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Das jüdische Echo · 1916-04-07 · 14 (7.4.1916) · p. Seite 120

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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120 Das Jüdische Echo Nr. 14 nicht vorliegt, werden wir den Arbeitslosen entweder durch Arbeitshäuserbauten zu Hilfe kommen können, deren Umfang augenblicklich nicht angegeben werden kann, sowie durch einen Arbeitskredit in anderer Form. Es wird ein Mehlvorrat für Frs. 10.000.— angeschafft. Aus diesem Vorrat erhalten Arbeiter auf Grund von Anweisungen ihrer Arbeitgeber, insofern diese durchaus kreditfähig sind, Mehl, bezw. Brot. Dabei werden die Arbeiter keine Verluste von 30—40 Prozent beim Umtausch ihrer Lohnscheine erleiden, sondern das Brot zu normalen Preisen einkaufen können. Die Lohnscheine bleiben als Schuldscheine der betreffenden Arbeitgeber in den Händen des JNF bis nach dem Moratorium. So hat der JNF bereits Frs. 60.000.— für Notstandsarbeiten ausgegeben, also viermal so viel, als er an Spenden für diese Aktion eingenommen hat. Zu der Hifsaktion des Nationalfonds muß auch die Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Lebensmitteln gezählt werden. Mit Rücksicht auf die Situation wurde bei der Aufstellung der Wirtschaftspläne das größte Gewicht auf den Anbau der Nahrungsmittel, des Gemüses, sowie auf die Förderung der Milch- und Gefliigelw-irtschaften gelegt. Um einen Begriff von den Leistungen der NF-Wirtschaften zu geben, wollen wir nur die Quantitäten des im Jahre 1914 gelieferten Weizens angeben. Es lieferten die Arbeitergenossenschaften Mesra 229 665 kg; Dagania 192 500 kg; Merhawja 95 800 kg; Kinereth 26 100 kg; Hittin 12 800 kg. Wichtig sind bei dieser Verproviantierungsaktion nicht so sehr die gelieferten Mengen von Weizen, Gemüse, Milch usw., sondern die erzielte Wirkung auf die Regelung der LebensmittelpVeise. Die Getreide-Reserven der NF-Larmen haben am Anfang des Krieges den Lebensmittelwucher verhindert. Wir haben unser Getreide zu normalen Preisen abgegeben und es ist wert, erwähnt zu werden, daß wir Weizen im Betrage von über Frs. 40 000.— gegen Kredit und lediglich unter Garantie der Bank abgegeben haben. Da durch diese Transaktion unser Barbedarf in Palästina während des Krieges um diesen Betrag gestiegen ist, können wir ihn zu den Aufwendungen des JNF zur Linderung des Notstandes hinzurechnen. Der JNF hat somit insgesamt über Frs. 100 000.— für Notstandszwecke in Palästina während des Krieges zur Verfügung gestellt. Es ist angesichts der geschilderten Notlage zu hoffen, daß alle Freunde des JNF und produktiver Arbeit in Palästina jene Bemühungen tatkräftig unterstützen werden, die Hilfsaktion in Palästina nicht nur auf Grundlage von Gaben und Almosen, sondern durch Arbeit und Beschäftigung zu organisieren. Der Sinn des Judentums. Aus dem Wust der letzthin entstandenen Literatur, die sich mit der jüdischen Frage beschäftigt, ragt eine Broschüre empor, die in der Jaeckh’schen Sammlung „Deutsche Weltkultur und Weltpolitik“ im Verlage F. Bruckmann A.-G. München erschienen ist. Sie heißt „Von der weltkulturellen Aufgabe und Bedeutung des Judentums“, und ihr Veifasser ist der junge Schriftsteller Nachum Goldmann. Was Goldmann hier im Rahmen einer 53 Seiten starken Broschüre nur skizzieren konnte, das werden wir hoffentlich eines Tages ausgearbeitet, motiviert und durch Beispiele belegt in einem oder mehreren — sicherlich ziemlich umfangreichen — Büchern vor uns sehen. Und dann erst werden deutsche und jüdische Wissenschaftler zu Goldmanns Schrift Stellung nehmen können. In das Prokrustesbett einer kurzen Schrift gespannt, wirkt sein Gedankensystem verblüffend, anregend, auf viele vielleicht auch anfeuernd, läßt aber viele Fragen nicht oder nur andeutungsweise beantwortet, sodaß man dem Verfasser Unrecht zu tun fürchtet, wenn man diesen „Gedankensplittern“ kritisch gegenübertritt. Aus der Fülle der in der Schrift niedergelegten Gedanken seien die folgenden, die ihr Skelett bilden, hervorgehoben; Die Tat, die das Judentum im Altertum vollbrachte, war, daß es die Idee der Menschheit, daß es den weltkultur'eilen Gedanken schuf. Es erfaßte die Welt als Einheit und gelangte zur Idee des einen Gottes, der einen Menschheit und, darauf fußend, zur Missionsidee. Dieses ethische Ideal des Judentum, das Produkt einer demokratisch-sozialen Weltanschauung, meint Goldmann, ist — im Gegensatz zu landläufigen Anschauungen — viel mehr als das antike Griechentum die Grundlage unsrer heutigen Kultur. Indem das Judentum diesen Gedanken in der Welt verbreitete, ward es zum Vermittler zwischen dem vorderasiatischen und dem europäischen Kultursystem. Diese Vermittlertätigeit ward die eigentliche Aufgabe des Judenvolkes in der Diaspora. Zu dieser Vermittlertätigkeit gehört es auch, daß das mittelalterliche Ghettojudentum, jenseits der starken Gemeinschaften durch Kirche, Zunft, Stand usw. stehend, welche die übrige Bevölkerung Europas verband, gegenüber den kollektivistischen Tendenzen des Mittelalters am Aufbau der modernen, der individualistischen Weltanschauung mitschuf. In der Zeit seit der Emanzipation ist der Jude in die revolutionären Strömungen der Zeit gedrängt worden und hat in diesem Fahrwasser in besonders starkem Maße an der historischen Aufgabe des 19. Jahrhunderts mitgearbeitet: der Niederreißung der bestehenden Weltordnung, die zu Grunde gehen mußte, damit auf ihren Trümmern die sich vorbereitende neue Wieltkultur erblühen kann. Nach dieser logischen Vorbereitung gelangt Goldmann zu dem Kernpunkt seiner Gedankengänge, der Frage nach der künftigen Gestaltung der Weltkultur. Diese stellt er hin — und das ist das Verblüffende an seiner Broschüre — als eine Schöpfung des deutschen Volkes. Über den Inhalt dieser Kultur sagt Goldmann folgendes: „Bedeutet das Mittelalter mit seiner völligen Bindung und Unterdrückung des Individuums zugunsten der Gesamtheit die Thesis, bedeutet die neue Zeit von der Renaissance bis zur französischen Revolution, die Epoche der Vorherrschaft der englisch-französischen Kultur mit ihrer Proklamierung des schrankenlosen Individualismus die Antithesis, so stellt die neue deutsche Kultur mit ihrer Versöhnung beider großen Prinzipien, des kollektivistischen und des individualistischen, mit ihrer innigen Verknüpfung von Individuum und Gesamtheit die Synthesis dar. Als „soziale deutsche Zukunftskultur“ bezeichnet er diese Synthese. Um zu beweisen, daß diese Zukunftskultur ursprünglich auf jüdischen Tendenzen der Ethik beruht und daß bei ihrer Errichtung neben den Deutschen vor allem die Juden eine hervor-

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