Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9119182--00828-9073654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
164 Das Jüdische Echo Nr. 18 diese käufliche Menschenrasse. Im weiteren Verlauf der Rede des Reaktionärs Samyslowski kommt es zu einem stürmischen Auftritt zwischen den Abgeord. Tschingareff, Tscheidse, S 1 o b o 1 e w und dem Abgeordneten Samyslowski und seinem Anhang, der in Schlägereien auszuarten drohte. Vizepräsident Protopopow greift schließlich ein und droht, den Auftritt gewaltsam beenden zu lassen. Schließlich werden die Abgeordneten Tscheidse und Slobolew von der Sitzung ausgeschlossen. Der Kadett Schingareff wies darauf die Angriffe Samyslowskis zurück und sagte, einzelne Fälle von Verrat kämen in allen Bevölkerungsklassen, sogar bis zu den höchsten vor, wenn auch die Juden teilweise sich zu unerlaubten Handlungsweisen haben hinreißen lassen, so sei dieses für eine Regierung noch durchaus kein Vorwand, gegen sie einen Massenmord zu inszenieren. Die russische Regierung habe den Juden gegenüber ein Schuldkonto, wie kaum ein Staat einigen seiner Untertanen gegenüber. Es gibt keinen Terror, keine bodenlose Niederträchtigkeit und kein Verbrechen, das die Regierung noch nicln gegen die Juden angewendet habe. Der Vizedirektor im Ministerium des Innern, Kafafoff, dessen Unterschrift sich unter den „Pogromzirkularen“ befand, verteidigte den Standpunkt der Regierung. Er führte aus, daß sich der Inhalt der Zirkulare auf Nachrichten stütze, die ihm von hoher Stelle zugegangen waren. Die Zirkulare waren keinesfalls bestimmt, Pogrome hervorzurufen. Die Zirkulare wurden herausgegeben, weil einwandfreie Nachrichten vorlägen, daß im ganzen Lande eine große Gährung gegen die Juden herrsche, die früher oder später zum Ausbruch von Judenmetzeleien führen könne. Aus diesem Grunde sei die Regierung in den Zirkularen dieser Bewegung entgegengetreten und hätte den Gouverneuren geheime Weisungen für alle Fälle übermittelt. Der Redner erklärte, daß die Regierung gewillt sei, in jeder Weise für den Schutz der Juden in Rußland einzutreten. Leider ließen sich die Urheber der Interpellation, die sich vom progressiven Block und den Kadetten im Stich gelassen sahen, nach der Rede Kafafors überreden, ihre Interpellation zurückzuziehen, so daß keine Erklärung der Regierung erfolgte. Damit war zwar einer Ablehnung der Frage durch die Regierung vorgebeugt, aber an der Sache selbst ist nichts geändert worden. Die stürmische Sitzung fand ihren Epilog in einem Protestschreiben der Arbeitsgruppe, das sich gegen das Vorgehen des Vorsitzenden auflehnte, der Samyslowsky gestattete, unzweifelhaft unparlamentarische und die Duma entwürdigende Ausdrücke zu gebrauchen. Der sogenannte progressive Block der russischen Reichsduma hat also in der Judenfrage völlig versagt und damit seine Prinzipien- und Charakterlosigkeit aufs Neue offenbart. Angesichts des offenen Eingeständnisses ihrer Schurkenstreiche seitens der Regierung und insr Hotel Simson Tutzing am Starnbergersee wieder geöffnet. besondere 'des herausfordernden Zynismus des Polizeidepartements hätte man wohl erwarten dürfen, daß die demokratischen Elemente der Duma die Gelegenheit zum entschiedenen Protest ergreifen würden. Aber weit gefehlt! Der rechte Flügel des progressiven Blockes war von den Regierungserklärungen vollständig „zufrieden gestellt“ und die Kadetten fügten sich willig seinem Diktat. Wiewohl die jüdischen Abgeordneten sich plötzlich isoliert sahen und von einer Ablehnung der Interpellation einen schlechten Eindruck auf das Land befürchten mußten, so muß doch^ ihr Zurückweichen als eine unverzeihliche Schwäche bezeichnet werden. Die Reaktionäre werden sicherlich diesen unmännlichen Schritt weidlich ausnützen und ihn als Schuldbekenntnis der Juden hinzustellen suchen. Die jüdische Presse Rußlands verurteilt denn auch einmütig die Haltung der jüdischen Abgeordneten. Sie ist der Ansicht, die jüdischen Abgeordneten hätten, gestützt auf die Sozialdemokraten und die Arbeitsgruppe, durch Aufrechterhaltung und Begründung der Interpellation der Entrüstung der jüdischen Bevölkerung Ausdruck verleihen sollen. Die jüdische Öffentlichkeit verlangt immer dringender den Austritt der jüdischen Deputierten aus der Kadetten-Fraktion und damit aus dem „progressiven Block“! Das Handwerk und die Juden. Von J. Hein. (Fortsetzung.) Durch die in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts entstandene Gesetzgebung wurden grundlegend die Handelskammern als öffentliche Organe und Selbstverwaltungskörper der Handwerker geschaffen. Sie stehen unter der Aufsicht des Staates, der Verwaltungsbehörden. Untergeordnet wurde ihnen das Innungswesen; ihr Arbeitsgebiet umfaßt aber das .ganze Handwerk, also auch die zu Innungen nicht zugehörenden Handwerker. Die Handwerkskammern haben sich in den 16 Jahren ihres Bestehens im allgemeinen bewährt, wenn auch mancher Überschwung in einzelnen Handwerksfragen in ihnen zutage getreten ist. Das Schädliche, das etwa dadurch in Gestalt von Beschlüssen gezeitigt wurde, ist aber gewöhnlich durch die Wirkung des behördlichen Aufsichtsrechts verhindert worden. Eine gewisse bürokratische Schwerfälligkeit, die den Handwerkskammern anhaftet, muß mehr und mehr von den Handwerkern selbst und durch Einflußnahme der freiheitlich gesinnten Schichten der Handwerker beseitigt und gemildert werden. Nun zum jüdischen Handwerk in Deutschland. Die ersten sicheren Nachrichten über jüdische Handwerker finden wir gelegentlich der im Jahre 1671 stattgefundenen Vertreibung der Juden aus Wien. Es sollen darunter auch Handwerker gewesen sein. Sie wurden vom großen Kurfürsten in Berlin aufgenommen. Was aus dem jüdischen Handwerker dann geworden ist, darüber ist wenig zu erfahren. Bei der großen Rechtlosigkeit der Juden von damals ist anzunehmen, daß sich diese jüdischen Handwerker in Deutschland dem Handwerk nur heimlich gewidmet haben. Am 11. März 1812 wurde das erste Edikt, das von freiheitlichem Geiste gegen die Juden erfüllt war, in Preußen erlassen; danach sollten sie gleiche bürgerliche .Rechte und Freiheiten mit den Christen genießen.