Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 11 (17.3.1916)
- Date
- 1916-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den' Verlag. — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Qanzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. —Verl ag des ״Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr.4. — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Anzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des ״Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 11 München / 3. Jahrgang 17. März 1916 1916 Wochenkalender (5676) תרעו II. Adar März אדר ש צו פ" וכור Gottesd.: Samstag 18 13 Morgens Hauptsyn. 8.30 Herzog Rud.-Str. 7.80 Sabbath-Ausgang 7.02 Sonntag 19 14 Purim Montag 20 15 Dienstag 21 16 Mittwoch 22 17 Donnerstag 23 18 Freitag 24 19 Sabbath-Eingang: Haupt - Synagoge 6.0a Herzog Rud.-Str. 6.15 Inhalt: Dr. A. H.: Die polnische Grup- ——- ׳ pierung der deutschen Juden. — Schlußbemerkung der Redaktion. —• M. J. Bodmer: Ein neuer Staatenbund und das Ostjuden- Problem. — Welt-Echo. — 8. Hoofien: Heuschrecken. — Gemeindeu. Anzeigen-Echo usw. Die politische Gruppierung der deutschen Juden. Eine Entgegnung. Als im Jahre 1903 in Leipzig-Stadt die Agitation der Parteien für die Reichstagswahl im lebhaftesten Gange war, sprach Bebel in einer überfüllten Versammlung zu Gunsten des Sozialdemokratischen Kandidaten Motteier, der in der Wahl später über den bisherigen Vertreter des Wahlkreises, den bekannten Alldeutschen und Antisemiten Prof. Hasse obsiegte. All diese dreie sind längst gestorben. Am nachdrücklichsten bliebt aber in meiner Erinnerung das Auftreten eines Mannes in der Diskussion haften, der vielleicht noch lebt und der, wie ich aus der letzten Nummer des ״Echo“ zu meiner Verwunderung sehe, noch heute Gesinnungsgenossen hat. Dieser brachte in weinerlichem Tone vor, er sei zwar Jude und wisse wohl, daß Hasse Antisemit sei, trotzdem aber befürwortete er seine Wahl, damit um Gotteswillen nicht der schreckliche Umsturz triumphiere. Die brennende Scham, die ich damals über diese Ausführungen empfand, ist mir bis heute noch nicht entschwunden und die beißenden Worte, mit denen sie Bebel als geistige Prostitution geiselte, waren kaum scharf genug für dieses Verhalten. War es schmutziges Geldinteresse, das vor dem ״Umsturz“ zitterte und diesen ״Bekenner“ in das Lager der Hochschutzzöllner trieb, oder war es idealistischer Quersinn — ich hatte und habe kein Verständnis für eine hündisehe Gesinnung, die den Stiefel küßt, der sie mit Tritten behandelt. Etwas mehr Stolz, Herr ״H. Mg.“; ein Quentchen Selbstachtung hält vor sophistischen Unter- Scheidungen ab, die der Gegner, der konservative ״Patriot in Erbpacht“ verachtet. Aber reden wir politisch. Lassen wir von den Parteien, wie sie bestehen, einmal das weg, was sie zu Interessenvertretungen macht, abstrahieren wir von den praktischen Parteiforderungen, die lediglich für die persönlichen Interessen ihrer Anhänger dienen — und schälen wir uns den ideellen parteibildenden Grundgedanken heraus, die Parteiidee an sich: was bleibt dann für uns? Der muß kein guter Jude sein, der die Zurück- Setzung, die sein Glauben und seine Rasse erfährt, noch nie so stark empfunden hätte, daß er die Ungerechtigkeit der Ungleichheit und Unfreiheit nicht als des Staates unwürdig erkannt hätte. Und das muß kein guter Mensch und noch weniger ein wahrer Freund des Vaterlandes sein, der nicht aus den niederdrückenden Erfahrungen am eigenen Leibe heraus mit aller Kraft wünschen und erstreben müßte, jedwede Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Staate zu unterdrücken, mag sie gegen Juden, gegen Protestanten im Süden, gegen Katholiken im Norden, gegen Elsässer oder Polen, gegen Sozialdemokraten, Monisten, Pazifizisten, oder sonstwie geartete Anhänger einer Ideenrichtung sein — sofern sie sich nur sonst in die allgemeine staatliche Ordnung einfiigen. Es ist der Kampf gegen die pharisäische Abstempelung der Menschen, nicht nach dem was sie leisten, sondern nach ihrer H e r k u’n f t und Gesinnung. Wenn also schon der Jude die Ungerechtigkeit, auch die der bloßen Toleranz, notwendig erkennen muß, dann wird es für ihn zur sittlichen F01־- derung, für die Beseitigung jedweder Urigerechtigkeit und Ungleichheit einzutreten. Damit ist aber ohne weiteres die Parteistellung entschieden. Der Jude kann keiner Partei angehören, welche die Ungleichheit vertritt, ja sie noch steigern will. Der Konservatismus will politische Bevorzugung des Adels, will das ״gottgegeibene“ Untertanenverhältnis, den Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten. Das Zentrum will die ״katholische Grundlage“ des Staates und damit Ausscheidung der Andersdenkenden. Das Alldeutschtum will die alleinige Herrschaft der ״germanischen Rasse“. Die Parteien der Linken haben Gleichheit und Freiheit unbedingt auf ihre Fahne geschrieben.