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Das jüdische Echo · 1916-03-10 · 10 (10.3.1916) · p. Seite 86

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
Seite 86 (sequence 10)
Language
German
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66 Das Jüdische Echo Nr. 10 sie waren in unseren Augen wie die Heuschrecken“! berichteten die falschen Späher den Israeliten in der Wüste, als sie aus Kanaan zurückkehrten und von den Enakskindern erzählten, die sie dort gesehen hatten. Gibt es auf anderen Sternen Riesen, die so auf das kleine kribbelnde Menschengeschlecht blicken? — Die Zeit schreitet weiter. Die Weibchen haben ihre Eier gelegt; man hat es nicht verhindern können. Jetzt gibt es aber zu arbeiten. Die Eier stecken etwa zehn Zentimeter tief im Boden. Jedes Weibchen legt fünfzig bis hundert Stück in einem Eibehälter, der an einen Maisstock erinnert. Wir beginnen zu rechnen: die Milliardenschwärme, die wir gesehen haben, verhundertfacht. Und hier handelt es sich nicht um erwachsene satte Tiere, die sich nach dem langen Wüstenfluge nur noch nach Ruhe und Liebe sehnen, sondern um hungrige Larven, die sechs Wochen brauchen, um es bis zum geflügelten Insekt zu bringen und während dieser ganzen Zeit ununterbrochen fressen! Sie sind überhaupt nichts anderes als Freßapparate; ihr ganzer Körper ist darauf eingestellt. Vorn geht es hinein, hinten heraus, in einem fort, wie bei Münchhausens durchgeschnittenem Pferde; zum Verdauen fehlt die Zeit! Man macht sich also nach Kräften an die Vertilgung der Eier. Wer es kann, pflügt zu wiederholten Malen den Boden um, damit so viele Eier wie möglich ans Sonnenlicht gezogen werden. Im Lichte ersterben sie innerhalb weniger Stunden. Aber ein bedeutender Teil der arabischen Landbevölkerung zeigt für die Sache nur wenig Interesse. Sie haben ihr Wintergetreide schon geerntet oder haben wenigstens bis zum Auskriechen der Larven (in etwa 5 bis 6 Wochen) noch überreichlich Zeit dazu. Die Regierung greift freilich ein, indem sie alle Männer des Distriktes zur Arbeit anhält. Jeder, einerlei welchen Alters und welchen Standes, hat ein gewisses Quantum Eier einzuliefern oder in Ermangelung dessen Fr. 6.— zu zahlen. Nach orientalischer Art wird diese Maßregel aber nicht praktisch durchgeführt. So vergeht eine Woche nach der anderen. Eier werden schließlich nicht mehr gefunden oder nicht mehr gesucht, aber voll Angst und Sorge denkt man an das, was sich da unter einer dünnen ..Erdschicht allüberall vorbereitet; die behördlich bestellten Inspektoren jagen durch das Land, ohne (trotz ihres guten Willens) die Leute zur Arbeit bewegen zu können; die nicht unmittelbar Betroffenen fangen schon an, die ganze Affäre halb zu vergessen. Alles ist ruhig; keine Heuschrecke im ganzen Lande mehr zu sehen. Sich vorzustellen, daß aus unserer eigenen blühenden Wundererde das Verhängnis über uns hereinbrechen muß! Eines Tages kommt aus einem palästinensischen Dorfe zu uns in Jaffa die Nachricht: die Larven sind da! Wenige Stunden danach schon aufregende Schilderungen: Wie sie in riesigen Zügen, alle in einer Richtung, wie zur Schlacht gerüstet, über den Boden weiterhüpfen und sich von keiner Macht aufhielten ließen. Wie ein Gemüsefeld, über das sie gezogen wären, nachher überhaupt nicht wiederzufinden gewesen wäre. Wie fortwährend von allen Richtungen neue Züge erschienen! In den Tagen darauf regnet es solche Hiobsnachrichten aus allen Dörfern des Distriktes. In der allernächsten