Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-03-24 · 12 (24.3.1916) · p. Seite 103

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
12 (24.3.1916)
Date
1916-03-24
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9119172--00761-9073587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 12 Das Jüdische Echo 108 tivein Bedürfnis; die Unterhaltung variiert von einem rein nach Religion, Familie und Heimat orientierten tröstenden Zuspruch bezw. Gebet in den schwersten Fällen bis zu den eingehendsten Erörterungen über geistige, wirtschaftliche und politische, namentlich aber speziell jüdische Angelegenheiten und Zeitfragen, wobei ich die Zukunftsaufgaben der Gesamtjudenheit nach Friedensschluß, namentlich gegenüber unseren Brüdern im Osten und ihre Verwirklichung auf Grund der durch den erhofften entscheidenden Sieg der Zentralmächte geschaffenen Verhältnisse nach Möglichkeit in den Mittelpunkt des Gespräches rücke. Ohne den Einfluß des Krieges auf die Hebung bezw. Erweckung des religiösen Gefühls und Interesses und den recht zweifelhaften — höchstens im Sinn des Grundsatzes xhw "pPD N3 zu veranschlagenden ■— Wert der durch „Furcht und Mitleid“ im Krieg erweckten Religiosität überschätzen zu wollen, darf ich immerhin schon aus meinen beschränkten Erfahrungen bei diesen Krankenbesuchen und den Festgottesdiensten schließen, daß auch ein echtes und innerliches Erwachen oder eine Neubelebung religiösen Interesses im Feld nicht selten ist, namentlich öfters hervorgerufen durch Zusammenkunft mit in dieser Richtung günstig wirkenden Kameraden. Denn entschieden noch mehr als der rein religiöse Sinn scheint mir im Feld das j ii - dische Zusammengehörigkeitsgefühl gewachsen zu sein; an dieser sicherlich sehr erfreulichen und viel Gutes für die Zukunft versprechenden Tatsache hat übrigens überraschenderweise einen verhältnismäßig geringen Anteil das Miterleben und Mitempfinden des unsäglichen Elends unserer Brüder im Osten, der Zurückgebliebenen wie der Vertriebenen; zur vollen Wirksamkeit wird bei unseren jüdischen Kämpfern dieses Moment und hoffentlich dann auch der tatkräftige Wille, materiell und geistig zu helfen, erst nach Friedensschluß kommen, wenn die unmittelbaren eigenen Sorgen und Leiden etwas zurückgetreten sind. Freilich macht man nicht zu selten auch die betrübende Beobachtung, daß selbst nicht voreingenommene jüdische Kameraden über die äußere abstoßende Schale und die durch die unsägliche Not hervorgerufenen Auswüchse der bei ihren Wohnstätten zurückgebliebenen östlichen Juden nicht zu dem oft verborgenen wertvollen Kern vorzudringen vermögen, so daß sie sich abgestoßen statt angezogen fühlen; hier wird in erster Linie und dann erst bei unseren nichtjüdischen Mitbürgern das Aufklärungswerk in dieser Beziehung nach Friedensschluß zu betreiben, sein. Andererseits kann auch schon jetzt viel zur Unterrichtung unserer jüdischen Kameraden im Felde über diese und andere Gegenwarts- und Zukunftsfragen geleistet werden durch Übersendung von jüdischen Zeitungen und Zeitschriften ins Feld, wie dies schon teilweise (nach meinen Erfahrungen namentlich durch die „Jtid. Rundschau“ und seitens der rührigen „Agudas Jisroel Jugendorganisation“) in erfreulichem Maße geschieht. Schade, daß Wohlgemuths „Jeschurun“, der neben jüdisch-wissenschaftlichen Aufsätzen auch sehr wertvolle, nunmehr teilweise in einem Sammelwerk vereinigte aktuelle Beiträge enthält, so äußerst selten im Felde zu finden ist! Die Kameraden heraußen, die doch bei der Erfüllung unserer nächsten