Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 147 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 147 Das Jüdische Echo Tälern. Seme Zahl ist groß, aber ich sehe die Herzen: sie sind gefleckt und matt, und ich ängstige mich. Die Stimme: Die Kraft des Menschen ist gelegt in seine Hände und seine Wahl. J i z c h a k : Erhabener, es stieg die Kunde auf zu mir, daß Semael dein Volk bedrängt. Die Seligen neigen ihre Häupter trauernd, die Lüge des Blutes hängt wolkig über seinem Land, und ich: siehe, ich stehe hier, ich ertrug nicht mehr meine Sorge. Denn das ganze Volk ist auf die Schulter eines Knaben gelegt, und ich fürchte, sein Rücken könnte brechen, und das Volk hinrollen in den Abgrund und in Semaels Reich. Die Stimme: Breiter ist die Schulter des Knaben als die Kante zwischen Böse und Gut. J i z c h a k : Ich aber stehe hier, für den Knaben zu flehen. Denn er ist hingestreckt, gebunden wie ein Opfer, und in ihm ganz Israel. Siehe aber, ich entsinne mich, daß auch ich, ein Knabe, ausgestreckt lag auf den Hölzern des Brandaltars, und das Messer meiines Vaters zuckte nach meiner Kehle. Und eine grauenvolle Angst erscholl in mir, und ich ward schwach und schrie innen in mir gräßlich gegen meines Vater Hand. Die Stimme: Aber schon fiel der Cherub wie ein Stein herab auf des Berges Haupt, und in den Dornen Momiahs verstrickt harrte der Widder, Ersatz für dich. Jizchak: Ich weiß die Kräfte von Knaben, Herr, und wie gering sie sind! ich weiß, wie schnell ihr Herz sich erschöpft, wenn der Schweiß der Angst sie befällt und lähmt; wie jung ihre Seele, noch spielend in Träumen wie Kinder in Blumen, noch ungefestigt durch das Salz der Tränen und die Verzweiflung jedes Tages: und ich flehe zu dir mit beiden Händen: wenn es sein kann, möge ein Greis das Opfer sein und Abbild ganz Israels. Dlie Stimme: Ich wählte, und ich erlas diesen Knaben. Jizchak: O Herr, Herr, stärke ihn! Sende einen Engel herab zu ihm, daß er nicht zerbreche! Sende mich herab, nimm mich statt seiner an! Laß mich eingehen in seinen Leib und standhalten an seiner Statt! Die Stimme: Seine Seele bleibt allein in seinem Leibe, und du wohne unter den Seligen, Jizchak, mein Sohn. Jizchak (verzweifelt): Herr, Herr, ich fürchte, daß sie zerbricht! Und mit ihr das Volk! Die Stimme (gelassen): Sie zerbricht. (Jizchak fällt mit einem Schrei nieder, sein Gesicht in den Händen bergend; sein Körper bebt; die Stimme sanft:) O Hirte, o Getieuer, sollte es sein, daß ich dies Volk verlasse? Nicht sprießt das Samenkorn eines Grases außer meinem Blick, nicht prallen erloschene Sterne berstend aufeinander und erglühen neu unbewilligt von mir, nicht drängt sich das Haupt eines Kindes aus dem Schoße der Kreißenden ohne mein Ja: sollte es sein, daß das Herz meines Volkes fortgeworfen werde wider mich? Geh hin und sei gesegnet. Jizchak (erhebt sich gesenkten Hauptes): Vergib mir, Herr, ich schäme mich. Vorhang. III. Akt: 4. Szene: Vernehmungsziimmer. Moriitz allein, auf Barys Platz sitzend. Moritz: Mein Kopf tut mir weh; ich hab die ganze Nacht wach gelegen. Ich will nicht hungern, ich fiircht mich vor den Ratten, sie sind so groß und beißen! Und jede Woche will er mich zweimal hauen lassen — nein, nein! Das tut so weh! Warum soll ich nicht lügen? Er will doch belogen sein, er will durchaus. Das ist keine Sünde vor Gott, wenn er doch durchaus will. Und es schadet ja auch nichts. Mein Vater weiß ja, es ist nicht wahr, alle wissen’s ja; sie werden sagen: der Moritz hat gelogen, und gut. Da ist noch das Gericht; sie werden den Männern glauben und mir nicht; sie werden sagen; er hat gelogen, weil der Bary ihn so gehauen hat. Nu schön; ich will ihm erzählen . . . . (er lacht leise wie die Tür aufgeschlossen wird, stellt er sich mit dem Rücken zum Fenster. Eintreten Bary und der Schreiber; sie setzen sich hinter den Tisch, der Schreiber öffnet sein Protokoll.) Bary: Hast du dir’s also überlegt? Willst du dein Leugnen endlich aufgeben? Moritz: Ja- Bary: Gottseidank! Das ist vernünftig. Also erzähle. Moritz: Sie müssen mich fragen, ich erinnere mich schlecht. Bary: Gut; dann haben wir gleich alles, worauf es ankommt. Schreiben Sie jetzt. Du gibst also zu, daß die Juden die Esther Solymosi in der Synagoge geschlachtet haben? Moritz (nach einer Pause nickend, leise); . ... Ja. Bary (aufatmend): Endlich! Warst du dabei? Moritz (schnell): Nein, ich nicht. Bary: Aber du hast’s gesehn; belauscht; du warst neugierig; durchs Schlüsselloch, wie? M o r i t z :, Ja, ich hab durchs Schlüsselloch geschaut. Bary: Haben Sie notiert? „Zeuge gewahrte durchs Schlüsselloch . . .“ Bary: Hat dein Vater von innen zugeschlossen? Moritz: Es geht gar nicht von innen zu schließen. Bary: Da hast du also selbst zugeschlossen, nachdem dein Vater drinnen war, wie? Und dann bist du neugierig gewesen und hast durchgeguckt. Moritz: Ja. Bary: Was hast du also gesehn? Da war die Esther Solymosi angebunden. Moritz: Ja. Bary: Auf einem Tisch, wie? Moritz: Auf einem weißen Tisch. Bary: War sie nackt? Sie war doch nackt, nicht wahr? Moritz (wird rot): Ich weiß nicht genau . . . ja. Bary: Und was geschah mit ihr? Wieviel Männer waren dabei: zehn? ein Dutzend, oder mehr? zwanzig?