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Das jüdische Echo · 1916-03-17 · 11 (17.3.1916) · p. Seite 94

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
11 (17.3.1916)
Date
1916-03-17
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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94 Das Jüdische Echo Nr. 11 Das alte Schlagwort von den „staatserhaltenden“ Parteien dürfte heute denn doch ausgespielt haben. Die einzige staatserhaltende Partei ist heute die, die im Schützengraben steht und da wage es einer, im Hagel der Granaten Unterscheidungen zu machen, die sich mit dem alten Schlagwort der „Staatserhaltung“ decken! Ich fürchte, der Verfasser des Artikels („Die politische Gruppierung der deutschen Juden“ hat recht, wenn er von einer Gruppe mit „mehr konservativ orientierten Interessen“ spricht. Das glaube ich wohl, daß es die gibt. Aber man mache uns nicht vor, daß diejenigen die wahren Vaterlandsfreunde sind, die ihre Parteizugehörigkeit nach den „Interessen“, den persönlichen und meist stark privatwirtschaftlichen, bemessen und nicht nach Weltanschaung und Charakter. Wird die erste und wichtige Forderung, die nach Recht und Gleichheit einmal erfüllt sein, oder wird sie auch von anderen Parteien vertreten, dann mögen die nächstfolgend wichtigsten Ideale über die Parteizugehörigkeit entscheiden. Bis dahin keine Anbiederung aus Berechnung, keine Zurücksetzung des gut nationalen Rechtsideals und — kein Verrat am Streben aller unterdrückten Volksgenossen. Dr. A. H. Schlußbemerkung der Redaktion. Wir haben schon, als wir in der vorigen Nummer unseres Blattes den Aufsatz von H. Mg. über das Thema „Die politische Gruppierung der deutschen Juden“ brachten, bemerkt, daß wir mit dessen Inhalt nicht in allen Punkten übereinstimmen. Wir bringen heute — mit Absicht ungekürzt — eine scharfe Entgegnung auf jenen ersten Artikel, der uns von einem Freunde unseres Blattes zugegangen ist. Auch mit dieser Entgegnung will sich die Redaktion nicht identifizieren. Wenn wir an die Beantwortung der Frage herangehen: „Kann und darf ein deutscher Jude sich heute einer konservativen Partei anschließen?“, so müssen wir es von vornherein ablehnen, in eine Erörterung über Wesen und Wert konservativer und liberaler Ideen und Parteibildungen als solcher einzutreten. Die Scheidung der deutschen politischen Parteien vollzieht sich im Wesentlichen nach ganz anderen Gesichtspunkten, als denjenigen der Stellung zur Judenfrage. (Abgesehen von den offiziell „antisemitischen“ Parteien, und bei diesen selbst nur mit gewissen Vorbehalten.) Es wäre ja auch sinnlos, wenn die großen politischen Parteien des Reichs die Behandlung einer Minderheit von einem Hundertstel der Bevölkerung zum Angelpunkt ihres Programms machen würden. Politische, nationale, religiöse, soziale Ideenunterschiede sind es, die neben den sich in der Parteibildung immer stärker geltend machenden wirtschaftlichen Interessengegensätzen die politische Gruppierung in Deutschland, wie in anderen Ländern ausschlaggebend beeinflussen. Es dürfte nun ohne Weiteres klar sein, daß der einzelne Jude sich kraft seiner Veranlagung, Beitunterricht gründlich und zweokgemäss erhalten Sie im Universitäts-T attersall Amalienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3, 10, 26 Prospekte auf Wunsch seiner Geistesrichtung, seiner Stellung zum Autoritätsprinzip, zu Fragen der Religion und Nation ebensogut zu den politisch konservativen Parteien hingezogen fühlen kann, wie ein ähnlich gerichteter Nichtjude. Für den „religiös konservativen“ Juden ist das Verwandtschaftsempfinden zu den autoritären Parteien nur natürlich. Und man hat es ja geradezu als einen Beweis der Wesensverwandtschaft jüdischen und konservativen Denkens erklärt, daß der eigentliche Begründer der konservativen Lehre, der als bayerischer Jude gehobene Staatsrechtsl'ehrer Friedrich Julius Stahl war. Daß daneben auch die Gemeinsamkeit wirtschaftlicher Interessen z. B. einem jüdischen Landwirt den Anschluß an eine rechtsstehende Partei nahelegen kann, ist gleichfalls durchaus verständlich. Kann nun einem so gesinnten Juden zugemutet werden, sich einer politisch liberalen Partei anzuschließen? Deshalb anzuschließen, weil der Liberalismus den deutschen Juden einst ihre bürgerliche Gleichstellung erkämpft hat? Wir stehen nicht an, diese Frage mit aller Entschiedenheit zu verneinen. Zu den liberalen Parteien werden diejenigen halten, die deren Ideen und Ziele billigen: es sind dies bis heute — kraft der politischen Erziehung der letzten Jahrzehnte und auch auf Grund der beruflichen und örtlichen Verteilung der jüdischen Bevölkerung — sehr große Teile der deutschen Judenheit, besonders unter den Großstadtbewohnern. Ein politisch konservativ gesinnter Jude, der liberal wählt, verkennt in der Tat seine Pflichten als deutscher Staatsbürger. Eine andere Frage ist die: Kann der konservativ-gesinnte Jude sich politisch konservativ in Deutschland betätigen? Der Verfasser unseres ersten Artikels bejaht dies unbedenklich, er fordert eine „Ausschaltung“ der gefühlsmäßgen Beziehungen zu dem Staat und zu den Mitbürgern, eine „Versachlichung“ dieses Verhältnisses. Wir glauben nicht, daß damit eine endgültige, für jedermann annehmbare Formel gefunden ist. Das Verhältnis des Bürgers zum Staat und zu der Partei, durch deren Vermittlung er staatsbürgerlich tätig wird, ist für die Meisten nicht so unpersönlich sachlich und kühl zu gestalten, wie es Herr H. Mg. wünscht. Für eine Partei etwa, wie die deutsch-konservative mit ihrem ausgesprochen judenfeindlichen Tivoli - Programm einzutreten, wird, solange dieses Programm unverändert besteht, schwerlich ein stolzer Jude über sich bringen können. Gegen eine Betätigung von konservativ gesinnten Juden für und innerhalb anderer rechtsstehender Parteien, wie der freikonservativen Partei, ev. auch des Zentrums, wird, wenn diese Parteien die Mitarbeit von Juden wünschen, prinzipiell nichts einzuwenden sein. Anbiedern dort, wo man uns nicht wünscht und sucht, sollen wir uns allerdings nicht. Das wollte auch der Verfasser des ersten Artikels nicht. Darum tut Dr. H. ihm bitter unrecht, wenn er ihm Mangel an Stolz und Selbstachtung vorwirft. Ob es dem Kreise von Politikern, der in der „Jüdischen Presse“ sich sein Organ geschaffen hat, gelingen wird, tatsächlich eine „neue politische Orientierung“ der deutschen Juden herbeizuführen, muß die Zukunft zeigen. Wenn es ihm aber auch nur gelingt, in gewissen Kreisen der rechtsstehenden Parteien ein besseres Verständnis für das Judentum und die deutschen Juden wachzurufen, so wird seine Arbeit nicht nutzlos getan gewesen sein. ■w

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