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Das jüdische Echo · 1916-04-21 · 16 (21.4.1916) · p. Seite 142

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
16 (21.4.1916)
Date
1916-04-21
Page
Seite 142 (sequence 6)
Language
German
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142 Das Jüdische Echo Nr. 16 i durch seine negativen Anlagen bestimmt; denn alles Schaffen ist ein Überwinden, ein Sichdurchringen; und die Natur der Widerstände, die es zu überwinden gilt, gibt dem Geschaffenen seinen entscheidenden Charakter. Gott ist nur das Ziel des menschlichen Strebens und Wirkens; dieses selbst aber bestimmt vielleicht der Teufel, der hindernd im Wege steht, in stärkerem Grade noch als Gott. Dieselbe Erscheinung zeigt sich nun auch bei der anderen bedeutsamen Gedankenparallelität, die wir zwischen Deutschtum und Judentum feststellen konnten: der kollektivistischen Gestaltung der Ethik und der Lebensform. Sie ist nicht, wie oberflächliche Beurteiler wähnen, das Zeichen eines mangelnden Individualitätsbewußtseins der einzelnen Volksglieder, sondern im Gegenteil das deutliche Symptom einer stark individualistischen Veranlagung. Der Individualismus der Juden ist unzähligemal schon als eine beherrschende Eigenart seines Wesens erklärt worden. An seiner inneren Uneinigkeit ist der altjüdische Staat zugrunde gegangen. Kein Volk ist heute noch innerlich so gespalten und zerrissen, wie das jüdische, von dem das eigene Sprichwort sagt, daß drei Juden stets vier verschiedene Meinungen hätten. Und der Individualismus des deutschen Volkes, braucht er erst durch Beispiele bewiesen zu werden? Offenbart ihn nicht die deutsche Geschichte auf Schritt und Tritt? Ging nicht ebenfalls an seiner Uneinigkeit der mittelalterliche deutsche Staat zugrunde? War nicht durch Jahrhunderte hindurch Deutschland, fähig einer der machtvollsten Staaten der Welt zu sein, der schwächste und verachtetste von allen infolge seiner Zerrissenheit? Und heute noch: wo gibt es so viele Eigenbrödler, Schrullenjäger und Trotzköpfe wie in Deutschland? Darum eben bei Judentum und Deutschtum die überaus stark soziale Gestaltung ihrer Ethik, darum eben bei beiden die unbedingte Höherstellung der Gesamtheit über den einzelnen, darum die unerhörte Disziplinierung und Organisation. Weil nur so die Gefahr, die beiden von ihrer übersteigerten individualistischen Veranlagung her droht, überwunden werden kann, nur so der Zusammenschluß des gesamten Volkes zu einheitlichem Tun und Schaffen möglich ist. Völker, die — wie die Franzosen — in sich viel gleichartiger, ausgeglichener sind, dürfen ihren einzelnen Gliedern ruhig mehr Freiheit gewähren; die soziale Veranlagung des einzelnen sichert die Eintracht der Gesamtheit. Wo aber jeder anders ist als sein Nachbar und jeder trotzig auf seinem Recht besteht, da ist strengste Disziplinierung geboten und notwendig. Und wir werden nach alledem nicht staunen, wenn wir nun auch in dem Werdegang beider Völker, in ihrer geschichtlichen Entwicklungslinie gewisse ähnliche Kurven und Formen wahrnehmen; wird doch der Lebenslauf eines Menschen wie die Entwicklung eines Volkes letzten Endes durch seine Wesensart bestimmt; ist doch die Geschichte einer Nation im tiefsten Grunde nur die Wiederspiegelung ihrer inneren Eigenart. Und so erkennen wir in der inneren Entwicklungslinie der deutschen wie der jüdischen Geschichte trotz aller großen Verschiedenheiten in vielem —• die ganz selbstverständlich sind — doch auch bestimmte Ähnlichkeiten in ihrem Verlauf. Bei beiden der rasche, jähe Sturz nach einer Epoche