Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 144 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9119176--00806-9073632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 Das Jüdische Echo Nr. 16 den Grundstock unserer sittlichen Kultur bilden, wie aus dem Judentum die beiden anderen großen Religionen hervorgegangen sind, die unsere heutige abendländische wie morgenländische Kultur in ihrem inneren seelischen Gehalt recht eigentlich geformt haben, so wird das Judentum in Zukunft durch seinen ganz auf die Herrschaft des Geistes eingestellten Ethos die stärkste Gegenkraft gegen die Übersteigerung und Degenerierung des Machtprinzips zur Gewaltherrschaft bilden und somit ein Hüter und Wahrer der sittlichen Grundlage der künftigen Weltkultur sein. Religion im Felde. Zu diesem Thema schreibt der Feldprediger Rabbiner Dr. Baeck: „Eine Frage können die Gottesdienste jetzt oft anregen: Hat in der langen Dauer des Krieges die Frömmigkeit hier draußen eine Wandlung erfahren? In den ersten Monaten waren die innersten Tiefen der Seele bewegt worden; es war, als sei das Alte geschwunden, und man sollte ein Neues erleben —■ eine neue Zeit und ein neues Fühlen. ( Die religiöse Empfindung hatte damals etwas von einer Versöhnungstag-Stimmung. Darin lag bereits, daß so, wie sie damals war, sie nicht dauern konnte. Sie mußte gedämpfteren, werktäglicheren Regungen weichen; denn der Mensch muß nach den Stunden des Aufschwungs wieder auf der Erde seine Schritte tun, auf der Erde mit ihren Steinen und Ecken, ihren Anstößen und Windungen, und’ das gilt zumal von Soldaten. Vielleicht hat mancher, besonders in der Heimat, das bedauert, etwas entbehrt, wenn das ergreifende Andachtsbild jener ernsten Zeit, das vielleicht mancher daheim wie ein Schauspiel genossen hatte, verblaßt oder verschwunden war. Aber jene Wandlung ist nur zum Guten gewesen. Denn mit ihr wurde die Möglichkeit gegeben, daß die religiöse Stimmung sich befestigte, daß sie, gerade weil sie stiller und auch nüchterner wurde, dafür mit dem seelischen Leben jedes Tages verwuchs. Es konnte gewissermaßen aus der Feiertagsreligion die Werktagsreligion aufwachsen. Das, was ein hohes Fest der Seelen gewesen war, konnte zu einem stetigen, bleibenden Bedürfnis werden. Wenn die Beobachtungen nicht täuschen, so hat diese Umlagerung sich in unseren Mannschaften vollzogen. Es gibt unter den vielen, begreiflicherweise, mannigfache seelische Formen, es gibt Oberflächlichkeit und Tiefe; aber durchgängig will es doch scheinen, daß das Verlangen nach der Religion und das Verhältnis zu ihr wie auch das Bedürfnis nach dem Gottesdienst ein stärkeres geworden ist, ein sicheres und stetigeres, gerade weil sein Ton stiller geworden ist. Diese Beobachtungen besagen um so mehr, da immer hier darauf geachtet wird, daß die Teilnahme an den Gottesdiensten eine völlig freiwillige, keine anbefohlene ist. Mit alledem ist zugleich gesagt, daß es keine besondere Kriegsfrömmigkeit ist, die in den Gemütern wohnt; eine solche würde im Frieden, unter den veränderten Eindrücken, auf den gewohnten Bahnen des Daseins, auch sehr bald dahinschwinden. Was der Religion hier draußen einen eigenen Zug gibt, in dem besonderen Dasein, das der Soldat durchlebt, ist nichts eigentlich Außerordentliches. Ein stilles seelisches Element tritt in ihr hervor und