Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Das Jüdische Echo Nr. 16 persönliche Mut und die Zuverlässigkeit des jüdischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurde. Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der jüdische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natürlich gibt es auch Fälle, wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit „solcher Elemente“ hineinleben konnten. Die ungeheuere sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmähten „internationalen Denkweise jüdischer Führer, mit der man früher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklärte. Die Führer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenführer ä la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben ä la Herve billige blutrünstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D’Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der Jude Ludwig Frank’), vielleicht der fähigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel — wie er wünschte — als ein einfaches, aber schönes Beispiel treuer Vaterlandsliebe. Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen über den Mannheimer, über den Rechtsanwalt, über den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, daß ein Sozialdemokrat patriotisch sein könne. Daß er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Möglichkeit verschwiegen. .— Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Daß man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwähnen, daß der erste deutsche Volksführer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so hochstehenden Rasse wie der jüdischen, von der Tausende im öffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstätten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen könnte, daß Mannesehre und Würde bei ihnen nicht zu finden wäre. Der Auftakt zum jüdischen Kongreß. Am 27. März hat in Philadelühia eine Veranstaltung stattgefunden, die vielleicht einen Markstein in der Geschichte des jüdischen Volkes bilden wird: die vorbereitende Konferenz zu einem jüdischen Kongreß, der zwischen dem 5. Septemb. und dem 3 1. Dezember in Washington stattfinden soll. Auf diesem Kongreß, der auf einer nationalen, demokratischen Basis ruhen soll, werden die Juden Amerikas die berechtigten Ansprüche ihrer Stammesgenossen zu formulieren suchen, um sie auf einem künftigen Friedenskongreß zu vertreten. Zwei Punkte bilden das Hauptprogramm des künftigen Kongresses. 1. Die Forderung voller politischer und bürgerlicher Rechte für die Juden in denjenigen Ländern, in denen ihnen solche bisher vorenthalten wurden; 2. die Erörte- 4) Der bekannte Genosse Davidsohn „nur“ zweimal verwundet, nunmehr Offizierstellvertreter. rung der Schaffung einer Heimstätte für - das jüdische Volk in Pa- 1 ä s t i n a. Der neulich stattgehabten Konferenz sind bekanntlich ernste Diskussionen vorausgegangen, die hauptsächlich daraus entstanden, daß das American Jewish Committee, dem eine Reihe der bekanntesten amerikanisch-jüdischen Kapitalisten und Philanthropen angehört, sich wegen der demokratischen Basis des Kongresses weigerte, sich ihm anzuschließen. Seine Mitglieder glauben, von der Vertretung der allgemeinen jüdischen Rechte durch einige einflußreiche jüdische Persönlichkeiten Amerikas größeren Erfolg versprechen zu dürfen. Auch aus den Kreisen gewisser Arbeiterführer machte sich einiger Widerstand gegen die Kongreßbewegung bemerkbar. Daß der Kongreßgedanke, obwohl diese Widerstände bisher nicht überwunden worden sind, in der Masse des jüdischen Volkes in Amerika Wurzel geschlagen hat, wird bewiesen durch die Tatsache, daß auf der vorbereitenden Versammlung vom 27. März 357 Delegierte aus 28 amerikanischen Staaten anwesend waren. 28 national-jüdische Gesellschaften waren durch 131 Delegierte und 28 lokale Vereine durch 226 Delegierte vertreten. Im ganzen repräsentierte die Konferenz 3381 Zweigvereine und etwa 1 Million amerikanischer Juden. Zum Ehrenvorsitzenden der Konferenz wurde der als Mitglied des Obersten Gerichtshofes und als Förderer der zionistischen Bestrebungen bekannte Louis D. Bra-ndeis, zum Vorsitzenden Richter Hugo P a m aus Chicago erwählt. Daneben machten sich Dr. Stephen Wise und Joseph Barondess um die Organisation der Versammlung verdient. Am ersten Verhandlungstage wurde das Programm des künftigen Kongresses folgendermaßen festgesetzt: 1. Der Kongreß erörtert die Fragen: a) der Erlangung voller bürgerlicher, politischer und religiöser Rechte für die Juden in allen denjenigen Ländern, in denen ihnen solche Rechte bisher vorenthalten worden sind; b) der Erlangung nationaler Rechte für die Juden in denjenigen Ländern, in denen solche anerkannt werden oder werden sollten. 2. Der Kongreß befaßt sich mit den Fragen der jüdischen Entwicklung in Palästina in allen ihren Phasen. 3. Der Kongreß beschäftigt sich mit der Zusammenarbeit mit Juden in allen andern Ländern zum Zweck der Förderung des Kongreß-Programmes. 4. Der Kongreß erörtert die Frage der Einsetzung eines Ausschusses, der die Kongreßbeschlüsse der Friedenskonferenz unterbreiten soll. 5. Der Kongreß berät über die Einsetzung eines Kongresses als einer ständigen Einrichtung. 6. Der Kongreß erörtert die Frage einer durchgreifenden Hilfstätigkeit in den vom Kriege betroffenen Ländern. 7. Der Kongreß behandelt die Fragen jüdischer Wanderung in allen ihren Phasen. 8. Der Kongreß erwägt die finanzielle Verantwortlichkeit, die durch die Kongreßbewegung geschaffen werden mag. Charles B. Strecker. Boston, unterbreitete dann der Versammlung ein Memorandum über die Lage der Juden in Rußland und Polen, in dem er u. a. sagte: „Wir wollen der Welt und allen Gliedern unsres Volkes, allen Regierungen und Nationalitäten klarmachen, daß wir, die in