Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Das Jüdische Echo Nr. 17 und die Braut seien augenblicklich dort einquartiert. Deshalb habe Awryinl mich gerade gesucht, um wegen der Störung um Entschuldigung zu bitten. „Es wird aber nicht lange dauern,“ — setzt er tröstend hinzu — „sie kleiden sich schon an“. Ich beruhige sein Gewissen: „Das tut gar nichts. Ich will indes ein wenig ausruhen.“ Mein Hausherr blickt mich besorgt an. „Hier auf der Bank vor dem Hause“ — füge ich hinzu und sein Antlitz erheitert sich. „Besten Dank!“ — sagt er sorgenbefreit und läuft ins Haus. Ich setze mich auf die Bank, die unter dem Fenster längs des ganzen Hauses läuft. * * * Mein Platz ist unter dem Fenster des großen Mittelzimmers; aus dem Fenster dringen laute Stimmen, verworren durcheinander schimpfend. Ich merke bald, um was es sich handelt: Die Schadchonim streiten, die Schwäher wollen sich ins Mittel legen — alle Mühe ist vergebens. Jede Partei schreit: „Alles ist mein Werk!“ Jeder nennt sich den wahren Schadchen: der hat die Sache eingefädelt, der andere zusammengebracht . . . . Ich rücke unter das nächste Fenster, das meines eigenen Zimmers. „Mein Goldtöchterchen!“ klingt eine weiche, freudesatte Stimme. Es ist die Stimme C h a n e’s, der Frau Reb Awrejmls. Dann rauscht und knistert Seide. „Du bist wie reines Gold! . . . Das Kleid ist lautres Gold! . . .“ Wieder rauscht die Seide. „Wo hatt’ ich nur meine Augen. Kind? Ich kannte deinen Wert gar nicht! Ich war blind, verblendet. — Gott behüte dich vor bösem Blick! . . .“ Ich höre die Schritte der Alten im Zimmer verhallen. Dann ertönt wieder ihre Stimme: „Wahrlich, mein Töchterlein, ich vergönne dem Schwäher gar nicht so eine Schwiegertochter. Hat er's etwa verdient? Vielleicht durch den Glanz seiner Ahnen? Und die Schwäherin —“ „Liebe Mutter!“ — bittet die Braut — „man hört ja jedes Wort!“ Ihre Stimme tönt heute anders als sonst, in eigenartig weicher Fülle. „Was ist denn daran? Muß ich mich etwa schämen? . . . Doch eines hörst du? — laß dir gesagt sein: Er muß schwitzen, der Schwäher, und dem Bräutigam Kleider anschaffen, daß du dich an seiner Seite nicht zu schämen brauchst. Sonst nehme ich dich noch unter dem Baldachin fort nach Hause! . . .“ * * * Die beiden Schwäher treten aus dem Hause. Reb Awrejmls dünnes Spitzbärtchen zittert freudig und seine lebhaften kleinen Äuglein glänzen. Neben ihm schreitet ein rundlicher, behäbiger Jude mit breitem blonden Bart und dichten, lichten Brauen. „Mögen die drin einander die Köpfe entzweischlagen; — wir wollen indes den Tag der Hochzeit festsetzen!“ „Gut!“ „Die Hochzeit . . .“ beginnt mein Hausherr zögernd. „Könnte zu Gutem stattfinden . . . etwa . . .“ hilft ihm lässig der Schwäher nach. „Ja, gewiß — in der Zeit zwischen . . .“ „Richtig, Reb Awrejml“ — unterbricht der Schwäher — „ich wollte — eigentlich — wollt’ ich — eines fragen . . .“ Auch er beendet den Satz nicht. Seine Frau tritt aus dem Hause. Sie ist in ihrem ganzen Gehaben der gerade Gegensatz zu ihrem Manne. Ihr Seidenkleid ist schreiend hell mit tausend unruhigen Falten, die sich bei jedem Schritt nach rechts und links werfen. Ihr Gesicht glüht vor Erregung. „Herr Schwäher!