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Das jüdische Echo · 1916-04-07 · 14 (7.4.1916) · p. Seite 122

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 122 (sequence 6)
Language
German
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122 Das Jüdische Echo Nr. 14 Wege, und sein Werk gehört zu den wenigen der Jetztzeit, die uns den neuen Weg des Dramas weisen. Er vertieft diese ganze krasse Angelegenheit, indem er sie in einen zwingenden Zusammenhang mit den unsichtbarn Mächten bringt, indem er das Geschehen auf Erden in sichtbaren, gesponnenen Fäden mit dem unendlichen Raum, mit der Gottheit in unlösbare Beziehungen bringt. Wie dies Zweig gelungen ist, ist das wunderbare und erhebende der Dichtung. Mit einer wahrhaftigen, durchaus nicht koketten oder konstruierenden Frömmigkeit bezieht er alles Irdische auf das Himmlische, und selbst ein Ungläubiger — liest er dieses Buch — muß für die Dauer der Lektüre und deren Nachwirkung fromm und gläubig werden. So aus tiefster Inbrunst heraus, aus tiem Schrei einer tliefempfindenden Seele, ist dieses Buch geschrieben. Daß es stellenweise zu breit angelegt ist, daß hie und da dramatische Ungeschicklichkeiten (wie z. B. die Prügelszene des Moritz) Vorkommen, mag dem Dichter für all das Schöne, das er uns zu geben weiß, verziehen werden. Es ist Zweig gelungen, aus einer scheinbaren Realität heraus Wege zum Drama und zur ernsten Dichtung zu finden. Aber noch mehr: uns Juden hat er endlich das „jüdische Drama“ beschert, um das die besten iunsier:er Dichter bisher vergebens gerungen haben. Arnold Marie. Dreißig Jahre Bilu. Die Geschichte einer palästinensischen Studentenkolonie von Eberhard, Deutsche Korpszeätung, 32. Jahrgang, Heft 17, Nr. 407, 1. Februar 1916. Ein eigenartiges Thema an eigenartiger Stelle! Man steht heute der Zionistenfreundlichkeit vieler deutschen Kreise etwas mißtrauisch gegenüber, und eine ausführliche Abhandlung über eine zionistische Studentenkolonie in Palästina könnte leicht den Verdacht erwecken, als ob hier wiederum jemand denen freundlich auf die Schulter klopfen will, die den Juden — recht weit von Deutschland entfernt ein Heim bereiten sollen. Eberhard, der Verfasser des Aufsatzes, verfolgt aber ganz augenscheinlich keinerlei Nebenabsichten. Er ist ein genauer Kenner der Verhältnisse in Palästina, und ehrliche Bewunderung treibt ihn, deutschen Korpsstudenten etwas von dem idealen Streben und Schaffen der Bilu-Studenten zu erzählen, deren Werk selbst in jüdischen Kreisen nur wenig bekannt ist: An der Universität Charkow bildete sich im Jahre 1883 eine studentische Vereinigung von 25 Mitgliedern, die die Vorkämpfer einer Wiedergeburt des jüdischen Volkes werden wollten. Sie gingen bei ihrem Vorhaben von denselben Gedanken aus, die etwa ein Jahrzehnt später Herzl ausgesprochen Hiiat. Das schlummernde Volksbewußtsein des Judentums sollte wiedergeweckt, die Liebe zu Zion sollte erneuert, alles im Golus sollte geopfert werden, um dem Boden Palästinas die besten Kräfte zu weihen. Der prophetische Spruch „Bet Jaakob Lechu Venhel’cha (Haus Jakobs, kommt, wir wollen gehen“ Jes. 2, 5) wurde zum Leitstern dieses Kreises. Dornenvoll war der Weg, den die Biluenser zu gehen hatten. Ihr Ziel erreichten sie nur insofern, als sie selbst in der Nähe des Fellachendorfes Katra ein Stück Land erwarben, das sie besiedelten. Unter außerordentlichen Entbehrungen führten sie die Kolonisation ihres Eigentums, das heute 450 Hektar umfaßt und von ca. 140 Seelen bewohnt ist, durch. Den hohen Idealismus der