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Das jüdische Echo · 1916-03-24 · 12 (24.3.1916) · p. Seite 105

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 105 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 105 Das amerikanische Judentum. Herr Lew in- Epstein, der nach dem polnischen Okkupationsgebiet entsandte Vertreter des jüdisch-amerikanischen Hilfskomitees, hat bei seiner letzten Anwesenheit in seiner Heimatstadt Warschau einen Vortrag über das amerikanische Judentum gehalten. Wir entnehmen die folgenden Ausführungen einem in der Warschauer jüdischen Tageszeitung „Moment“ veröffentlichten Bericht über diesen Vortrag. Ungeachtet der seit Jahrhunderten andauernden jüdischen Einwanderung in Amerika, gibt es heute in diesem Erdteil keinen kristallisierten jüdischen Sonderorganismus, wie in Rußland, Polen und Westeuropa. Die aus verschiedenen Ländern nach Amerika gekommenen Juden sind in ungezählte amerikanische Vereine, Gruppen und Parteien zersplittert. Alles befindet sich noch in einem fluktuierenden, elastischen Zustande. Es mangelt an einer gemeinsamen Vergangenheit. Die erste jüdische Einwanderung in Amerika begann vor dritthalb Jahrhunderten. Die ersten Einwanderer waren hauptsächlich sefardische Juden, die nach Vertreibung ihrer Vorfahren aus Spanien in ihren Wohnländern viele Leiden und Verfolgungen auszustehen hatten. Es waren dies Geistesaristokraten, die untereinander eng verknüpft waren, und dank ihrer großen Tüchtigkeit gelangten sie bald im neuen Lande zu großem Einfluß. Allmählich strömten auch Juden anderer Länder und verschiedener Berufsarten ins Land, ohne nennenswerten Einfluß zu erlangen. Im Revolutionsjahr 1848 setzte eine neue, mächtige Emigrationsbewegung ein; es waren namentlich deutsche Juden, die ins Land kamen. Die eingewanderten deutschen Juden, darunter viele von großer Intelligenz und Tatkraft, widmeten sich dem Handel und Handwerk und gewannen in kurzer Zeit dermaßen an Bedeutung und Einfluß, besonders aber an Zahl, daß sie das sefardische Element überflügelten. Die eigentliche Einwanderung setzt aber erst in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein, als russische Juden in Amerika einzuwandern beginnen. Dieser Einwanderungsstrom schwoll von Jahr zu Jahr an, und namentlich in den neunziger Jahren nahm er ungeheuere Dimensionen an. Die bereits zu Reichtum und Macht gelangten deutschen Juden in Amerika erblickten in dieser neuen Einwanderung eine Gefahr für ihre Stellung. Eine führende deutsch-jüdische Persönlichkeit jener Zeit erklärte offen, sie sehe eine Zeit kommen, da die russischen Juden in gleicher Weise dem deutsch-jüdischen Element die Macht aus den Händen reißen würden, wie dieses die Sefardim in den Hintergrund gedrängt habe. Andrerseits erachteten es die stark amerikanischen Juden für ihre Pflicht, das allgemeine Kulturniveau der neuen Einwanderer zu heben und sie dem neuen Milieu anzupassen. Man strebte vor allem danach, die neue Generation der Einwanderer zu Amerikanern zu erziehen. Denn von einer jüdischen Nation wollten unsere „Amerikaner“ nichts wissen. Diese Assimilationsarbeit im Verein mit derjenigen, welche die Amerikanische Regierung selbst vor allem durch die Schulen leistet, hat dazu geführt, daß die Indifferenz gegen alles Jüdische in weiten Schichten des amerikanischen Judentums sich breit macht und die schlimmsten Folgen zeitigt. Es gibt heute zahlreiche Juden, die, obgleich nicht getauft, doch einen ständigen