“ — wendet sie sich hastig zu Reb Awrejml — „Warum hat man eigentlich Bräutigam und Braut in ihre Stuben gesperrt? Was soll das heißen? Wir sind doch nicht von damals! Sie können doch, glaube ich, zusammen ein Wenig vor dem Hause promenieren!“ „Freilich! Natürlich!“ antwortet Awrejml lächelnd — „Doch zu meiner Zeit war das nicht Sitte. Meiner Chane konnte ich einen Moment nach der Hochzeit noch nicht recht ins Gesicht sehen ... Was sagt Ihr, Schwäher?“ Da der Schwäher etwas brummt, was ebenso gut als bejahend wie als verneinend aufgefaßt werden kann, muß Reb Awrejml selbst einen Entschuß fassen: „Also — wenn die Schwäherin glaubt . . .“ „Die Sünde nehme ich auf mich!“ Sie verschwindet im Hause. Bald darauf erscheinen Bräutigam und Braut. Sie gehen an uns vorüber. Zwischen beiden ist ein etwas zu großer Zwischenraum. Die Braut blickt gerade vor sich in weite Fernen, der Bräutigam betrachtet aufmerksam seine Fußspitzen und stolpert dabei über jeden- Strohhalm. —■ Ich betrachte zuerst die Braut: Sie ist jung und frisch, vielleicht sogar zu jung und frisch, wie eine geschlossene Rose. Noch schlummert das Weib in ihr. Doch man merkt es: Eines Ruckes nur bedarf es, damit sie erwacht, daß die Rose sich entfaltet, daß die junge kaum gehobene Brust stürmisch wogt im jähen Pulsen des jungen Blutes . . . Aber — sie ist eine Evastochter: Sie schaut ruhig zu, wie in ihrem Innern ein Ungekanntes, Neues erwacht und erwächst! Neugierig schaut sie, doch nicht erschreckt. Erschreckt blickt der Bräutigam. Burschen entwickeln sich viel langsamer als Mädchen; er schaut viel unreifer und kindischer drein. An seinen Schläfen zittern unter feinrosiger Haut einige dünne, blaue Aderfäden. Sein Blick ist verwundert, fast erschreckt . . . Der weiß nicht, was in ihm wird, was in seinem jungen Herzen sich emporrankt und -ringt. . Ich gewinne sie beide recht lieb, sie sind ja so neu, so frisch, so ernst und —■ so kindisch . . . „Nur vor dem Hause!“ hat man ihnen eingeschärft; doch sie verschwinden bald im Walde ... „Gauner!“ — „Nimmersatt!“ — „Tollhäusler!“ — „Zuchthäusler!“ tönt es aus dem Zimmer der Schadchonim mitten in meine Gedanken. Ich rücke auf meiner Bank wieder näher zu den beiden Alten, die ihr unterbrochenes Gespräch wieder aufgenommen haben. „Nun?“ — frägt ungeduldig Reb Awrejml. „Ja — was wollt’ ich nur sagen?“ — beginnt der Schwäher — „Die Hauptsache hätt’ ich fast vergessen . . .“ „Was ist es denn, Schwäher?“ „Ich wollte fragen —, fragen wollt’ ich — wegen der Mitgift. Ich gebe bares Geld . . .“ „Ah!“ i „Und Ihr?“ „Ich — ich —“ stammelt Reb Awrejml — „ich natürlich auch — nicht alles . . .“ „Das soll heißen?“ „Zweihundert Rubel bar . . Der Schwäher zieht eine saure Miene. „Für den Rest“ — Reb Awrejmls Worte werden langsam und schüchtern — „einen Wechsel.“ „Ein Wechsel“ — erwidert der Schwäher kühl — „ist kein Bargeld; und Ihr wißt, Bar—geld . .“ „Ich weiß — gewiß; — doch Ihr wißt ja — die