Umgebung Jaffas sind, wie es scheint, verhältnismäßig wenig Eier gelegt worden, und im Gartengürtel, der sich unmittelbar an die Stadt anschließt, bleibt alles noch ruhig. Wir fahren hinaus nach den betroffenen Kolonien in Judäa. Die dortigen Orangenpflanzer haben erfahren, daß die Larven sich ganz gefügig dorthin treiben lassen, wo man sie haben will. So hat man denn an hundert Stellen langgedehnte, etwa einen halben Meter tiefe Gräben und Gruben gegraben und versucht, die Larven da hinein zu treiben. Auf einem gänzlich unangebauten Grundstück steht eine kleine Menschengruppe und starrt auf den Boden. Wir eilen heran und — ja., da kribbelt und krabbelt es schwarz auf der beinahe nackten Erde. Es sieht eigentlich nicht so schrecklich gefährlich aus. Ein regelrechter Zug ist es, etwa zwanzig Meter lang und zwei bis drei Meter breit. Die Tierchen sind schwarzbraun und außerordentlich klein; jedenfalls weniger als einen Zentimeter lang. Und das hüpft und hüpft und kriecht und springt, alles in einer Richtung und mit einer fast komisch anmutenden Hartnäckigkeit. Man versucht, den Zug in einen nahen Graben hineinzutreiben, aber — mag es sein, daß die Theorie nicht taugt, oder daß man die rechte Kunst des Treibens noch nicht heraus hat — er läßt sich durch kein Schaufeln, keine Erdhaufen, kein Tücher- und Zweigeschwenken, kein Rufen und Schreien aus der Richtung bringen und verfolgt seinen Weg vom Graben weg nach dem benachbarten Orangenhain. Da läßt man kurz entschlossen den alten Graben liegen und schaufelt in aller Eile einen neuen zwischen dem Zuge und dem Garten. Auch hier ein Grabenkrieg! Man hofft, daß die Tierchen in den Graben springen werden, den man dann nur zuzuschaufeln braucht. Jetzt nähert sieb der Zug dem Rande, und die ersten springen ins Loch. Wir sind sehr zufrieden und gratulieren uns zu unserer wohlgelungenen Kriegslist. Auf dem Boden des Grabens kribbelt schon eine zolldicke Schicht. Immer so weiter! denken wir und bereiten uns darauf vor, der ganzen Gesellschaft in wenigen Minuten das Grab zu schaufeln. Aber o weh! Da kriecht und springt es überall und unaufhaltsam am Grabenrande hinauf! So einfach ist es denn doch nicht! Die Tiere denken gar nicht daran, sich ohne weiteres zu ergeben. Auf der ganzen Front kriecht man aus dem Graben heraus! Wir kämpfen verzweifelt und nicht ohne Erfolg gegen die Übermacht! Mit Zweigen, mit den Füßen, mit Hacken, Schaufeln und Stöcken schieben wir immer wieder die Tiere herunter. Aber wir sind zu wenig an der Zahl, um die ganze Front zu verteidigen. Den weitaus größten Teil der Larven treiben wir zurück, aber einer ansehnlichen Armee gelingt der Durchbruch. Sie formiert sich neu und setzt zielbewußt und schnurgerade den Zug gegen den Garten fort. Da schickt uns das gütige Schicksal frische Hilfstruppen in der Gestalt von drei oder vier Schulkindern, die auf dem Wege zu ihrer Väter Gärten vorbeikommen. Sofort werden sie zum Abwehrdienst am Graben eingezogen. Einige Männer laufen und beginnen hart vor dem bedrohten Garten in höchster Eile einen neuen, nicht sehr tiefen und nicht sehr langen Graben zu schaufeln. Da marschiert die zweite Armee ganz richtig hinein und wird gleichzeitig mit der Hauptarmee unter die Erde geschaufelt! Nur vereinzelte Tiere gelangen in den Garten. Wir wissen, was nun zu tun ist. Die Rückseite des Grabens muß mit Wellblech ausgeschlagen werden, das sich am besten noch einen Dezi-

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