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Das jüdische Echo · 1916-04-21 · 16 (21.4.1916) · p. Seite 143

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
16 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
Seite 143 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 Das Jüdische Echo 148 Tageserscheinungen und Zeitstimmungen nicht widerlegen. Und von irgendwelcher praktischen Forderung oder irgendwelchem politisch-aktuellen Programm ist hier keine Rede; es muß dies zur Vermeidung von Mißverständnissen und falschen Forderungen mit aller Deutlichkeit betont werden Weder wird hier eine unmittelbare, organisatorisch gestaltete Zusammenarbeit beider Völker gefordert, noch auch werden politische Konsequenzen aus unserer Erkenntnis gezogen. Hier handelt es sich vielmehr nur um eine kulturgeschichtliche Angelegenheit, die zu ihrer Realisierung langer Zeiträume bedarf. Daß aber diese Realisierung erfolgen wird — vielleicht ohne jede bewußte Mitwirkung der beiden Völker —, diese Überzeugung glauben wir aus dem Vergleich von Deutschtum und Judentum schöpfen zu dürfen. In welcher Form sich aber diese weltkulturelle Zusammenarbeit beider Völkeru gestalten, in welchen Bahnen sich die Wirksamkeit des Judentums im Rahmen der künftigen Weltkultur bewegen wird, wer wollte und könnte es heute schon sagen? Auf eine bestimmte Tendenz nur dieser Wirksamkeit kann und soll bereits hingewiesen werden: Das Judentum wird vor allem die Aufgabe zu erfüllen haben, innerhalb der künftigen Weltkultur ein Gegengewicht gegen die ihr drohende Gefahr der Übersteigegerung des Machtprinzips zu bilden. Diese Gefahr resultiert aus dem inneren Wesen der kommenden Weltkultur. Wir sagten bereits, daß ihre beherrschende Eigenart in ihrem sozialen Charakter bestehen wird, in der unbedingten Unterordnung der Einzelnen unter die Gesamtheit. Die Gesamtheit aber schafft sich ihre Ausdrucksform und findet die konkrete Realisierung ihres Willens in der Organisation; Organisation wird daher die allbeherrschende Parole der Zukunft sein, in noch höherem Maße als es bisher der Fall war. Alle Organisation aber beruht auf dem Machtprinzip; Organisation ist Macht. Solange der Einzelne — in der theoretischen Lebensanschauung wie in der praktischen Daseinsgestaltung — der entscheidende Faktor war, wie im 18. Jahrhundert, war Idie herrschende Idee die des Rechts; denn der einzelne Mensch, sofern er nicht als Glied einer Gesamtheit, sondern als gesondertes Individuum auftritt, kann Ansprüche und Forderungen nur durch eine Berufung auf angebliche „natürliche“ Rechte begründen; daher denn alle Staatstheorien und sozialen Lehren jener Zeit vom Gedanken der jedem angeborenen natürlichen Rechte ausgingen. Gesamtheiten, Organisationen hingegen stützen ihre Forderungen nicht auf Rechte, die ihnen zukommen, sondern auf die Macht, die sie besitzen. Hand in Hand mit der Überwindung der individualistischen Grundtendenz der Aufklärungszeit durch die kollektivistische Richtung erfolgte daher auch die Verdrängung des Rechtsprinzips durch das Machtprinzip, welcher Prozeß durch die beginnende historische Denkweise noch sehr verstärkt wurde. Denn die Geschichte lehrt die Haltlosigkeit aller Theorien von den natürlichen Rechten, wie sie auch die Auffassung von dem Einzelindividuum als dem primären und grundlegenden Elemente des menschlichen Lebens widerlegt. Das Primäre war jederzeit die Gruppe, die Gesamtheit gewesen; der Einzelmensch in seiner bewußten Selbsterkenntnis als gesondertes Individuum ist erst ein Produkt höchster Kulturentwicklung. Und weil die natürliche Grundlage des geschichtlichen Daseins