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Das jüdische Echo · 1916-04-14 · 15 (14.4.1916) · p. Seite 131

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 131 bewiesene Menschlichkeit Herrn Schiff, der es bestreitet, ein Antizionist zu sein, vor einer solchen Verdächtigung schützte, so könnte man nur glauben, daß er aus persönlichen Gründen in einem Augenblick, da die Zionisten Palästinas mit dem Mißtrauen gewisser türkischer Verwaltungsbeamten schwer zu kämpfen haben, den Zionismus bei der türkischem Regierung verdächtigen wolle. (Denn er, der alle jüdischen Fragen auffe genaueste Studiert, muß ja wissen, daß die Zionisten niemals die Türkei bedroht, sondern ihr jederzeit'ihre Loyalität und ihre Nützlichkeit für den Staat bewiesen haben, die nicht kleiner dadurch wird, daß sie offen zugeben, in erster Linie um der Erhaltung des Judentums (nicht des türkischen Reiches) wegen Palästina als Heimstätte zu erstreben. Er muß wissen, daß der Zionismus nach wie vor mit der türkischen Oberhoheit über das jüdische Gemeinwesen rechnet. Oder glaubt er im Ernst dem Geschwätz einiger törichter Hitzköpfe, wie sie sich auch in den zionistischen Reihen finden? Jacob Schiffs widerspruchsvolle Rede ist nichts weiter als ein trauriger Beweis dafür, daß der rasende amerikanische Kampf ums Dasein, die kurzatmige amerikanische Utilitätsmoral geeignet sind, in den Juden Amerikas, selbst in denen mit den edelsten Gaben, den Egoismus auf Kosten der „Jiidischkeit“ in erschreckend hohem Maße zu entwickeln. Denn wer sein jüdisches Verantwortlichkeitsgefühl bewahrt, der kann nicht wünschen, daß die Juden irgend eines Landes aus eigennützigen Bedenken den Augenblick ungenützt Vorbeigehen lassen, in dem sie vielleicht als Fürsprecher aller ihrer Stammesgenossen auftreten können oder daß sie — bestenfalls — sich durch allerlei Hintertürchen an eine Regierung herandrängen und sie zu überreden versuchen, durch Vertretung der Rechte einer unterdrückten Menschengruppe fern in Osteuropa ihrem Glorienschein einen noch helleren Glanz zu verleihen. Mara. ^JDic Weltkultur der Zukunft. (Aus Nachum Goldmanns Schrift: „Von der weltkulturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums“, auf die zurückzukommen wir uns Vorbehalten.) Wer von uns hat nicht die Empfindung, mehr, die tiefinnerste Überzeugung, daß mit diesem Kriege eine geschichtliche Epoche zu Ende geht und eine neue beginnt, daß dieser Krieg, soll er nicht für immer den Beweis der inneren Sinnlosigkeit alles historischen Geschehens und damit alles menschlichen Daseins bedeuten, das Zeichen einer ungeheueren Zeitwende darstellt, den Auftakt zu einer neuen großen Zukunft der Kulturmenschheit? Und noch mehr als dies ist uns heute tiefste Überzeugung: daß diese neue Zukunft, die sich nach dem Kriege anbahnen wird, unter dem Zeichen des deutschen Geistes stehen wird, daß der Sieg Deutschlands für lange Zeit hinaus die Verlegung des Schwerpunktes und Fiihrertums der künftigen Kultur im Deutschtum bedeuten wird, ohne aber, daß dies irgendwelche gewaltsame Unterdrückung der anderen Nationalkulturen bedeuten müßte oder dürfte. So wird die kommende Weltkultur in ihrem innersten Wesen deutsche Kultur sein, und damit ist ihre Eigenart, die sie von der bisherigen scheidet, schon bestimmt. Deutsche Kultur bedeutet soziale Kultur, bedeutet die Höherstellung der Gesamtheit über den Einzelnen, bedeutet die Fundierung aller Ethik und Moral, allen Rechts und aller Konvention auf dem Primat des