten vertrieben und ihrer Habe beraubt. Tolerant, wie die Türken von jeher waren, haben sie neuerdings allen Widerstand gegen die jüdische Einwanderung in Palästina fallen lassen; eine besondere Erlaubnis zum Einwandern braucht nicht mehr erteilt zu werden, jeder Israelit kann nach Belieben seine Wohnung im Heiligen Lande aufschlagen. . , , „ , Palästina und Syrien scheinen jedenfalls berufen, nach dem Kriege eine große Rolle zu spielen. Der Präsident der osmanischen Kammer und viele andere haben es ausgesprochen, daß es das wichtigste Ergebnis des großen Weltkrieges sein werde, daß von der Schelde bis zum Indischen Ozean eine machtvolle Völkergruppe geschaffen wird, die sich gegen den englischen Eigennutz, den russischen Ehrgeiz, die französische Revanche und gegen die italienischen Verräter wendet. Syrien und Palästina sind aber ein wichtiges B ji n jd e g 1 i e d ' n a cl h Mesopotamien und nach Ägypten. Verbinden erst Eisenbahnen diese Länder mit Europa durch Palästina hindurch, so wird dort eine neue Zeit hereinbrechen, und es eröffnen sich weite hoffnungsvolle Ausblicke für die Zukunft. Die französischen Bahnen in Syrien und Palästina sind bekanntlich enteignet und zwangsweise von den Türken zurückgekauft worden. Es sind die Linien Jaffa—Jerusalem, die Libanonbahn zwischen Beirut und Damaskus, Horns und Tripoli, sowie die Verbindungsstücke des Anschlusses der Linie Beirut—Damaskus zwischen Rajak und Aleppo. Über den Weiterbau der Linie Nablus—Jerusalem, welche bis nach El Kantarah getrieben werden sollte, wird verschieden berichtet. Jedenfalls ist diese Eisenbahn, deren strategischer Zweck auf der Hand liegt, in letzter Zeit außerordentlich weit vorgeschoben. Durch ingenieuse Einrichtungen hat man es verstanden, ähnlich wie bei der Mekkabahn, die schwierige Wasserfrage zu lösen. Ägypten mit dem Suezkanal ist für Großbritannien, wie Bismarck sich einmal ausdrückte, das Genick. Möge es den Türken gelingen, England das Genick abzudrehen!“ Wir veröffentlichen diesen Brief aus der „Kreuzzeitung“ nicht deshalb, weil wir etwa annehmen, daß diese plötzlich ihr „jüdisches Herz“ entdeckt hat, sondern weil er beweist, daß man die jüdischen Palästinabestrebungen häufig in christlichen Kreisen besser versteht als in jüdischen. Das östliche Problem und die östlichen Juden. Im „Reichsboten“ veröffentlicht der Geh. Konsistorialrat Prof. Dr. Hermann Strack einen Aufsatz unter dieser Überschrift, in dem er für die Schaffung eines östlichen Pufferstaates eintritt. Der Aufsatz enthält folgende bemerkenswerte Zahlen: Die Zahl der Juden beträgt in Kalisch 8,59 v. H„ in Plozk 9,13, in Suwalki 10,9, in Kjelze 10,82, in Lublin 13,5, in Radom 13,89, in Lomsha 15,69, in Petrokow 15,83, in Sedlez 15,84 und in Warschau gar 18,12 v. H. der Gesamtzahl der Einwohner des Gouvernements. Noch erheblich stärker ist der Prozentsatz der jüdischen Einwohner in den Städten: Gouvernements Petrokow 32 v. H., Warschau 33,9, Plozk 35, Kalisch 37,6, Suwalki 40, Lublin 45,8, Lomsha 46,9, Radom 50,6, Kjelze 51,3 und Sedlez gar 53,7. In der Stadt Warschau leben nach der neuesten (eben vollendeten) Zählung etwa 400 000 Juden. Beiläufig sei noch hingewiesen auf die große Masse der in den östlich an „Kongreßpolen“ sich anschließenden Gouvernements wohnenden Juden: in den sechs nordwestlichen 11,80 (Witobsk) bis 17,28 v. H. (Grodno) der Gesamtbewohnerzahl; in den fünf südwestlichen unter 5 v. H. nur in Poltawa und Tschernigow, dagegen über 12 v. H. in Kiew, Podolien, Wolhynien; in den vier südlichen unter 5 v. H. in Taurien und Jekaterinoslaw, dagegen 11,65 in Beßarabien und 12,32 in Cherson.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.