nicht der Einzelne, sondern die Gruppe ist, existieren auch für ihn keinerlei „natürliche und angeborene Rechte: daß ein Mensch ist, gibt ihm noch keinerlei Berechtigung zu irgendwelchen Ansprüchen und Forderungen (mit Ausnahme des Rechts auf sein nacktes Dasein). Solche besitzt er erst als Glied der sozialen Gruppen, denen er angehört. Und da er von ihnen sein „Recht“ herleitet, muß er dieses durch seine Stellung innerhalb seiner Gruppe begründen; muß er seine „Rechte“ erst durch Gegenwerte, die er bietet, sich erwerben, durch Leistungen, Verdienste, durch Bedeutung und Wert, kurz gesagt: durch die „Macht“, die er besitzt. Denn „Macht“ ist eben nichts anderes als die Summe dessen, was einer „vermag“, als der Ausdruck eines sozialen Wertes. Nur weil einer — ein Einzelner oder eine Gesamtheit — etwas kann und vermag, hat er ein „Recht“ auf Berücksichtigung, hat er ein „Recht“ zu Ansprüchen, und das Maß seines „Vermögens“, seiner „Macht“ bildet auch den Maßstab seiner „Rechte“. „Macht“ ist eben „Recht“, nur darf die „Macht“ nicht oberflächlich und falsch als nur äußere Kraft, als physische Gewalt verstanden werden, sondern ebensosehr, ja vor allem auch als geistig-innere Kraft. Alle Kultur besteht in diesem Sinne in nichts anderem als in solcher Höherentwicklung des Wesens der „Macht“, von der rohen physischen Gewalt zur inneren, geistigseelischen Kraft. Aus all dem Gesagten ergibt sich die Erkenntnis, daß in der Weltkultur der Zukunft das Machtprinzip noch von viel größerer Bedeutung sein wird als es schon bislang gewesen. Mit der immer stärker werdenden Betonung der kollektivistischen Tendenz, mit der immer umfassender werdenden Ausdehnung des Organisationsgedankens wird auch das Machtprinzip in immer steigendem Grade das Denken und Leben der Völker durchdringen. Darin aber ruht naturgemäß eine Gefahr, daß es übersteigert und zur äußeren Gewaltherrschaft entstellt wird, was den inneren Zusammenbruch der Kultur, die Vernichtung ihrer sittlichen Grundlage und die Zerstörung ihres geistigen Gehalts bedeuten würde. Für alle auf kollektivistischorganisatorischer Grundlage aufgebaute Kultur bildet die Degenerierung des Machtprinzips die innere Gefahr, an der sie scheitern können und auch zuweilen gescheitert sind; man denke vor allem an das alte Rom. Gegen diese Gefahr wird das Judentum ein Gegengewicht von außerordentlicher Wirkungskraft darstellen. Der jüdische Geist und der jüdische Ethos sind die radikalsten Gegenpole aller Gewalt. Die Stärke und das Geheimnis des jüdischen Volkes beruht seit jeher im Geistigen. Niemals hat dieses Volk größere Macht besessen, — selbst zur Zeit seiner höchsten Machtstellung war der jüdische Staat nur ein bedeutungsloser Kleinstaat zwischen den Großmächten Assyriens und Ägyptens, — und hat doch größere Bedeutung für die Weltgeschichte erlangt als alle machtvollen Weltvölker des Altertums, und hat seine Existenz bis heute gesichert, da von jenen nur noch Trümmer und Gräber künden. All dies verdankt es nur seinen geistig-kulturellen Leistungen; und zumal seit der Vernichtung des jüdischen Staates und der Zerstreuung des Volkes über alle Länder hin existiert es ja lediglich durch die Kraft seines inneren geistigseelischen Zusammenhaltens. So bildet die Existenz des Judentums einen machtvollen Protest gegen die Herrschaft der rohen Gewalt im Völkerleben und ein unvergleichliches Zeugnis für den Triumph des Geistes und des Ethos in der Geschichte. Und darum: Wie vor zwei Jahrtausenden die jüdischen Propheten jene ethischen Normen der Welt verkündet haben, die noch heute

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