Kollektiven. Wie die Idee des Organismus den tiefsten Gehalt des deutschen Denkens bildet, so stellt der soziale Gedanke das beherrschende Prinzip der deutschen Gesellschaftsordnung;, der deutschen Kultur dar. Der Gang der europäischen Kulturentwicklung erhält, von diesem Gesichtspunkte betrachtet, innersten Sinn und tiefe Folgerichtigkeit. Das Mittelalter war die Epoche völliger Unterdrückung des Einzelnen zugunsten der Gesamtheit; das’ Individuum existierte als solches' gar nicht, die Genossenschaft war alles. Die Renaissance und die Reformation proklamierten die Entdeckung des Individuums; es beginnt das individualistische Zeitalter, die völlige Befreiung jdes Einzelmenschen, die Proklamierung seiner Autonomie. Dies vollbracht zu haben, macht die weltgeschichtliche Bedeutung Englands und Frankreichs, aus. Der Individualismus aber in seiner maßlosen Übertreibung führte zur Krisis: es entstand das große soziale Problem unserer Zeit, das in erster Reihe aus dem extrem individualistischen Grundprinzip unserer heutigen Wirtschaftsordnung geboren wurde. Der wirtschaftliche Egoismus des Einzelnen kannte schließlich keine sittliche Schranke mehr; eine innere Wandlung ward notwendig; dieser Krieg leitet sie ein. Wie er einerseits in dem maßlosen wirtschaftlichen Egoismus Englands seine Ursache hat, so hat er andererseits zum ersten Male jene ungeheuere Sozialisierung verwirklicht, in der wir in unseren Monaten leben, und die früher niemand für so schnell durchführbar gehalten hätte. Damit ist der Grundakkord zur neuen Zukunftskultur angeschlagen; sie zu schaffen ist vor allem die Aufgabe Deutschlands. Das Schlagwort, das sie kennzeichnet, ist von den Gegnern bereits proklamiert: Militarismus nennen sie es. Jawohl, militärischer Geist wird diese neue Kultur beherrschen: denn militärischer Geist bedeutet sozialen, kollektivistischen Geist, der aber dabei die Einzelpersönlichkeit achtet und anerkennt, ihr aber gerade durch ihre Unterordnung unter die Gesamtheit ihre höchste Würde verleiht. (Ich darf in diesem Zusammenhang auf meine in der Sammlung: „Der deutsche Krieg“ erschienene Schrift: „Der Geist des Militarismus“ verweisen, in der ich dieses ganze Problem eingehender behandelt habe.) Hoch aufragend am Beginn der modernen Zeit, die zur Vorherrschaft Deutschlands führen sollte, steht der große Banner-Träger deutschen Geistes: Kant. Er hat für alle Zeiten den tiefsten Gehalt deutschen Wesens und deutscher Weltanschauung formuliert in seiner Lehre von der Autonomie der Persönlichkeit, die gegründet ist auf der Würde der Gesamtmenschheit, in der Proklamierung des kategorischen Imperativs, der die sittliche Norm des Individuums sich bedingen läßt durch das Gesetz der Allgemeinheit. Wem die Hegelsche Geschichtsdialektik gefällt, der kann sie hier so gut anwenden: Bedeutet das Mittelalter mit seiner völligen Bindung und Unterdrückung des Individuums zugunsten der Gesamtheit die Thesis, bedeutet die neue Zeit von der Renaissance bis zur französischen Rev^'hon, die Ertoche dp»- Vorherrschaft der englisch-französischen Kultur mit ihrer Proklamierung des schrankenlosen Individualismus die Antithesis, so stellt die neue deutsche Kultur mit ihrer Versöhnung beider großen Prinzipien, des kollektivistischen und des individualistischen, mit ihrer innigen Verknüpfung von Individuum und Gesamtheit die Synthesis dar. In rücksichtsloser Kritik und Negation mußte das 19. Jahrhundert, eingeleitet durch

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