Platz in einer Kirche innehaben. Die Befürchtungen der assimilierten Juden, die russischen Juden könnten zu selbständig werden, sind heute nahe daran, Wirklichkeit zu werden. Die russischen Juden, unter denen viel Intelligenz vertreten ist, gelangten zu der Überzeugung, daß eine Führung, deren Tätigkeit auf eine Selbstvernichtung des Judentums hinausgeht, nicht mehr geduldet werden könne. Man ging also daran, den „jüdischen Über-Amerikanern“ die Macht aus den Händen zu nehmen. Es sind im besonderen Maße die Zionisten, die an diese Aufgabe mit großem Eifer gingen. Der Zionismus hat in den letzten Jahren Massen von Anhängern nicht allein unter den aus Rußland stammenden Juden, sondern auch in den anderen Schichten des amerikanischen Judentums gewonnen. Es wurde zu diesem Zwecke eine große Propagandatätigkeit in englischer und jüdischer Sprache entfaltet. Die neue nationale Bewegung ließ bald in weiten Kreisen die Überzeugung aufkommen, daß etwas für die jüdische Erziehung der jungen Generation geschehen müsse, und daß man endlich daran gehen müsse, eine jüdische Gesamtgemeinde nach europäischem Muster zu schaffen. Das ist leichter gesagt als getan. In New York gibt es 12 000 jüdische Kinder im schulpflichtigen Alter, denen es eine jüdische Erziehung angedeihen zu lassen gilt. Woher sollen die Lehrkräfte genommen werden? Denn vom alten Chederbesuch kann in Amerika nicht die Rede sein. Zwar gibt es auch hier viele Chadarim alten Schlages, in denen viele Kinder einige Stunden täglich jüdischen Unterricht empfangen. Allein diese Chadarim stehen pädagogisch unter dem Nullpunkt und haben gar keinen Erfolg aufzuweisen. So erkannte man bald die Bedeutung und die Notwendigkeit der Gründung eines Lehrerseminars, das geeignete Kräfte heranbilden soll. Allein die Zahl der Lehrer, die diese Anstalt hervorzubringen vermag, ist im Verhältnis zum Bedarf völlig unerheblich. Auch würde noch lange Zeit verstreichen, bis die ersten Seminaristen ihre Studien abgeschossen haben. Doch der Anfang ist gemacht. Was aber dem Zionismus nereits wirklich gelungen ist, ist die Vereinigung einiger Hundert jüdischer Vereine und deren Zusammenschluß in einer Zentralkörperschaft, die dazu bestimmt ist, den Kern einer künftigen jüdischen Großgemeinde in New York zu bilden. Bisher existierten in Amerika zahllose „Minjanim“ und Wohltätigkeitsgesellschaften, die jede für sich arbeiteten. Es gab „Bjalistoker Vereine“ von aus Bjalistok stammenden Auswanderern, Diinaburger, Wilnaer, Grodnoer Vereine usw., von denen jeder sein eigenes Leben führte. Die Notwendigkeit des Zusammenschlusses all dieser Vereine in einer zentralen Institution wird jetzt in den weitesten Kreisen der amerikanischen Judenheit erkannt. Stehen auch bis jetzt noch viele Einzelgruppen außerhalb dieser Zentrale, so ist doch zu erwarten, daß sie sich ihr bald anschließen werden. Jm allgemeinen sind die großen Hindernisse, die der Durchführung einer derartigen Gesamtorganisation im Wege stehen, wohl zu berücksichtigen. Zunächst die ununterbrochene „Binnenwanderung“. Der Amerikaner hat Leinen ständigen Wohnsitz. Nicht allein die Firmen, sondern auch das Straßenbild erfahren da alle drei bis vier Jahre eine gründliche Wandlung. Wer heute in New York wohnt, ist morgen Bürger P h i 1 a - d e 1 p h las, übermorgen in Chicago. Der traditionelle Typus des Bourgeois ist in der amerikanischen Judenheit nicht zu finden. Trotz aller

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