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Das jüdische Echo · 1916-04-14 · 15 (14.4.1916) · p. Seite 130

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
15 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Das Jüdische Echo Nr. 15 Ihnen sagen, wenn auch eine kleine Zahl, einige Hunderttausend nach Argentinien gehen. Palästina, und ich spreche das mit voller Aufrichtigkeit aus, ist kein Land der Immigration, so lange die Zionisten die Türkei oder ein anderes Land, das e$ vielleicht besitzt, bedrohen mit der Absicht, ein separates Volk in Palästina zu errichten. Wir Jqden wollen Palästina, das Land, wo unsere'Wiege stand u,tjd .unsere Väter lebten, der Imnjiigration öffnen, wir können es aber nur tun, wenn wiru seine Besitzer versichern, daß wir, gute) Bürger, j sein und den Souverän anerkennen und nur dazu'beitragen wollen, das Land aufs günstigste zu entwickeln. Wir wollen zum Wohlergehen des Landes beitragen als gute Bürger des Herrn des Landes. Ich spreche, liebe Freunde, von Herzen zu Herzen. Ich möchte meinen zionistischen Freunden sagen, daß ich kein Antiz i ö n i s t bin, wenn auch Nichtzionist, ich möchte ihnen zurufen, die nicht hier sind: „Möge uns nichts trennen“. Laßt uns auf einer Plattform stehen, wo wir uns alle verständigen. Laßt die zionistische Flagge wehen für die Erinnerung Palästinas, laßt uns bemühen, das Mißtrauen gegen die. Juden zu entfernen, um es ihnen möglich zu machen, ungehindert nach Palästina zu gehen und dort zur türkischen Staatsbürgerschaft zugelassen zu werden. Wir wollen kein Volk im Volke bilden. Wir sind ein Teil eines großen Landes, um von seinem Gedeihen Nutzen zu ziehen, aber auch seine Lasten zu tragen und gleichmäßig seine Sorgen zu teilen. Wenn wir in diesem glücklichen Lande alle Bürgerrechte genießen, dürfen wir, den Juden nicht in eine separate Stellung drängen, denn, wenn wir das tun, könnte eine Zeit kommen, da wir oder unsere Nachkommenschaft weiter darunter zu leiden haben und bedauern, wenn es zu spät ist. Wir hörten eben von Senator Reed, was wir allerdings auch vorher wußten, daß die „I m m i g,r a t i o n - B i 11“ in erster Linie gegen die Juden gerichtet ist. Da haben Sie es. Es ist der Anfang, aber, wenn Ihr nicht vorsichtig seid..., wenn Ihr Euch separieren wollt, dann wird es nicht lange dauern, bis ein politischer Antisemitismus sein häßliches Haupt auch in den Vereinigten Staaten erheben wird. Wir sollen uns einigen, meine Freunde. Wir müssen Rechte für unsere unterdrückten Brüder, nicht als Juden, sondern als Amerikaner forderri, dann werden wir sie erhalten. Laßt uns einig bleiben und sei es nur wegen des tragischen Geschicks unsrer russischen Brüder, bleiben wir einig, damit das Judentum als ein Segen für die Menschheit erhalten bleibe“. Jacob H. Schiff hat einen großen Teil seines langen reichen Lebens und einen großen Teil seines Vermögens der Arbeit zum Wohle seiner jüdischen Brüder in Amerika und darüber hinaus geopfert, er hat es mit einer Wärme und Hingebung getan, die an seiner edlen Menschlichkeit keine Zweifel lassen. Umso unbegreiflicher erscheint es, daß einem solchen Manne die Erschei- Reitunterricht gründlich und zweokgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3, 10, 26 Prospekte auf Wunsch nungen des Alltags den Blick so sehr getrübt haben, daß er den Ausblick auf die letzten Konsequenzen seiner Politik völlig verloren hat. Von Einigkeit spricht Herr Schiff, von Einigkeit um der russischen Juden und der Erhaltung des Judentums willen! Sieht er denn nicht, daß er alles tut, um diese Einigkeit für alle Zeiten zu untergraben? Trotz der amerikanischen Volksschule, tlip in'(ejpem Grade assimilatorisch wirkt wie keine qndre, trotz des Grundsatzes der meisten amerikanischen Hilfsgeselischaften, dep, ^erwandernden Juden, nur soweit „jüdisch“ zu erziehen als seiner Entwicklung zum Amerikanismus dienlich, ist, haben sich die Juden Amerikas ihr Verantwortlichkeits- und nationales Zusammengehörigkeitsgefühl mit allen ihren nichtamerikanischen Brüdern bewahrt, wollen versuchen, die erste Gelegenheit zur Vertretung der jüdischen Nationalrechte zu ergreifen. Und nun tritt ihnen ein Mann, dessen Wort im Lande von großem Gewicht ist, entgegen und versichert ihnen, die Rücksicht auf die Einigkeit des amerikanischen Volkes gebiete ihnen, auf ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke zu verzichten. Der brutale amerikanische Gedanke vom großen amerikanischen Schmelztiegel, in dem alle nationalen Besonderheiten verschwinden müssen, verkündet von einem ,rJuden, der — aus Deutschland stammt! Die Möglichkeit einer Erklärung, wenn auch nicht einer Entschuldigung dieses Standpunktes bietet sich nur dann, wenn man sich klarmacht, daß Jacob Schiffs Lebenswerk der Erhaltung und materiellen Unterstützung tausender von jüdischen Existenzen gewidmet ist, die ohne ihn einfach zu Grunde gegangen wären, daß er die Erhaltung dieser Existenzen als ein Glück nicht für die Menschheit sondern für Amerika betrachtet und sich eine amerikanische Utilitätsmoral zurecht gemacht hat, die wenig über den Standpunkt hinauskommt: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ Aus einer Überschätzung des Wertes materiellen Behagens entspringt seine Unterschätzung menschlicher und nationaler Ideale. Der Jude, der für seine jüdischen Ideale kämpft, weiß, daß er Opfer zu bringen hat, aber es scheint, daß die amerikanische Judenheit auch vor Opfern nicht zurückschreckt. Wobei es immer noch fraglich erscheint, ob der von Herrn Schiff gefürchtete Antisemitismus in Amerika sich gerade auf dieses mannhafte Einstehen der Juden eines für den andren stützen wird. Was Herr Schiff — nachdem er sich einmal auf diesen amerikanisch-patriotischen Standpunkt gestellt hat — mit den Worten meint, um der unglücklichen russischen Juden, um der Erhaltung des Judentums willen wünsche er die Einigkeit, ist ganz unverständlich. Wiie von den Juden Amerikas, so erwartet er von jenen, denen er in Argentinien und Palästina immer neue Stätten der Ansiedlung erschließen will, daß sie sich mit ganzer Seele der neuen Heimat anschließen und ihre jüdischen Interessen hinter denen des betreffenden Staates zurückstellen. Wie denkt er sich dann die Erhaltung des Judentums? wie kann er sie — selbst wenn ihm nur die religiöse Seite erhaltenswert erscheinen sollte — für möglich halten, da er doch mit eigenen Augen sieht, wie in Amerika Tausende jüdischer Kinder ohne jeglichen Religionsunterricht aufwachsen und — bis ihnen einmal die Erkenntnis jüdisch-nationalen Zusammenhanges aufblitzt und zum Erlebnis wird — mit unfaßbarer Schnelligkeit dem Judentum verloren gehen? Und nun noch ein Punkt aus der Schiff’schen Rede: jener über Palästina. Wenn nicht seine oft

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