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Das jüdische Echo · 1916-05-05 · 18 (5.5.1916) · p. Seite 162

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
18 (5.5.1916)
Date
1916-05-05
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 Das Jüdische Echo Nr. 18 schulentlassenen j ü ’d! i si chen Jugend! Die Zeiten sind vorbei, da ein junger Mann, der nach Beendigung der Volks- oder Mittelschule als Lehrling oder Kommis in die Stadt kam, im Hause seines Lehrherrn einen Ersatz für das gut jüdische Elternhaus fand und durch das Leben in diesem Hlause iauds neue jüdischen Geist einatmete. Heute steht der angehende junge Kaufmann meistens fremd und allein da. Zu jung, um sich bereits eine eigne Lebensanschauung gebildet zu haben, ist er doch gerade jetzt in das Alter gelangt, da er den übernommenen geistigen Werten, auch denjenigen des Judentums kritisch gegenübertritt. Hat eine vernünftige Erziehung sich bemüht, den jungen Menschen während seiner Schulzeit mit Polemiken über religiöse Systeme und philosophische Theorien zu verschonen, so ist es doch nunmehr, da der junge Geist sich von selbst immer wieder diesen Fragen hinneigt, an der Zeit, ihm Nahrung zu geben, damit er das ihm in der Schule eingepaukte jüdische Wissen nicht wie einen Ballast mit sich durchs Leben schleppt, sondern damit er den Sinn seines Judentums erfassen lerne. Bei den gänzlich veränderten Zeitverhältnissen müssen wir uns durchaus auf den Standpunkt stellen, daß die jüdische Erziehung nicht mehr nur eine Sache der Eltern ist, sondern zu den Rechten und Pflichten der jüdischen Gemeinde gehört. Man sollte nun meinen, es müßte den Gemeinden höchst willlkommen sein, wenn sich in ihrem Schoße Bestrebungen regen, die jüdische Ausbildung nicht plötzlich abbrechen zu lassen, sondern gerade in der kritischen Zeit die reifere Jugend in ihrem jüdischen Wissen zu bereichern und in ihrem Interesse am Judentum zu fördern. Statt dessen finden wir die sonderbare Erscheinung, daß die jüdischen Gemeinden jenen Bestrebungen kühl oder geradezu feindlich gegen über stehen. Wie schwer war der Kampf der jüdischen .Jugendvereine, die an den zu früh abgebrochenen Jugendunterricht in freierer Form ankniipfen wollten! Nicht die Jugend verschloß sich diesen Bestrebungen, sondern die ältere Generation, die ohne Kenntnis der Umstellung aller Lebensverhältnisse die Stoßkraft solcher Organisationen übersah. Mag sein, daß der Buchstabe unseres Gemeindegesetzes eine Unterstützung dieser Bestrebungen unmöglich machte; prinzipiell hätten die Gemeinden ihnen Förderung angedeihen lassen müssen. Der Mittel zur Erziehung der jüdischen Jugend und zur Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsgefühles gibt es genug. Aus jüdischen Kreisen, besonders aus denen junger Juden sind eine Reihe von Unternehmungen erwachsen: In Fortbildungskursen hat man denen, die ihren Schatz positiven Wissens zu vergrößern suchten, Unterricht in jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache erteilt; durch die Errichtung von Toynbeehallen hat man den fremd in den Reitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahn'inie 2, 3, 10, 26 Prospekte auf Wunsch Großstädten stehenden jungen Leuten Aufenthaltsorte und Zentren vornehmer, jüdischer Geselligkeit für ihre Mussestunden geschaffen und sie damit vor einer schädlichen Verwendung ihrer freien Zeit bewahrt. In jüdischen Jugend - und L i t e r a ti u r v e rfe i n e n hat man ^hnen eine Plattform geschaffen, auf der sie ihre noch unklaren Anschauungen über jüdische Dinge, ihre Zweifel und Fragen aussprechen, die Meinung der andren hören und damit allmählich zur Klarheit gelangen können. In den Lesehallen hat man sie durch Versorgung mit geeigneter Lektüre mit wissenschaftlichen und Tagesfragen bekannt gemacht und ihr Interese an diesen geweckt. Durch W ander b ii n d e und Turnvereine versuchte man, ihre freie Zeit zur Stärkung ihrer Körperkräfte zu verwenden und Liebe an der Natur, Sinn für Kameradschaftlichkeit und Disziplin in ihnen zu erwecken. Durch die Einrichtungen von Elternabenden bestrebte man sich, die ältere Generation mit den Anforderungen der neuen Zeit vertraut zu machen, um auch auf diese Weise an der jüdischen Erziehung der Jugend mitzuwirken. Und alle diese Versuche sind unbegreiflicher Weise an den verschiedensten Stellen auf den härtesten Widerstand der Gemeinden gestoßen! Es läßt sich über die Frage streiten, ob z. B. die jüdischen Turnvereine den Voraussetzungen entsprachen, die eine offizielle materielle Subventionierung und eine moralische Empfehlung von Seite unsrer jüdischen Gemeindevertreter a priori voraussetzen durften. Solange m. E. die jüdische Gemeinde in X oder Y sich al$ eine religiöse zu erkennen gibt, hat sie weder die Aufgabe nationale Mitglieder abzuweisen, noch solche zu bekämpfen. Solange dieselben Nationalisten sogar die Religionsgemeinschaft anerkennen, pekuniär, durch das Ansehen ihrer Person und durch persönliche Teilnahme fördern, sind auch ihre Bestrebungen, welche sich auf dem Programm aufbauen, daß das Judentum auf Überlieferung, religiöser Anschauung, Abstammung usw. beruht, nicht nur der offiziellen jüdischen Gemeinde nicht entgegenstehend, sondern im besten Sinne eine Untergruppe ihrer geistigen Kräfte. Eine Gemeinschaft, die über gar keine Entwicklungstendenzen, über keinerlei Strömungen in ihrer Mitte verfügt, ist stagnierend und kulturwidrig. Wer den Sinn der Geschichte studiert, wird finden, daß das Wort „Alles fließt“, daß Evolution das einzig Feststehende in allen Lebensformen und Aggregationen humaner Soziologie ist. Wer — wie wir — die Ereignisse der letzten Jahre miterlebte, hat Muße gehabt, die Kraft und die durchdringende Bedeutung der Organisation zu erfassen. Deutschland sei unser Erzieher! Die Macht der Organisation ist es, die Deutschland seine ungeheure Widerstandskraft gegeben hat. Das sei die Lehre, die unsre jüdischen Gemeinden aus der großen Zeit schöpfen mögen! Den Grundton unserer ganzen jüdischen Reformarbeiten müssen wir darauf abstimmen, die jüdische Gemeinschaft stärker zu organisieren. Die Bedeutung des Judentums liegt nicht nur in der Begnadetheit der höchsten ethischen religiösen Auffassung, sondern in der eigenen großen Geistesarbeit, die Generationen und Generationen geleistet. Wir sind nicht nur stumme Hüter des Gesetzes gewesen, sondern wir haben das überkommene Gut zu würdigen und zu wahren gewußt. Das alte Wort vom „Gotteskämpfer“, dessen wir Juden uns rühmen, kann nicht in dem Sinne mittelalterlicher Kreuzzüge verstanden werden (und wurde es auch nicht!), es liegt hun- : ■ ■

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