Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 12 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Das Jüdische Echo Nr. 12 ner Kultusgemeinde liebenswürdigerweise hergeliehen, weiße Überzüge, Schriften des „Verbandes der Deutschen Juden“, andere jüdische Schriften und Zeitungen, nicht zu vergessen auch entsprechende kulinarische .Rohstoffe, war rechtzeitig versorgt worden; so waren wir fast die ganzen Tage über teils in ernster Andacht, teils in gemütlicher Unterhaltung und auch bei leiblichen Genüssen in echter und nur durch Heimweh getrübter Feiertagsstimmung beisammen; besonders die beiden ganz in alter Weise gehaltenen, je fünfstündigen, bei süddeutsche Chasonus durch einen spontan gebildeten norddeutschen Chor verschönten Morgengottesdienste fanden auch bei den liberal, teilweise sogar sehr liberal aufgewachsenen Teilen unserer meist in Berlin und Nordwestdeutschland stammenden Schar lebhaften Widerhall, großenteils sogar aktive Teilnahme. Wenn ich schließlich noch über meine Erfahrungen und Erlebnisse bei jüdischen Einzelpersonen und Gemeinden in den Gegenden, wo unser Lazarett weilte, in einigen Worten berichten soll, so begebe ich mich da auf ein wenig erfreuliches Gebiet. In Nordfrankreich sind die Verhältnisse direkt trostlos. In kleineren und mittleren Städten findet sich meist überhaupt keine Gemeinde, sondern nur vereinzelte Juden, die größtenteils in den letzten Jahrzehnten eingewandert sind und auch vielfach die französische Staatsangehörigkeit nicht besitzen; es ist begreiflich, daß diese verstreuten Juden aller jüdischen Institutionen und in sehr hohem Maß auch einer jüdischen Lebensführung entbehren und auch — iteijs aus Gleichgültigkeit teils aus Besorgnis vor übler Auslegung seitens ihrer Mitbürger — nur geringen Gebrauch machten von der ihnen mit gütiger militärischer Erlaubnis dargebotenen Möglichkeit, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen. Aber auch in den größeren Städten, wo jüdische Gemeinden existieren, scheinen ganz allgemein die Dinge recht schlecht zu stehen, und was für Verhältnisse die Gleichgültigkeit der Mehrzahl der Wohlhabenden in Verbindung mit dem Trennungsgesetz zu schaffen pflegt, zeigt so recht das Beispiel der „Großgemeinde“ Lille, deren Vizevorsteher ich übrigens für mehrmonatige leihweise Überlassung einer Sefer Thora zu lebhaftem Dank verpflichtet bin. Auch dort leiden die Leute wenigstens moralisch darunter, daß die Juden in der Bevölkerung als schlechthin deutschfreundlich verschrien sind — was keinerlei Grundlage besitzt; im Gegenteil, die Kinder der dort ansässigen russisch-polnischen Einwanderer sind zum Teil schon wackere französische Chauvinisten und selbst — Russophilen! Bei der größtenteils streng katholischen Bevölkerung findet man übrigens bei aller Abneigung gegen das Judentum an sich doch ehrlichen Respekt vor konsequenter und zu Opfern bereiter Religiosität — ganz wie bei unseren katholischen Mitbürgern; die Betretung und Pflege des Grabes eines in unserem Lazarett gestorbenen jüdischen Kameraden hat mir so eine französische „Madame“ aus freien Stücken zugesagt und auf die Gewissenhaftigkeit dieser Dame in Kaschruth - Dingen konnte ich mich durchaus verlassen. Leider hat mich der Krieg auch in Ungarn nur in. unerfreuliche Verhältnisse hineinblicken lassen, wie sie im Banat fast die Regel zu bilden scheinen. In religiöser wie nationaler Beziehung sind teils bewußte teils unbewußte Assimilationsbestrebungen unverkennbar, und echt jüdische Gastfreundschaft trat mir fast als der einzige sympathische Zug entgegen. Da überdies die auch hier relativ spärlich vertretene Orthodoxie einen ausgesprochen ungarischen Charakter trägt, der der überwiegenden Mehrheit der deutschen, galizischen und russischen Gesetzestreuen fremdartig erscheint, so denke ich mit wenig Freude an meine jüdischen Eindrücke in Ungarn zurück. Immerhin bot im Gegensatz zu dem judenarmen Frankreich schon das bloße Vorhandensein einer Gemeinde und Synagog'e bequeme Gelegenheit zur Abhaltung von Feldgottesdiensten und die Möglichkeit, im Lazarett Verstorbenen zu einer jüdischen Grabstätte zu verhelfen, was ich in Frankreich bitter vermißte. Umso Interessanteres erlebte ich in jüdischer Beziehung in dem sonst nicht eben durch angenehme Erinnerungen ausgezeichneten Serbien. In einem kleinen Städtchen, das all die Schattenseiten und die uns anfangs unglaublich scheinenden Unzulänglichkeiten des serbischen Landes im Zustand der Okkupation aufwies und in dem im Frieden nur eine einzige jüdische Familie wohnt, traf ich zu meiner großen Freude etwa ein Dutzend spaniolischer (sephardischer) jüdischer Familien von meist türkischer Staatsangehörigkeit, die ihren Wohnsitz Belgrad seit Kriegsbeginn verlassen hatten und sich unter Mitnahme des Notwendigsten und Wertvollsten — darunter auch vor allem mehrerer Thorarollen — in jenem Städtchen eine primitive Behausung und Haushaltung gegründet hatten; dort hatten sie sich auch ein Stübchen als kleine aber trauliche Synagoge eingerichtet, in der täglich morgens und abends Gottesdienst gehalten wurde. Nach der Okkupation beließ ihnen die deutsche Kommandantur nicht allein jenen Raum, sondern hatte auch noch das besondere Entgegenkommen, das Haus in Rücksicht auf die religiösen Zwecke jenes Raumes von Einquartierung freizuhalten; so konnten jene spaniolischen Familien weiter ihre Gottesdienste halten und auch sonst leidlich leben, soweit dies überhaupt möglich war bei den Zuständen im okkupierten Serbien, wo zunächst weder Nahrungsmittel noch Heizmaterial noch andere Gegenstände des häuslichen Bedarfs käuflich zu haben waren. Mit diesen spaniolischen Juden war ich, soweit es die angestrengte Tätigkeit im Lazarett erlaubte, viel zusammen, nahm an den ganz erheblich von unserem Ritus abweichenden Gottesdiensten teil und lernte ihr Familienleben und auch ihre Gastfreundschaft näher kennen. Die Umgangssprache in der Familie ist in erster Linie das Spaniolische, in zweiter das Serbische, aber natürlich wird auch deutsch — abgesehen von der Großelterngeneration — fließend gesprochen. Die religöse Gewissenhaftigkeit und das jüdische Wissen scheint allerdings auch in diesem Kreise — nicht erst im Krieg — in der jüngsten Generation wesentlich gelitten zu haben, und namentlich die Sabbatheiligung scheint leider vollständig in Vergessenheit geraten zu sein. Möge auch hier, wie in der aschkenasischen Judenheit, unter den furchtbaren Eindrücken, Nachwirkungen und Lehren des Kriegs eine religiöse Erneuerung und Vertiefung und eine Neubelebung und Erweckung bewußten und lebensfreudigen Judentum erfolgen! Mit diesem Wunsche schließe ich meinen Bericht. Adressen von bedürftigeniüdischen Soldaten sind in der Redaktion des „Jüdischen Echos“ stets zu erfragen.