Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 14 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- Seite 125 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 125 du mein Kind?“ Die Magd redet aus dem Schlaf und weiß nicht, was sie spricht. Darüber erwacht auch meine Mutter und sagt zur Magd: „Wo hast du Qliickelchens Kind?“ Aber die Magd ist so verschlafen gewesen, daß sie keine Antwort hat geben können. Also sage ich zu meiner Mutter: „Mutter, vielleicht hast du mein Kind bei dir im Bett?“ Sie antwortet: „Nein, ich habe mein Kind bei mir“ — und hält es so fest an sich, als wenn man ihr das Kind wegnehmen wollte. Da fällt mir ein an ihre Wiege zu gehen und nach ihrem Kind zu sehen. Da ist ihr Kind in der Wiege gelegen und hat sanft geschlafen. Nun sage ich: „Mutter, gib mein Kind her; dein Kind liegt in der Wiege.“ Aber sie hat es nicht glauben wollen und ich mußte ihr erst ein Licht bringen und ihr ihr Kind geben, damit sie es recht besehen konnte. So habe ich meiner Mutter ihr Kind gegeben und das meine genommen. Das ganze Haus ist darüber wach geworden und alle haben sich erschrocken. Aber der Schrecken hat sich bald in Gelächer verwandelt und man hat gesagt: Bald hätten wir den gottseligen König Salomo (als Schiedsrichter) nötig gehabt. II. Zu jener Zeit hat man angefangen von Sabbatai Zewi*) zu reden. Aber „wehe uns, daß wir gesündigt“ und daß wir es nicht erlebt haben, wie wir es gehört und wie wir es uns fast eingebildet hatten! Wenn ich daran denke, wie damals alte und junge Leute Buße getan haben — das ist ja in der ganzen Welt bekannt. 0, Herr der Welt, wie wir gehofft haben, daß du mit deinem Volk Israel Barmherzigkeit üben und uns erlösen würdest. Alle deine lieben Knechte und Kinder in der ganzen Welt haben sich mit Buße, Gebet und Wohltun sehr abgemüht. Mein Gott und Herr, deswegen verzagt dein Volk Israel doch nicht und hofft täglich darauf, daß du sie in deiner Barmherzigkeit erlösen wirst. Wenn sich die Erlösung auch verzögert, so hoffe ich doch an jedem Tage, daß sie kommen wird. Wenn es dein heiliger Wille sein wird, so wirst du deines Volkes Israel schon gedenken. Was für Freude herrschte, wenn man Briefe bekam, (die von Sabbatai, Zewi berichteten,) ist nicht zu beschreiben. Die meisten Briefe haben die Portugiesen bekommen. Sie sind immer damit in ihre Synagoge gegangen und haben sie dort vorgelesen. Auch Deutsche, jung und alt, sind in die Portugiesen-Synagoge gegangen. Die portu¬ *) Sabbatai Zewi, dessen Glanzperiode in die Jahre 1665—67 fällt, wurde zuerst in Jerusalem und anderen Großgemeinden des Orients als Messias und Erlöser der Juden anerkannt. Die Nachrichten von seinen Wundertaten und von dem Jubel, mit dem er begrüßt wurde, versetzten auch viele Gemeinden des Abendlandes in einen Taumel messianischer Begeisterung. Speziell die portugiesischen Juden in Hamburg und Amsterdam wurden von dem Glanz und dem Schimmer, den das vermeintliche Messiaskönigtum jenes Abenteurers den Juden verhieß, mächtig angezogen und zu lärmenden Demonstrationen für den neuen Wundertäter veranlaßt. In Hamburg erhoben nur wenig Besonnene, wie der fromme und gelehrte Jakob Sasportas, Einspruch gegen dieses schwärmerische Treiben, an dem sich auch sehr ernsthafte und vornehme Männer, wie der Arzt und Gemeindevorsteher Benedict de Gastro und der bekannte schwedische