Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9119173--00769-9073595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
110 Das Jüdische Echo Nr. 13 ^endlichen Geist Anregung, dem Auge Lust am Schauen und die Kunst zu schauen zu geben, die Erkenntnis, daß nichts das Selbstbewußtsein, den Drang und die Fähigkeit selbständig zu handeln, mehr stärkt als das freie Leben in Wald und Flur, haben dahin geführt, dem jungen Verein in Anlehnung an die Formen des Wandervogels sein heutiges Gepräge zu geben. Mit solchen Tendenzen ging man an die Arbeit. Aber so einleuchtend sie jedem Unbefangenen erscheinen mußte, so schwer war es, ihr in der ersten Zeit Anhänger zu werben. Unsere Sache war eben noch nicht eine Sache der jüdischen Jugend, und die Wenigen, die unserem Rufe folgten, glaubten damit eher uns einen Gefallen zu erweisen, als eine notwendige Pflicht gegen sich selbst zu erfüllen. Dennoch gelang es nach verhältnismäßig kurzer Zeit, die „Blau-Weiß-Blätter“ gemeinsam mit dem Wanderverein 1907 zu Breslau herauszugeben, dessen Knabengruppe noch vor der Berliner Gründung das jüdische Jugendwandern auf ihre Fahne geschrieben hatte und sich rühmen durfte, der Ausgangspunkt der Bewegung zu sein. Die „Blau-Weiß-Blätter“ gaben die Möglichkeit, von unseren Wünschen und Zielen zu reden, von unseren Fahrten zu erzählen, und in unserer Gefolgschaft jenen „Blau- Weiß-Geist“ zu wecken, auf den wir stolz sind. Daß wir immer wieder auf die Schönheit unseres Schrifttums, auf die Größe unserer Vergangenheit, auf die unverlierbaren Hoffnungen unseres Volkes hinwiesen, daß wir die Schätze der neu-hebräischen Literatur nicht vergaßen, dürfen wir uns als Verdienst anrechnen. Allmählich begann unsere Arbeit Erfolge zu zeitigen. Unsere „Hauptversammlungen“ zeigten eine steigende Beteiligung. In Österreich bildeten sich ähnliche Vereine, die zu uns in enge Beziehungen traten, das Interesse der jüdischen Öffentlichkeit wuchs. Es kamen die Pamphlete in der Wandervogel-Führerzeitung, die von einem einzelnen im antisemitischen Sinne beurteilten Fall ausgehend die Entfernung der Juden aus dem Wandervogel forderten. Der Frankfurter Bundestag des Wandervogels gab den Hetzern recht; ein Schrei der Entrüstung ging durch die jüdische Welt. Wir konnten darauf hinweisen, daß wir vorausgesehen, was kommen mußte; daß wir ebenso fern von Rassenhaß wie von würdeloser Anbiederung erfühlt hatten, daß der junge Jude nur im jüdischen Kreise sein Bestes leisten, ein ganzer unerschrockener Mensch werden könne. Unsere Sache nahm einen ungeheueren Aufschwung. Überall entstanden uns junge Bruderbünde. In Berlin zählten unsere Wanderer nach Hunderten. Ein eigeneis Liederbuch, unseren Bedürfnissen angenaßt, die Begründung von Stadt- und Landheimen, die zahlreichen Heimabende, Liederabende, hebräischen Kurse, die stets mit gutem Erfolge stattfanden, gaben Zeugnis von der Kraft unserer Bewegung. Am 1. März 1914 schlossen sich die Wanderbünde „Blau-Weiß“ in Berlin, Reitunterricht gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universität«-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3, 10, 26 Prospekte auf Wunsch Breslau, München, Leipzig, Hamburg, Mannheim und Mülhausen zum „Blau-Weiß“-Bund für jüdisches Jugendwandern in Deutschland zusammen. Wanderbünde in Köln und Königsberg, in Frankfurt a. M. und Ratibor suchten Anschluß an uns. Mit den jüdischen Wanderbünden in Prag und Teplitz einten uns engste Beziehungen. Da kam der Krieg. Unsere Brüder, unsere ältesten Wanderer eilten zu den Fahnen. Was freudige Arbeit in zwei Jahren geschaffen, schien verloren. Stärkere Vereine, wie der paritätische „Deutsche Wandervogel“ brachen zusammen. Fast nur ein Wunder konnte retten. Das Wunder geschah. Mit begeisterter Hingabe stellte sich die Jugend in den Dienst unserer Sache. Jeder war bereit mitzuhelfen, das, was ihm mehr als eine Spielerei, was seinem Leben fast Inhalt war, zu erhalten. Das war kein Wanderbund für die jüdische Jugend mehr, das war ein Bund der jüdischen Jugend! Überraschend stark wurde das jüdische Bewußtsein in unseren Reihen, stolz auf sein Volkstum, das von 'allen Seiten bedroht, seine Hoffnung auf das junge Geschlecht setzt, war man bereit, Pflichten und Opfer freudig auf sich zu nehmen. Diesem Mut, der nicht jugendlicher Fröhlichkeit, vielleicht auch nicht eines gewissen Überschwanges, einer manchmal etwas sentimentalen Romantik ermangelt, diesem nie ermüdenden Eifer, dem jede fröhliche Fahrt neue Nahrung gibt, verdankt unsere Sache Leben und Blüte. Wir sind so stark wie ehedem, stärker noch durch die innere Einheit, die uns beseelt; im Stande zu werben und aufzunehmen, wer mit gutem jüdischen Herzen zu uns tritt. Unbeirrt, fern von jeder Vereinsmeierei, gehen wir unseren Weg, nur uns selbst ähnlich; stets bereit zu gesunder Entwickelung, bereit, gutem Ziele entgegen weiterzuschreiten und uns doch dessen bewußt, daß die Wurzeln unserer Kraft in der jüdischen Tradition liegen, die wir, religiösem Zwange fremd, als jüdischer Wanderbund nicht vergessen werden. Wenn Euch auf staubiger Landstraße, auf schattigem Pfad, oder irgendwo in den Bergen ein frohes „Schalom“ entgegentönt, so tretet fröhlich zum freundlichen Verweilen an die Feuer, über denen in bauchigen Töpfen das Mahl des Tages brodelt. Ihr seid bei Blau-Weißen, unter Freunden, unter Juden. Karl Glaser. Eine Unterredung mit dem Botschafter Morgenthau. Ein Mitarbeiter des „American Hebrew“ hatte neulich eine eingehende Unterhaltung mit dem soeben aus Konstantinopel nach Amerika zurückgekehrten Botschafter Morgenthau. Über politische Angelegenheiten zu reden, fühlte sich Herr Morgenthau natürlich nicht berechtigt, umsomehr da er, wie er sagte, das Gefühl «hat, „daß eine öffentliche Aussprache seiner Ansichten zu jetziger Zeit die bestehenden guten Beziehungen zwischen den türkischen Beamten und den Juden der Türkei beeinträchtigen könnten.“ Über die Stellung der türkischen Juden seit Kriegsausbruch sagte Herr Morgenthau: „Natürlich genossen diejenigen Juden, die ottomanische Bürger sind, den vollen Vorzug ihrer bürgerlichen und politischen Rechte. Noch wichtiger aber ist, daß die Türken, die den Juden stets freundlich gegenübergestanden haben, ihre freundliche Gesinnung noch stärkten, als ihnen die jüdische Loyalität und Ergebenheit gegenüber dem Lande zum Bewußtsein kam. In