Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den V erlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M, 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pi.— Verlag des ״Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, wmMwm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille ־ Zeile oder deren Raum 25 Pi. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des ״Jüdischen Echo", München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 18 München / 3. Jahrgang 5. Mai 1916 1916 Wochenkalender (5676) תרעו Ijar Mai אייר Samstag 6 3 Sonntag 7 4 Montag 8 5 Dienstag 9 6 Mittwoch 10 7 Donnerstag 11 8 Freitag 12 9 Inhalt! Or. A. Theilhaber: Von Bayerns Judennöten (Die Erziehung der reiferen Jugend); Eine jüdisch-nationale Organisation in Österreich; Ein Fiasko in der Reichsduma; .1. Hein: Das Handwerk und die Juden; Welt- Echo; Zeitungs - Echo; Liter'ar. Echo; Helene Hanna Cohn: Dr. Hermann Moscowitz; Chana: Ankunft einer deutschen Jüdin in Amerika; Gemeinden- und Vereins-Echo. Von Bayerns Judennöten. II. Die Erziehung der reiferen Jugend. Von Felix A. Theilhaber. Wie es keinen modern gebildeten Menschen gibt, der nicht über ein bestimmtes Maß allgemeinen Wissens verfügt, so kann es auch keinen gebildeten Juden geben, der keine jüdischen Kenntnisse besitzt. Für den radikalen deutschen Juden aber ist die intellektuelle Beschäftigung mit dem Judentum eine Frage von ganz nebensächlicher Bedeutung. Daß an dem mangelhaften jüdischen Wissen und der daraus entspringenden Gleichgiiltigkeit gegenüber dem Judentum in hohem Maße der unzulängliche Unterricht in jüdischen Fächern an unsren deutschen Volks- und höheren Schulen schuld ist, zeigten wir in unsrem vorhergehenden Aufsatz, in dem wir die Forderung 'erhoben: Schafft jüdische Volksschulen! Wir wollen die Bedeutung des mechanischen Wissens- Vermittlers — der Schule — nicht überschätzen, aber wir können sie auch nicht so vernachlässigen, wie es die Berliner Reformgemeande tut. Das Judentum hat seit Jahrtausenden erkannt, daß eine Schule zu den Voraussetzungen einer sich weiterentwickelnden Gemeinde gehört (Maimonides betont einmal diesen Punkt). Als die nationale Selbständigkeit der Juden verloren ging, da gründeten Weise Schulen und Hochschulen und retteten den jüdischen Geist vor der Aufsaugung. Das geistige Leben in unserer Mitte hat im Laufe der Jahrtausende den Volkswillen immerfort gestärkt; Acht und Bann, Leid und Verfolgung haben den Zusammenhang nicht zerreißen können, der durch die Macht des Geistes getragen wurde. Wie nun die jüdische Schule den Schülern den Lehrstoff übermitteln,!in welcher Weise sie zur Fortbildung des jüdischen Geistes beitragen soll, das muß zum Gegenstand einer besonderen Untersuchung gemacht werden. Daß eine zu ängstliehe Anklammerung an den toten Buchstaben ebenso schädlich wirken kann, wie ein zu geringes jüdisches Wissen, das erkennen jetzt im Kriege viele deutsche Juden!in Rußland. Wenn sie sich den Betrieb der ״Chedarim“ besehen, so erschrecken sie über die geistige Überfütterung der Schüler, in welchen diese mittelalterliehen Institutionen die Freude am Judentum zu ersticken drohen. Wie Abiturienten deutscher Gymnasien nach zu strenger Erziehung oft ins lockerste Leben hineingeraten, so wirkt auch dort allzu harte geistige Zucht oft nur als Reiz zum Gegensätzlichen. So erklärt es sich, daß aus einzelnen Chedarim Leute wie Jakob Fromer u. a. hervorgingen, die infolge zu schematischen jüdischen Wissens, das keine Fühlung zu Wirklichkeit und Neuzeit hat, zur Verleugnung des Judentums gelangten. Dieser zu großen Gründlichkeit steht die zu große Oberflächlichkeit unsres jüdischen Unterrichts in den Schulen Westeuropas gegenüber, die in unsrem ersten Aufsatz ausreichend behandelt wurde. Hier sei nur nochmals betont, daß in Norddeutschland der offizielle Unterricht in allen jiidischen Fächern mit dem 13. Lebensjahre aufhört.*) Aus dem Gesagten ergibt sich, daß man bei der Aufstellung des Lehrplans einer jüdischen Volksschule mit aller Vorsicht zu Werke gehen muß. Aber mit der Schaffung einer jüdischen Volksschule ist die Aufgabe, die jüdische Gemeinden, denen an ihrem eigenen Fortbestehen gelegen ist, der Jugend gegenüber zu erfüllen haben, noch keineswegs erschöpft. Lautete unsere erste Eorderung an die große Zeit: Schaffet jüdische Volksschulen! so lautet die zweite: Sorgt für die geistige Fortbildung der *) Ich habe z. B. an einem preußischen Gymnasium Hebräisch bei einem Kaplan nehmen müssen, da ein geordneter Religionsunterricht in der betreffenden Stadt (trotz Bestehens einer jiidischen Gemeinde) nicht gewährleistet war.