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Das jüdische Echo · 1916-04-28 · 17 (28.4.1916) · p. Seite 159

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
17 (28.4.1916)
Date
1916-04-28
Page
Seite 159 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 159 Gelder eines Krämers — da und dort; — bis man sie zusammenbringt . . Schwere Schweißtropfen rinnen über Awrejmls eingefallene Wangen. „Ich nehme keinen Wechsel!“ _ unterbricht der Schwäher entschieden und will aufstehen Reh Awrejml faßt ihn am Ärmel: „Schwäher, macht doch keine Schwierigkeiten! Ihr wißt, ich bin für den Betrag gut, ich bin ja — Gott sei Dank — wohlhabend ... „Ein Wechsel ist kein Bargeld!“ „Ihr wollt also, daß ich in die Stadt gehe, und mir Geld beschaffe? Nun — bekommen werd’ ich's wohl, glaube ich! . . .“ „Natürlich will ich das, das ist mir sehr lieb!“ — entgegnet lächelnd der Schwäher. „Nun — wenn Ihr wollt, will ich nicht!“ „Also — mit — Fleiß?“ „Ja — mit Fleiß!“ Nun wird der Schwäher böse. Sein Antlitz ist blaß, seine Augen brennen. Er springt auf und ruft: „Schmul!“ Keine Antwort. Er schreit noch lauter: „Schmul! Schmu — ul!“ Aus dem Wald tönt zitternd eine Stimme: „Was willst du, Vater?“ Der Zorn des Alten wächst: „Du hast herzukommen, Bengel, wenn dich der Vater ruft. Sofort kommst du her! Verstanden?“ Schmul erscheint. Atemlos läuft er heran. Hinter ihm läuft die Braut mit verwundert — großen Augen. „Mit einem fremden Mädchen geht man nicht spazieren! Hast du verstanden? Sie ist nicht mehr deine Braut. Du gehst sofort nach Hause — zieh’ den Sabbatrock aus, nimm dein Wochentagsgewand! »— und marsch! ins Beth—Hamid rasch!“ „Sprinze, wo bist du?“ — ruft er heiser ins Zimmer — „Sprinze!“- Der Bräutigam steht wie versteinert, die Braut weint leise. Reb Awrejml sitzt da wie ein Häuflein Unglück. * * * Ich sitze am Waldesschatten am Ufer des Sees. Der blutrote Sterbensglanz der Sonne ist vergütet und blasses Mondsilberlicht flutet nieder. Aus dem dunkel-kristallnen Wasserspiegel blickt mich der Abendhimmel an — und das Spiegelbild erscheint mir schöner, weicher, beinahe echter als das Urbild. Doch es wird oft zerrissen; denn ein' leichter Wind treibt über die Wasserfläche Und sie krümmt und runzelt sich faltig ... Leise rauschen die Blätter, leise zittern die Wellenr.inge auf dem See, . . . leise hauchen die Blumen ihren duftigen Atem . . . leise tönen von ferne die zarten Flötenläufe der Nachtigall . . . . Wie Zauberland umgibt mich alles; — ich atme auf einer neuen Erde eine andere, reinere, heilige Luft . . . Alles ist hier neu und frisch, als käme es eben aus Schöpfers Hand . . . Hier wird die Sehnsucht, — hier erwacht die Liebe zum All; denn alles ergießt sich in die Seele ... Auf dem See wird ein dunkler Schatten sichtbar; er formt sich zu einem kleinen Fischerkahn. Das Wasser umrauscht ihn schmeichelnd und bewirft ihn neckend mit weißem Schaum, wie mit Kirschblüten. Im Kahn sitzt der Fischer Wassili j, mein Freund vom See, führt das Ruder und singt dabei: Mein Himmel, ich liebe dein Auge, Dein Sternenauge so rein. Ich liebe dein träumendes Dämmern, Es träumt mich ins Eden hinein. Du bist mir Leben und Seele, Dir dank’ ich mein Leben zumal: Denn meine Seel’ ist gewoben Aus deinem weißsilbrigen Strahl. Du bist alles Leid, alle Freude, Die mir durch die Seele zieht; Die Zaubermacht deiner Schönheit, Sie ist mein einziges Lied .... Der Gesang verstummt; doch noch lange tönt das Lied fort, in mir und um mich. Im Wald und auf dem See tönt es jedes Blättchen, jeder Wellenkreis wider. Dieselbe Weise liegt in dem fernen Lied der Nachtigall; und jede Blume haucht sie duftend zu mir her . . . Alles flüstert e i n Verlangen, e i n Sehnen einer Seele . . . * * * Der Kahn kommt näher. Ein neues Lied ertönt, eine griechische Weise:*) Da nachts wir uns küßten, mein Mädchen, Hat keiner uns zugeschaut; Die Sterne, die standen am Himmel, Wir haben den Sternen getraut. Es ist ein Stern gefallen, Der hat dem Meer uns verklagt. Da hat das Meer es dem Ruder, Das Ruder dem Schiffer gesagt. Es sang derselbe Schiffer Es seiner Liebsten vor; Nun singens auf Straßen und Märkten Die Mädchen und Knaben im Chor. Das Lied schweigt. Die Luft wird schwer und schwül. Dickbrausend rollt mein Blut in den Adern . . . Ich bin wie berauscht; ich glaube, alles um mich ist berauscht . . . Bald weicht der Zauber. Wassilij beginnt ein drittes Lied, ein fröhliches Volkslied: Küß mich, mein Mädel, küß mich, Laß das Gerede der Leut’! Liebe fragt nicht nach Leuten, Mit Fragen verliert man die Zeit! „Liebster, mein Liebster, ich fürchte, „Mutter merkt die Geschieht’. „Sie fragt: Warum gehst du stets einsam „Und mit den Freundinnen nicht?“ Küß mich, mein Mädel, küß mich! Sag ihr: „Ich mag sie nicht seh’n, Kann denn so ein feines Mädel Mit groben Bäuerinnen gehn?“ „Liebster, mein Liebster, ich fürchte, „Vater merkt die Geschieht’. „Fragt’ mich, Warum gehst du Wildfang „Mit unseren Burschen nicht?“ Küß mich, mein Mädel, küß mich! Vätern sag’: „Keiner ist’s wert; Mir ist kein Bauernlümmel, Mir ist ein Fischer beschert.“ „Liebster, mein Liebster, ich fürchte, „Großmutter merkt die Geschieht’. „Sagt: Du wirst immer voller, „Dir schließen die Kleider nicht.“ *) Statt der Übersetzung lasse ich Chamissos Umdichtung dieses Volksliedes folgen. D. Verf.

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