Resident Manuel Texeira, aus voller Überzeugung beteiligten. giesischen jungen Gesellen haben sich allemal ihre besten Kleider angetan und sich grüne, breite Seidenbänder umgebunden — das war die Livrei von Sabbatai Zewi. So sind sie alle „mit Pauken und Reigentänzen“ in ihre Synagoge gegangen und haben mit einer Freude, „gleich der Freude beim Wasserschöpfen“, die Schreiben vorgelesen. Manche haben Haus und Hof und alles Ihrige verkauft, da sie hofften jeden Tag erlöst zu werden. Mein sei. Schwiegervater, der in Hameln wohnte, ist von dort weggezogen, hat sein Haus und seinen Hof und alle guten Hausgeräte, die darin waren, stehen lassen und seine Wohnung nach Hildesheim verlegt. Von dort hat er uns hierher nach Hamburg zwei große Fäßer mit Leinenzeug geschickt; darin waren allerhand Speisen, wie Erbsen, Bohnen, Dörrfleisch, Pflaumenschnitz und ähnlicher Kram und alles, was sich gut hält. Denn der alte Mann hat gedacht, man würde ohne weiteres von Hamburg nach dem Heiligen Lande fahren. Diese Fässer haben wohl länger als ein Jahr in meinem Hause gestanden. Endlich haben sie (meine Schwiegereltern) Furcht gehabt, das Fleisch und die übrigen Sachen würden zugrunde gehen. Da schrieben sie uns, wir sollten die Fässer aufmachen und die Eßwaren herausnehmen, damit das Leinenzeug nicht zu schänden werde. So haben die Fässer wohl drei Jahre gestanden und mein Schwiegervater hat immer gemeint, er sollte es zu einer Reise brauchen: Aber dem Höchsten hat es noch nicht gefallen (uns zu erlösen). Wir wissen wohl, daß der Höchste es uns gesagt hat, und wenn wir von Grund unsres Herzens fromm und nicht so böse wären, so weiß ich gewiß, daß sich Gott unser erbarmen würde. Wenn wir doch nur das Gebot hielten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Aber Gott soll sich erbarmen, wie wir das halten! Die Eifersucht, der grundlose Haß, der unter uns herrscht — das kann nicht gut tun. Dennoch, lieber Herrgott, was du uns zugesagt hast, das wirst du königlich und gnädiglich halten. Wenn es sich auch durch unsere Sünden so lange .verzögert, so werden wir es doch gewiß haben, wenn deine festgesetzte Zeit da ist. Darauf wollen wir hoffen und zu dir beten, großer Gott, daß du uns einmal mit der vollkommenen Erlösung erfreuest. III. Mein Mann war nun in Hamburg und erkundigte sich wie es dort stand. Da sagte ihm jeder, es wäre jetzt still, und es war auch wirklich so.*) Da schickte mir mein Mann einen Reisebegleiter, namens Jakob. Es war ein sehr treuer Mensch, aber er hatte den Fehler, daß er gern trank und sich (des Trinkens) wirklich gar nicht enthalten konnte. Mein guter Jakob kam also nach Hannover und schrieb mir von dort, daß ich mit meinen Kindern auch dorthin kommen sollte. Denn von dort nimmt man die Post nach Hamburg. Jetzt schrieb ich sofort nach Hildesheim an den jungen Abraham Kantor, der früher einmal bei uns gedient hatte: er solle sogleich zu mir nach Hameln kommen und mit mir nach Hamburg reisen. So fuhren wir nach Hannover und fanden unseren „geschossenen Jakob“ dort. Der ging sofort zu dem Postverwalter, der sein geschworener Saufbruder war, mietete Freitag für uns die Post und wir blieben am Sabbat in Hannover. Es war ein sehr elendes Wetter und ich hatte drei kleine Kinder bei mir. Den ganzen Sabbat über haben mein Schwager Leffmann und *) In Hamburg hatte die Pest gewütet.