befestigt sich mehr und mehr. Es ist die Ehrfurcht und die Dankbarkeit. Sie sind ja beide in ihrem innersten Grunde eines; denn wahrhaftig dankbar kann nur der Ehrfürchtige sein. Es ist die Ehrfurcht vor dem, was über das menschliche Sinnen und Wollen und Können hinausgeht, und die Dankbarkeit gegen diese höhere Macht, die Dankbarkeit für das, was an so manchem Tage als Geschenk erlebt wird. Diese Ehrfurcht und diese Dankbarkeit sind die stärksten Wurzeln der Religion; aus ihnen wird die Frömmigkeit in den Friedenszeiten weiterwachsen.“ Jüdische Kunst im Kriege. Vor einigen Tagen zeigte mir eine Münchener Dame eine Reihe vortrefflich gearbeiteter Kunstgegenstände: kupferner, mit Silber eingelegter Vasen, Teller und Becher, Schüsseln in geschmackvoller Triebarbeit, Kassetten und Schreibtischgeräte aus hellem Mahagoni mit Perlmutter- und Ebenholzbeschlägen, die sie soeben aus Palästina erhalten hatte. Wir standen bewundernd vor den edlen Formen der Kunstgegenstände und ihrer Ornamente, und ein wunderbares Gefühl beschlich uns bei dem Gedanken, daß sie mitten im Kriege mit seiner Not und Unrast im heiligen Lande entstanden waren und Zeugnis ablegten von der nimmer rastenden Arbeit an der Erneuerung von Erez Israel, zu der die Kunstwerkstätten „Bezalel“ in Jerusalem, an denen jüdische Künstler eine neue jüdische Kunst zu erwecken sich bestreben, seit Jahren ihr Teil beitragen. Als der Krieg ausbrach, glaubte man, die Kunstwerkstätten „Bezalel“ würden diese schwere Prüfung nicht überstehen. Und dennoch gelang es, sie zu erhalten, und zwar dadurch, daß amerikanische Juden, die kurz vor dem Krieg Palästina besucht und den Wert dieses Kunstinstitutes erkannt hatten, vom provisorischen Zionistischen Komitee in New York die Gewährung eines monatlichen Darlehens von 600 Dollar erlangten, das nach dem Kriege durch den Verkauf der sich jetzt in Jerusalem ansammelnden Kunsterzeugnisse gedeckt werden soll. Die neuen Erzeugnisse des Bezalel, besonders die Silberwaren, weisen neue und eigenartige Züge auf, was wohl auf den Einfluß des Kunstgewerblers Lazar Strich zurückzuführen ist, der gerade vor dem Kriege die technische Leitung der Werkstätten übernommen hatte. Die großen Vorräte an Rohmaterialien, die die Werkstätten bei Kriegsausbruch besaßen, genügten annähernd für das erste Kriegsjahr. Nunmehr werden die nötigen Rohstoffe im Lande aufgekauft oder — soweit möglich— aus Berlin eingeführt. Der Vertrieb der Waren in europäischen Ländern, der gerade vor dem Kriege einen erfreulichen Aufschwung genommen hatte, ist jetzt natürlich behindert, doch erwies es sich immerhin als günstig, daß große Warenbestände in Berlin aufgestapelt waren, die nun z. T. bei einer' in Warschau einsetzenden großen Nachfrage nach Bezalel-Waren (auch aus deutschen Militärkreisen) dorthin gesandt werden konnten. Nicht nur die Werkstätten des Bezalel halten trotz des Krieges ihre Tore geöffnet, sondern dank dem Eifer des künstlerischen Leiters Prof. Boris Schatz hat auch der Unterricht in der Kunstgewerbeschule in Jerusalem keine Unterbrechung erfahren. Gegenwärtig sind Lehrer und Schüler beschäftigt, aus getriebenem Kupfer, Stein, Elfenbein und Emaille eine Thoralade herzustellen, die ein Meisterwerk zu werden verspricht. Lehrer und Schüler haben ihre letzten Ersparnisse zum Ankauf der benötigten Mate-