höchsten Glanzes, bei beiden jahrhundertelange Not, Zersplitterung, Unterdrückung durch die anderen Völker, bei beiden durch lange Zeit hindurch ein Abseitsstehen von den großen politischen und materiellen Leistungen der Menschheit und eine um so intensivere Konzentrierung auf das geistige Schaffen, bei beiden dann das plötzliche Erwachen zur politisch-nationalen Selbstbesinnung — die bei den Deutschen bereits erfolgt ist, bei den Juden erst beginnt —, bei beiden die sonst nicht gesehene Erscheinung einer zweiten Blüteperiode der Nation, einer Wiederholung ihrer ersten Glanzzeit, die bei den Deutschen bereits aller Welt offenbar, bei den Juden aber von den Besten der Nation erträumt und erhofft wird. Es ist, als wären diese beiden Völker von dem Genius der Menschheit dazu ausersehen, stärker als alle andern an sich das menschliche Leben in seinen beiden höchsten Ausdrucksformen zu verwirklichen: der tiefen Not und Qual des Ringens, und der beseligenden Wonne und Lust des Überwindens; als seien ihnen vor allen anderen die schwersten Opfer auferlegt und der höchste Lohn zuerkannt; als seien sie beide, hineingestellt., wie kein anderes Volk zwischen Triieb und Überwindung, zwischen Versuchung und Reinheit, zwischen Qual und Glück, zwischen Teufel und Gott, bestimmt, die höchsten Repräsentanten des menschlichen Lebens zu sein; denn was ist das tiefste Wesen alles Menschlichen anders als eben dieses In-der-Mit.te-stehen zwischen Gott und Teufel? Jedes von beiden erfüllt diese seine Bestimmung auf eigenem, besonderem Wege, und es wäre nicht schwer, die großen Unterschiede und Abstände, die beide Wege trennen, darzustellen. Aber es ist hier nicht unsere Aufgabe, denn nicht auf die Verschiedenheit der Wege, sondern auf die Parallelität ihrer Richtung kommt es uns hier an. Und nachdem wir eine solche Parallelität über alle Differenzen und Gegensätzlichkeiten hinweg haben feststellen können, ist uns die Antwort auf die Frage, von der wir bei der Erörterung des Problems Deutschtum und Judentum unseren Ausgangspunkt nahmen, schon gegeben. Die weltkulturelle Aufgabe des Judentum s m u ß d ie d e r i n t e n s i v s t e n positiven Mitarbeit an der künftigen W e 11 k u 11 u r sein. Denn diese Weltkultur wird sich in derselben Tendenz bewegen, von der die gesamte weltkulturelle Wirksamkeit des Judentums beherrscht wird. Darum war das moderne Judentum eine der stärksten Kräfte in der Kritik und Zerstörung der alten, individualistischen, im Grunde englisch-französischen Kultur, um Raum zu schaffen für die neue deutsche soziale Weltkultur, die in ihrem tiefsten Wesen den jüdischen Kulturtendenzen parallel ist. So manche politischen Staatenbündnisse hat der Krieg zertrümmert, sp manche neue auf fruchtbarer Wirtschafts- und Kulturgemeinschaft gegründete Völkerbünde geschaffen; im Lichte der neuen großen Zukunft, die unser nach dem Kriege harrt, erblicken wir auch das Bild einer innigen und starken Kultur- und Geistesgemeinschaft von Deutschtum und Judentum. Ich weiß, daß dieser Gedanke starkem, ja heftigem Widerspruche begegnen wird: bei Deutschen ebenso wie bei den Juden. Ich weiß, daß so mancher Deutsche es ablehnen wird, kulturelle Bundesgenossenschaft mit dem jüdischen Volke zu knüpfen und mancher Jude zur Antwort auf den vielfachen Antisemitismus hinweisen wird, der in Deutschland herrscht. All dies aber sind .keine Gegenargumente, die unsre Überzeugung erschüttern könnten. Wias geschichtliche Betrachtung und völkerpsycholgische Erkenntnis lehren, können

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