und dringendsten gemeinsamen Aufgaben teilweise mit im Vordergrund stehen werden, zeigen — nicht nur aus Langeweile, sondern auch aus Interesse —■ die größte Dankbarkeit für jede ihnen mitgebrachte jüdische Zeitung oder Nachricht. Nicht ganz so lebhaft, aber immerhin erfreulich groß im Vergleich zu unseren Friedensverhältnissen ist die Nachfrage nach der mannigfach zur Verfügung stehenden rein religiösen Lektüre und nach Feldgebetbüchern (ähnlich dem unseren existiert auch ein deutsch und ungarisch übersetztes Feldgebetbuch für die Soldaten der k. u. k. Armee), soweit solche oder die jedenfalls vorzuziehenden normalen Teffiloth nicht schon in den Händen der Soldaten sind. Dagegen scheint nicht nur weiteres jüdisches Wissen, sondern selbst die primitive zum Verständnis der Hauptgebete erforderliche Vertrautheit mit der hebräischen Sprache recht dünn gesät, dünner noch, als wohl die meisten von uns glaubten; ein prinzipiell ja nicht damit zu vergleichender, aber immerhin nicht allein im Hinblick auf Feldgottesdienste zu bedauernder Mangel ist es ferner, daß so wenige allgemein bekannte synagogale Melodien namentlich den süddeutschen Kameraden vertraut sind. Gegenüber solchen Schattenseiten betont man umso lieber, wie doch gar viele religiöse Gewissenhaftigkeit draußen anzutreffen ist, namentlich auch bei vielen einfachen Leuten aus Landgemeinden, wie so mancher täglich seine Gebete verrichtet, täglich Teffillim legt; und wenn es auch im Feld ■— nicht nur im Schützengraben, sondern auch hinter der Front — begreiflicherweise nur äußerst wenige gibt, die sich vom Treife-Essen gänzlich ferngehalten haben, so ist doch relativ stattlich die Zahl derer, die den Genuß unreiner Tiere völlig vermeiden. Bei der Ankündigung von Feldgottesdiensten habe ich bei den höheren Militärbehörden stets freundliche Prüfung und mach Tunlichkeit Bewilligung meiner Wünsche gefunden, wie ich auch — was ich besonders gern hervorhebe —■ seitens der katholischen und evangelischen Feldgeistlichen mich stets des liebenswürdigsten Entgegenkommens erfreute. Unter den jüdischen Kameraden, namentlich unter den Unteroffizieren und Mannschaften, leisten die allermeisten der Einladung zum Gottesdienst gern Folge, auch wenn es dabei mal eine Schwierigkeit zu überwinden gibt; ich habe je nach dem jüdischen Festeskalender und nach der Zahl der in der Nähe liegenden Truppen bald öfter (bis allwöchentlich oder selbst mehrmals in der Woche) bald seltener Gottesdienst gehalten, wozu ich häufig ein entliehenes Gebetbuch verwenden konnte und wobei ich, abgesehen von der im Felde bei der Gemischtheit des Zuhörerkreises in der Regel unvermeidlichen Predigt, von dem Ritus nicht oder höchstens durch Hinzufügung von u. dgl. abwich. Neben den Sederfeiern, die uns im vorigen Jahr in nicht großem, aber umso gemütlicherem Kreise bei geradezu üppigem milchigem Jomtof-Mahl je fast 5 Stunden lang vereinten, bildete den Höhepunkt meiner Erlebnisse auf diesem Gebiet das letzte Neujahrsfest (am Jomkippur konnte ich leider in beiden Jahren infolge Bahntransports unseres Lazaretts keinen Gottesdienst halten.). Es kamen damals in einer nordfranzösischen Provinzstadt über 200 jüdische Kameraden zusammen in dem kleinen Stadttheater, das mir mangels eines geeigneteren Lokals der Bürgermeister freundlicherweise zur Verfügung gestellt und nach meinen Wünschen hatte herrichten lassen; alles Nötige, wie Sefer Thoras, Schofars. eine ansehnliche Zahl Machsorim teilweise von der Münch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.