Bilu-Kolonisten vergleicht Eberhard mit der Charakterlosigkeit der nach Assimilation dürstenden Juden, die er mit dem Herzischen Wort „Mauschel“ brandmarkt, und er tut dies in einer Weise, die erkennen läßt, daß er den Ideengehalt des Zionismus voll erfaßt, daß dieser ihn mit Begeisterung erfüllt hat. Er schließt seinen Aufsatz mit den Worten: „Und um ihn (den Biluenser) herum wächst ein Geschlecht heran, das von kleinauf mit dem Boden der Väter verwachsen ist und in der Heimatluft gesund wird an Leib und Seele — ein verheißungsvoller Ansatz zu der Wiedergeburt der jüdischen Rasse, die sich nur vollziehen wird in Erez ^Israel, dem Lande der Väter, dem Erbe der Enkel.“ Hält hier ein deutscher Tacitus seinen Volksgenossen einen Spiegel vor? Mara. Die Lage der Juden in Polen. Über dieses aktuelle Thema hielt Herr Kommerzienrat Sigmund Fraenkel am 28. März im hiesigen Verein für Jüdische Geschichte und Literatur vor einem überaus zahlreichen Auditorium einen einstündigen Vortrag. Nachdem der Vortragende an einzelnen statistischen Ziffern auf den starken Bevölkerungsanteil der Juden im sogenannten Ansiedlungsrayon hingewiesen hatte, erörterte er die sozialen und religösen Gesichtspunkte, die diese lokalen Ghettos im Laufe der Jahrhunderte künstlich gezimmert und die von Jahr zu Jahr eine stärkere Zunahme der jüdischen Bevölkerungsziffern in den größeren und mittleren Städten Polens bewirkt hatten. Des weiteren habe sich seit Anfang der 90er Jahre durch die großen Judenausweisungen aus Moskau, aus den Ostseeprovinzen und Südrußland eine starke Einwanderung nach den westlichen Gouvernements vollzogen, bei welcher es sich nicht um Proletariermassen, sondern zumeist um tüchtige und wohlhabende Kaufleute gehandelt habe, die ihr bisheriges Domizil in Moskau, in den Ostseeprovinzen und im Süden verlassen mußten und sich nunmehr Büros und Fabriken in Warschau und Lodz errichteten, um ihre langjährigen geschäftlichen Beziehungen zu den großen Absatzgebieten im Innern des Reiches nicht zu verlieren. Diese letztere Einwanderung habe wesentlich zu der Erstarkung des wirtschaftlichen Antisemitismus beigetragen, den die polnische Bevölkerung seit etwa zwanzig Jahren in immer steigenden Maße gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern zum Ausdruck bringe. In dem Maße, in dem sich weiterhin Warschau mehr und mehr zu einem Zentrum jüdischer Literatur entwickelt und sowohl in Warschau wie in Lodz stark verbreitete, im Jargon geschriebene Tageszeitungen einen Einfluß im Sinne einer Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins auf die jüdischen Massen gewannen, habe der Zündstoff vom ursprünglich wirtschaftlichen Ausgangspunkt auf das kulturelle Leben übergegriffen. Aber erst die Dumawahl des Jahres 1912, die den Durchfall des Führers der antisemitischen nationaldemokratischen Polenpartei Dmowski gegenüber einem von den Juden unterstützten Sozialdemokraten brachte, habe die gegenseitige nationale Erbitterung in leidenschaftlicher Weise gesteigert. Die weitere Folge dieser nationalen Feindseligkeiten habe den wirtschaftlichen Boykott des jüdischen Handels- und Gewerbestandes seitens der Polen gezeitigt, dessen verheerende Wirkung für die mittleren und kleineren jüdischen Gewerbetreibenden der Redner im einzelnen schilderte. Der lachende Dritte bei diesen gegenseitigen Kämpfen sei die russische Regierung gewesen, deren Russifizierungsbestrebungen in demselben Maße Erfolg zu versprechen schienen, in welchem Polen und

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