Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 14 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- Seite 121 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 121 ragende Rolle spielen werden, führt der Verfasser eine Reihe von Momenten an, aus denen ihm die Verwandtschaft deutschen und jüdischen Wesens hervorzugehen scheint: Sowohl der Deutsche wie der Jude erfaßt die ethische Mission als Daseinszweck sowohl des Individuums wie des Volkes in seiner Gesamtheit. Sowohl der Jude wie der Deutsche ordnet das Wohl des Einzelnen dem Wohl des Staates unter, ohne doch individuelle Regungen zu unterdrücken; das Prinzip: „Ganz Israel ist verantwortlich einer für den andern!“ findet sich als entsprechend umgemodeltes Grundprinzip des Kantschen Rechtsstaates wieder. Endlich glaubt Goldmann auch in der tiefsten Wesensveranlagung des deutschen und des jüdischen Volkes, in ihrer beider steifnackigen und widerspruchsvollen Art, die nur durch strenge Unterwerfung unter die Gesetze nationaler und religiöser Ethik überwunden wird, eine innige Verwandtschaft zu finden. Auf Grund dieser Gemeinsamkeiten kommt er endlich zu diesem Schluß: „Wir sagten: die künftige Weltkultur wird in ihrem tiefsten Wesen deutsch sein, d. h. aber sozial und kollektivistisch, unter dem Zeichen der Pflichtidee stehend, und fragten: welche Aufgabe kommt dem jüdischen Volke für die Zukunft zu? Unsere Antwort kann jetzt nur die sein: Die weltkulturelle Aufgabe des Judentums muß in der intensivsten positiven Mitarbeit an der künftigen Weltkultur sein. Denn diese Weltkultur wird sich in derselben Tendenz bewegen, von der die gesamte weltkulturelle Wirksamkeit des Judentums bebeherrscht wird.“ Der Verfasser geht dann auf die speziellen Aufgaben des Judentums innerhalb dieses Rahmens näher ein; und erblickt dessen Aufgabe darin, durch seine geistig-seelische Macht die künftige Weltkultur von der ihr drohenden Gefahr der Übersteigerung des politischen Machtprinzips zu bewahren. Damit aber das Judentum aufs neue jene Schaffensenergie entfalten kann, die es zur vollen Lösung seiner Aufgabe befähigt, muß es zu normalen nationalen Bedingungen zurückkehren. Es muß das zionistische Zukunftsideal zur Ausführung gelangen. Kehrt das nach Goldmanns Anschauung, von deutscher Kultur stark beeinflußte Judenvolk nach Vorderasien zurück, so erfüllt es zugleich in einem neuen Sinne seine Aufgabe als Vermittler zwischen Abendland und Morgenland. Goldmann faßt diese Aufgabe in die folgenden Worte: „Das jahrhundertelange Ahasverdasein des jüdischen Volkes erhält neuen Sinn: bestimmt, Vermittler zwischen Vorderasien und Europa zu sein, mußte es. vom Ende der einen Vermittlungstätigkeit bis zum Beginn der neuen durch alle Länder und Völker Europas wandern, um fähig zu sein, ihrer aller Kultur wieder nach Vorderasien zu verpflanze n.“ Das ist im Wesentlichen der Inhalt der Goldmannschen Schrift. Man kann in vielen, sogar in den wesentlichsten Punkten andrer Meinung sein. Man kann daran zweifeln, ob wirklich das deutsche Volk befähigt ist, jene Synthese zwischen dem individualistischen und dem kollektivistischen Prinzip in einer Weise zu erfüllen, die das neue Kulturideal genannt zu werden verdient, und ob es daher zu dem Glauben an seine Kulturmission berechtigt ist; man kann daran zweifeln, ob ein derartiges Kulturideal, selbst wenn es dasjenige des deutschen Volkes ist, der Eigenart der andren europäischen und nicht-europäischen Völker ansepaßt ist oder ihr jemals angepaßt werden kann. Man kann daran zweifeln, ob wirklich trotz gewisser gemeinsamer Züge — Deutschtum und Judentum einander so wesensverwandt sind, daß sie zusammen an die Schaffung der neuen Weltordnung herangehen können. Man kann auch daran zweifeln, ob die von Deutschland und deutschem Wesen ausgehende Weltkultur in der Gestalt, die uns der Autor ahnen läßt, jemals so übereinstimmend mit jüdischen Idealen werden kann, daß der Jude in ihrer Herbeiführung die Aufgabe des Judentums sehen darf. Man muß aber trotz dieser Zweifel zugeben, daß Goldmanns Ideen sich zu einem erstaunlich großzügigen und neuartigen Gedankengebäude zusammenschließen. Die einzelnen Kernpunkte der Schrift zu kritisieren, ohne der Kritik einen breiteren Raum zu gewähren als dem Autor selbst, erscheint nicht tunlich. Man wird auf die Broschüre zurückkommen müssen, nachdem die Leser dieses Blattes den Verfasser selbst gehört haben. H. H. C. Literarisches Echo Arnold Zweig: „Ritualmord in Ungarn“, Jüdische Tragödie in 5 Aufzügen; Hyperion Verlag 1914, Berlin. Selbst uns Jungen, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch kein Verständnis für unsere Umwelt hatten, überkommt ein unheimliches Grauen, wenn wir an die Schreckenstage von Tisza Eszlar denken. Im Hause unserer Eltern wurde nur mit unterdrückter Stimme dieser Name eines ganz unbedeutenden Fleckens Ungarns ausgesprochen wie die schrecklichsten der 10 Plagen, und doch lag ein Glanz freudigster Genugtuung in der Stimme der Sprechenden, und als wäre der Messias gekommen, klang sie aus der Erzählung der großen Judentragödie, die in Tisza Eszlar ihren Mittelpunkt fand. Denn dort war für den Glauben an das Blutmärchen nahrhafter Boden, und das Schwert der Verfolgung schien selbst in Ungarn in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts schweben zu wollen über Judas Volk. Männer, denen Freiheit und Aufklärung höher standen als alles andere, wußten Licht in diese Wirrnis von bäurischer und demagogischer Verdummung zu bringen, um die Haltlosigkeit solcher Beschuldigungen sieghaft zu beweisen; die Namen des Dr. Eötvös und des Staatsanwaltes Szeifferth sind unvergänglich in der jüdischen Erinnerung. Man ist im ersten Augenblick überrascht, ein solches Thema, das eigentlich nach dem Kino schreit, von einem ernsthaften Dichter bearbeitet zu sehen und fühlt sich zuerst abgestoßen von dem Titel, den man eher auf dem Plakat des Vorstadttheaters in schreienden Lettern zu finden erwarten würde. Ist aber das Auge des Skeptikers einmal über den Titel hinweggestolpert, so wird sich ihm eine der prachtvollsten, gigantischen dramatischen Dichtungen offenbaren. Denn Zweig versteht es tatsächlich — man möchte es fast nicht für möglich halten — die schreiende Angelegenheit des Gerichtssaals zu einem großen Dichtwerke emporzuheben. Er geht als Dramatiker neue München, Weinstraße 13, altes Polizeigeb. Stets Eingang von Neuheiten. — Umarbeitung sämtlioher Zutaten. Preise billigst.