Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 16 (21.4.1916)
- Date
- 1916-04-21
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Das Jüdische Echo Nr. 16 Genossen unsres Stammes geben, die unbeschreiblich leiden und deren Leid uns inmitten unsrer eignen Freude übermannt. In diesem Jahre sind noch mehr bittere Tropfen als sonst in den Wein unsres Frohsinns gefallen — es schien, als wollte der Geschmack der herben Kräuter von unsren Lippen nicht weichen. Wir gedachten derer, die der Krieg verschlungen oder doch aus ihrer Heimat und Arbeit herausgerissen hat und die am Pessachtage kämpfend im Felde stehen. Wir gedachten der Unseligen in Galizien, Polen und Rußland, deren Heimstätten verwüstet wurden, die heimatlos umherziehen. Wir gedachten derer, die ausgezogen sind, den Boden des heiligen Landes zu neuer Blüte zu zwingen und die nun der bitteren Not und andren Leiden ausgesetzt sind. Und daneben dachten wir voll tiefer Besorgnis daran, was noch kommen, was über das unglückliche, in der Verbannung lebende Volk noch hereinbrechen mag: Wir fühlen nun schon seit Monaten, daß sich über unsern Häuptern eine Wolke zusammenzieht, wir hören aus allen Winkeln des Landes, für das unsre Söhne bluten und sterben, flüsternde Stimmen zu uns dringen, die es heute noch nicht wagen dürfen, laut zu werden, die aber im Geheimen desto beängstigender sich alle möglichen Verdächtigungen und Bedrohungen gegen uns und unsresgleichen zuraunen und eines Tages ihr furchtbares Haßlied laut erschallen lassen werden. Wir gedachten unsrer Brüder in den besetzten Gebieten des Ostens, denen die Polen einen wirtschaftlichen Kampf bis zur Vernichtung angedroht haben und die nun voll banger Sorge warten, ob man sie der polnischen Willkür ausliefern oder ihre nationalen Rechte und wirtschaftlichen Ansprüche anerkennen und vor Vergewaltigung schützen wird. Am schmerzlichsten aber gedachten wir jener Gerüchte, die in den letzten Wochen aus Rußland zu uns gedrungen sind: daß allenthalben Hetzer am Werke sind, den wachsenden Unwillen des russischen Volkes von der Regierung ab- und auf die Juden hinzulenken, indem man ihm das alte grauenvolle Märchen vom Ritualmord erzählt. Wir hörten, daß der Doppeladlerverein in Kiew ein Rundschreiben verschickt hat, dessen Schluß lautet: „Die Juden haben unsren Zaren und unsre christliche Armee für Silberlinge verraten, und ihr Osterbrot wird auch diesmal wieder Chri- Reitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-T attersall Amaiienstr. 27 Trambahniinie 2, 3, 10, 26 Prospekte auf Wunsch stenblut enthalten. Seid auf der Hut! Jede rechtzeitige Unschädlichmachung eines jüdischen Verräters rettet ein sonst der grausamen Vernichtung preisgegebenes Bataillon. Tod den verräterischen Juden!“ Wir hörten, daß in 11 russischen Städten die jüdischen Gemeinden um behördlichen Schutz baten, und daß dieser von den Polizeidepartements verweigert wurde. Und wir fragten uns bang am Sederabend: Geschehen vielleicht in dieser selben Nacht im Zarenreiche unaussprechlich furchtbare Dinge? Wird etwa morgen oder übermorgen Kunde zu uns dringen, daß die böse Saat auf fruchtbaren Boden gefallen ist und unsre schwer geprüften Brüder in Rußland die Feier des jüdischen Freudenfestes mit ihrem Leben bezahlen mußten? Während wir noch voll freudiger Dankbarkeit die Geschichte lasen, wie Gott sein Volk in das gelobte Land führte, erfüllte uns tiefes Leid, daß wir das gelobte Land wieder verloren haben, daß wir zerstreut und ohnmächtig in der Verbannung leben, ein »Spielball fremder Mächte1 und eine Ahnung beschlich uns, daß unser Geschick erst dann sich wenden kann, wenn jenes „Leschana haba’a bi Jeruschalajim!“, das wir seit vielen Jahrhunderten beten, sich endlich erfüllt haben wird. — H. P r i e s t e r. Das Schächtverbot In München. Ein Beschluß des Münchener Lebensmittelversorgungsausschusses vom 13. April will das Schächten von Rindern im Münchener Schlächthof verboten wissen. Der Beschluß gründet sich keineswegs auf den vielfach besonders von Laienseite vorgebrachten, von ersten Autoritäten der Wissenschaft längst gründlich widerlegten Vorwurf der Tierquälerei beim Schächten. Er soll vielmehr bezwecken, das Blut aller hier geschlachteten Tiere für die Herstellung einer billigen Kriegswurst bereitzustellen, während /infolge des Schächtakts ein Teil des Bluts verloren geht oder für jenen Zweck unbrauchbar wird. Bisher wurde das gesamte Blut der hier geschlachteten Tiere nur für technische Zwecke verwendet. Wir behalten uns vor, auf die grundsätzliche Seite der Frage später einzugehen und möchten heute nur bemerken, daß bei aller Anerkennung der Bedeutung der Volksernährung, besonders im jetzigen Zeitpunkt, doch andererseits auch die hier in Betracht kommenden religiösen Intier essen Berücksichtigung beanspruchen dürfen, umsomehr als bei der kleinen Zahl di e r geschachteten Tiere die allgemeine Volksernährung eine kaum bemerkbare Einb u ß e erleidet. Wir sind überzeugt, daß die Instanzen, die in der Angelegenheit mitzusprechen haben, diesen Momenten eine Beachtung nicht versagen werden. Nach Redaktionsschluß erfahren wir, daß es den emsigen Bemühungen des Herrn Rabbiner Dr. Werner und einiger andren Vertreter der Münchener jüdischen Gemeinde gelungen ist, den