Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 111 Konstantinopel gibt es heute Hunderte und Hunderte jüdischer Witwen und Waisen von Männern, die auf dem Schlachtfelde fielen. Eine der vorzüglichsten Hilfstaten der amerikanischen Juden zugunsten ihrer jüdischen Brüder war es, daß sie amerikanische Kriegsschiffe mit Geld, Nahrungsmitteln und Kleidung für die leidende Judenheit in Palästina sandten. Der Anblick dieser Kriegsschiffe der großen Republik hat viel dazu beigetragen, das Verhalten der türkischen Behörden gegen die Juden zu beeinflussen. Es zeigte ihnen, welche Achtung und Aufmerksamkeit die Juden in Amerika genießen. Ich erklärte den Türken, welche das Tun der amerikanischen Juden und ihr tiefes amerikanisches Gefühl bewunderten, daß, wenn sie ihren jüdischen Mitbürgern die gleichen Gelegenheiten im Staats- und Militärdienst böten, Mitwirkung an den Regierungsgeschäften und volle Rechte in jeder Beziehung, sich die Juden ebensosehr als loyale Türken erweisen würden, wie sie sich hier als loyale Amerikaner erweisen.“ Über die Kongreßbewegung in Amerika äußerte sich Herr Morgenthau zurückhaltend, sprach jedoch die Hoffnung aus, eine Gelegenheit zu erhalten, den beteiligten Kreisen die Lage in der Türkei sowie die Haltung der türkischen Behörden gegenüber den Juden und besonders gegenüber dem Zionismus auseinanderzusetzen. Zum Schluß sagte er folgendes: „Jetzt ist die Zeit, da alle Juden,'ganz gleich wo sie leben und in welchem Lande sie die Bürgerrechte erworben haben, ihre absolute Treue und Anhänglichkeit für ihr Adoptivvaterland beweisen müssen. Das schließt nicht aus, daß sie auch ihre aufrichtige Ergebenheit und Zugehörigkeit zu ihrer Religion beweisen können. Ich habe gefunden, daß man mir mit viel mehr Achtung und Anerkennung entgegengekommen ist als vielen andren, die ihrer Religion lauwarm gegenüberstanden oder sie ganz und gar läugneten.“ So bedauerlich es ist, daß Herr Morgenthau, der sich jederzeit der jüdischen Angelegenheiten in der Türkei mit großer Wärme und Umsicht angenommen hat, vorläufig seinem Posten fernbleiben wird, so ist andrerseits zu hoffen, daß seine Gegenwart und sein Einfluß sich in der künftigen Stellung amerikanischer Kreise zur Judenfrage günstig bemerkbar machen wird. Der „abgeschaffte“ Hnsiedlungs* Rayon. In ihrer Samstag-Nummer behandelt die „Frankfurter Zeitung“ die von uns mehrfach erörterte Tatsache, daß die russische Regierung, um die Stimmung in den Vereinigten Staaten einer Anleihe günstig zu gestalten, jetzt versucht, den Amerikanern einzureden, daß der Ansiedlungsrayon abgeschafft sei und die Bedrückungen der Juden aufgehört hätten. Wie wenig diese Behauptung den Tatsachen entspricht, beweist die folgende Schilderung der jetzigen Zustände in Rußland: Die russischen Polizeibehörden wissen absolut nichts von einem neuen Recht der Juden, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu leben. Genau wie vor Jahr und Tag werden die Juden aus den „verbotenen“ inneren Gouvernements brutal ausgewiesen ■— Kriegskrüppel mit eingeschlossen ... Nach ihren ständigen Wohnsitzen werden aus dem Reichsinnern die Tscherta-Juden zwangsweise bloß aus dem sehr einfachen Grunde nicht befördert, weil diese Wohnsitze, vielmehr deren verkohlte Ruinen und Schutthaufen, jetzt von 'den deutschen Truppen besetzt sind. Aber wie in alten „guten“ Zeiten werden heute überall, wo man unangemeldete Juden vermutet, nächtliche Massendurchsuchungen ganzer Straßen und Stadtteile vorgenommen. Hunderte von Juden mit ihren Säuglingen, Greisen und Siechen, die sich erdreisten in Kiew und Kursk, in Woronesch und Tula „gesetzwidrig“ sich aufzuhalten, d. h. die auf Grund des amtlich bekanntgegebenen Regierungserlasses nach diesen Städten sich in wahnsinniger Angst aus der Cholera- und Flecktyphushölle der Flüchtlingsnester hergerettet haben, werden verhaftet, ausgeplündert, ihrer regulären Legitimationspapiere beraubt und zurück nach den verpesteten Orten abgeschoben; in grausamer Willkür werden dabei die Familien auseinandergerissen, und kleine Kinder gehen verloren und verschwinden — eine auffallend häufige und wohl die tragischste Erscheinung des Flüchtlingsmartyriums. Alles blieb beim alten, manches ist noch viel schlimmer geworden. Und dieser Jammer wurde außerdem zu einer reichlichen Einnahmequelle detl russischen Behörden (ganz abgesehen von der althergebrachten „Handsalbe“). Ein Jude, der sich außerhalb der Juden-Tscherta begeben will, muß vorher drei oder vier Bittgesuche einreichen: an die Ortspolizei, an die Verwaltung des Gouvernements, in dessen Gebiet er sich zu begeben beabsichtigt, an die Militärverwaltung und in gewissen Fällen auch an eine vierte Stelle. Die Stempelgebühr für jedes Gesuch beträgt 2 Rubel. Von den Postämtern werden diese Eingaben ohne Beifügung der 6 bis 8 Rubel Stempelgebühren überhaupt nicht zur Bestellung angenommen. Und das Ergebnis der Eingaben ist Schweigen. Auch Telegramme mit bezahlter Drahtantwort bleiben unberücksichtigt. Unterdessen dauern auch die Verschleppungen aus dem Operationsgebiet fort, und ebenso wie im Mai und Juni gleiten schauervoll durch das Land die Flüchtlingszüge, vollgepfropft mit Juden, die physischen und seelischen Qualen ausgesetzt werden, von denen man auch in diesem Wahnsinnsjahre, das uns an so manches gewöhnt hat, sich kaum einen Begriff machen kann. Martin Bubers neue Zeitschrift. Eine neue Monatsschrift „Der Jude“ wird in den nächsten Tagen erscheinen. Schon vor dem Kriege war die Herausgabe eines Organs geplant, das, nicht in Parteiprogrammen befangen, alle um das lebendige Judentum bemühten Kräfte zusammenfassen sollte. Jüdisches Sein darzustellen und wirksam zu vertreten sollte seine Aufgabe sein. Nun während des Krieges wird die Zeitschrift „Der Jude“ gegründet, weil sie jetzt besondere Aufgaben zu erfüllen hat. Das äußere Schicksal eines großen Teiles des jüdischen Volkes ist in eine Umwandlung eingetreten, die sich nicht vollziehen darf, ohne daß das seine Zukunft bejahende Judentum sein Wort dazu spricht. Die Zeitschrift „Der Jude“ wird darzustellen versuchen, was an lebendiger Kraft, politischer Bedeutung, wirtschaftlichem Wert, kultureller Leistung, religiöser Inbrunst im Ostjudentum ruht. Sie will von dem gesamten ostjüdischen Leben Zeugnis ablegen. Sie will in Gegenwarts¬ und Zukunftsfragen sein Anwalt in der Öffentlichkeit werden. Sie will unrichtige und schädliche Anschauungen durch die richtigen ersetzen. Als eine in Deutschland, von deutschen Juden