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Das jüdische Echo · 1916-04-21 · 16 (21.4.1916) · p. Seite 148

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
16 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
Seite 148 (sequence 12)
Language
German
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148 Das Jüdische Echo Nr. 16 Moritz: . . . Es werden fünfzehn gewesen sein. Bary: Wer denn; nenne sie. Außer deinem Vater also wer? Moritz: . . . Der Chasen, Reb Jizchok Leim, Reb David Ungeschehn, der Schauchet, Reb Jacob Schenkwirt . . . Bary: Schauchet, was ist das? Schreiber: Das ist der Schächter, der das koschere Fleisch schlachtet. Bary: Aha. Der hat wohl auch das Mädel „geschächtet“. Moritz: Ja. Bary: Wie macht er das? (Moritz zieht mit dem Finger eine Linie um seine Kehle.) Er schnitt ihr also die Kehle durch? Moritz: . . . Ja. Bary: Und schreien konnte sie nicht, weil ihr der Mund geknebelt war. So. eine scheußliche Mörderbande lebt nun unter uns gutmütigen Christen! Das Blut wurde aufgefangen, denn darauf hatten sie’s doch abgesehn; wie? worin denn? Moritz: . . . in Schüsseln und Töpfen, auch in einem Krug. Bary: Ihr braucht das für eure Osterkuchen, für die sogenannten Mazzes? Moritz: Ich glaub schon. Bary: Dein Vater war mit unter denen, die auffingen? Moritz: Ja. ... Er hatte den Krug. Bary: Was geschah dann mit der Leiche? _ Moritz: Ich weiß nicht. Bary: Und wohin taten sie die Gefäße mit Blut? Moritz: Ich weiß nicht. Bary: Du hast also nicht bis zu Ende gesehn? Moritz: Es kam jemand nachschaun, da lief ich. Bary: Dein Vater? Moritz: Reb Jisroel Zadok. Bary: Das genügt für heute. Heute sind wir einen tüchtigen Schritt vorwärts gekommen. Du mußt unterschreiben, daß du alle Angaben freiwillig gemacht hat. Das hast du doch. Du stehst frei vor mir. Moritz: Ja? Bary : Haben Sie? „Der Zeuge bestätigt, obige Aussagen freiwillig und der Wahrheit entsprechend . . .“ Unterschreibe. Moritz: Ich kann nur jüdisch. Bary: Also schreibe jüdisch. (Moritz schreibt.) Schreiber (vorbuchstabierend): „Moscheh ben Josef Scharf.“ Bary: Das genügt, es genügt ja. Schnell, lassen Sie anspannen, ich fahre selbst zu Baron Onody mit der guten Nachricht. (Bary ab; der Schreiber dreht sich hinter ihm um und speit in der Richtung nach Moritz auf den Boden; auf der Schwelle nachdenklich:) Schreiber: Das heißt ... ist doch ein armes Luder. — He, Pandur! Moritz (nachdenklich): Was spuckt er? Spuckt er auf mich? IV. Akt: 2. Szene: Ein großer Raum mit hochliegenden Fenstern und niederer Decke im Gefängnis. Die angeklagten Juden, in Gebetmäntel gehüllt; Lichter brennen auf einem mit weißem Tuch gedeckten Tisch unfern der Wand. Auf dem Tisch Rollen mit Mazzo, den dünnen runden Brotscheiben des Osterfestes. Rabbiner : Meine Brüder, wir wollen in Tränen den Sseder abhalten auch ohne die Bräuche. Wir wollen die Hagada beten, denn jeder von uns weiß sie zu beten auch ohne Buch. Dieses Jahr Knechte, das nächste frei. Dieses Jahr hier, das nächste in Jeruschalajim. V o r b e t e r : Und es wird uns gut anstehn, meine Herren, zu sagen: „Knechte waren wir im Land Ägypten“ und „das ist das Brot des Grams“. David Krakauer: Ich bin der jüngste. Ich werde ifragen: „Was unterscheidet diese! Nacht von allen anderen Nächten.“ Scharf (der mit verhülltem Haupt auf dem Boden sitzt, stöhnt tief auf). Jizchok Leim: Tröstet euch, Rabbi Josef! Kommt, steht auf. Esset etwas Mazzo und sitzt nicht wie einer, dem der Vater gestorben ist. Wir sollen das Fest der Freude feiern . . . (weint). Scharf (erhebt sein zerstörtes Gesicht): Reb Jizchok, ich sitze Schiwe um meinen Sohn. Mir ist mein Erstgeborner gestorben, Reb Jizchok: der hat mir noch vorher ins Gesicht geschlagen. Laßt mich fasten und sitzen, meine Herren. Der Ewige wird mir’s wohl vergeben. Vielleicht hat er einen Plan mit mir. Rabbiner: Wir wollen diese sieben Tage nichts zu uns nehmen als Mazzo und Wasser. So brechen wir das Gebot nur halb. Unter all unseren Sünden wird das die geringste sein. Aber da sie uns heute zueinander gelassen haben, damit wir beten können: so erheben wir unsere Stirnen zu Gott, schlagen unsere Brust und schreien zu Ihm mit unserer ganzen Seele: wir haben gesündigt, um unserer Sünde willen kommt uns der Fluch des Verdachts, um unserer großen, dauernden, blutroten Sünde willen. Alle (schlagen sich an die Brust): Wir haben gesündigt. Rabbiner : Um unsere Lauheit im Dipnst, um die Hast unsres Lebens, um die Gier nach Geld, um die Schmach des Verleugnens, um die Härte der Armen, um das Ausnützen der Waisen, um das Leihen auf Zins, das Langen nach Fremden — um unser Vergessen an Dich Tag und Nacht, Sommer und Winter, weil wir umherzogen und nicht deiner dachten, handelten und nicht beteten, beteten mit schneller Zunge und allem Wort, ohne das Herz: um unser ganzes ungöttliches Leben, alle unsere Jahre und Wochen, um unserer elenden Schwäche willen geschieht uns das. Alle (weinend): Wir haben sehr gesündigt, oh gerechter Richter. Jizchok Leim: Ich habe gesündigt. Ich härtete meiife Ohren gegen den Schrei eines Menschen in der größten Not.

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