Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 10 (10.3.1916)
- Date
- 1916-03-10
- Page
- Seite 85 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 85 danach das gesamte Buch eines, der unbedingt ja sagt zu seinem Volkstum. Priester. Heines jüdische Seele. Im J. G. Cotta’schen Verlag, Stuttgart, ist ein Büchlein erschienen, das sich „Heinrich Heine, der deutsche J u d e“ betitelt und Herrn Max Fischer zum Verfasser hat. Die kleine Schrift versucht, Heines dichterische Persönlichkeit aus seiner typisch deutsch-jüdischen Geistes- und Gemütsrichtung heraus zu erklären, und diese Aufgabe ist dem Verfasser nicht übel gelungen. Er hat die tiefe Disharmonie erkannt. die im Wesen eines Menschen walten muß. der ein bewußter Deutscher der Romantikerzeit und zugleich ein bewußter Jude ist, er hat erkannt, daß nur ein deutliches Jasagen entweder zu der deutschchristlichen oder zu der jüdischen Seele in seiner Brust Heinrich Heine jene letzte Gestaltungs- und Überzeugungskraft hätte geben können, deren Mangel seinen Dichtungen den eigentümlich zerfließenden Charakter gibt. Max Fischer weiß den Dichter der „Loreley“, des „Belsazar“, der „Wallfahrt nach Kevlaar“ und andrer Höhepunkte Heinescher Kunst zu würdigen, er versteht es auch, dem Menschen Heine auf den verschlungenen Pfaden seines überzarten Empfindens zu folgen, aber der Ursprung seines warmen Interesses an dem Dichter ist das Gefühl der Enttäuschung, des Bedauerns, daß Heine so und nicht anders geworden, weil er sich nicht von seinem Judentum losgerungen hat. Zu der Frage, ob vielleicht auch durch das Bejahen der andren, der jüdischen Seite der Dichter zu einer Überwindung des tiefen Zwiespaltes hätte gelangen können, hat den Verfasser offenbar eine eingeborene und blindlings übernommene Skepsis gegenüber dem Ideen- und Gefühlsinhalt des Judentums nicht kommen lassen. Sehr originell ist das Schriftchen nicht, aber es ist mit warmem Gefühl geschrieben und wirkt darum svmpathisch. e. a. n. M. Burg. kgl. preuß. Major der Artillerie usw„ Geschichte meines Diensteslebens, 2. Aufl. mit einem Geleitwort von Prof. Ludwig Geiger. Verlag von M. W. Kaufmann, Leipzig 1916. (Vorrätig bei L. Wertheimer. München, Westenriederstraße 4). Das vorliegende Werk bildet eine Art Ausgrabung, wie der Verfasser des Geleitwortes mit Recht hervorhebt; es ist kein Buch seltsamer Abenteuer oder nervenreizender Ereignisse. Aber es verdient eine Wiederbelebung wegen der Schlichtheit des Ausdruckes, seiner kulturgeschichtlichen Merkwürdigkeit und des guten Beispiels — gerade jetzt — für das heranwachsende Geschlecht. Meno Burg, der Verfasser dieser Selbstbiographie, wurde am 9. Okt. 1790 in Berlin geboren, besuchte bis zum 10. Jahre die jüdische Elementarschule, dann ein Gymnasium, später die Bauakademie, machte 1807 das Kondukteur- und Feldmesser-Examen und meldete sich, nachdem der Aufruf seines Königs „An mein Volk“ erschienen war, als Freiwilliger. Er war nur kurze Zeit aktiver Soldat und wurde 1818 als Lehrer der Mathematik ernannt, um in Danzig und dann bis an sein Ende an der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin tätig zu sein. Trotz des Wunsches des Königs, er möge 'zum Christentum übertreten, blieb er seinem angestammten Glauben treu, was aber nicht hinderte, daß er alle militärischen höheren Grade erreichte, so daß er als Major 1853 hochgeachtet von Schülern und Kameraden starb. Interessant ist in der Einleitung Geigers die Schilderung von Burgs Leichenbegängnis, aus der Feder des damaligen Generals Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen. In der Einleitung zu seiner Schrift selbst sagt Burg u. a. „sie soll dem jüdischen Jüngling zeigen, daß auch in unserm Vaterlande der Jude zu Staatsämtern gelangen kann und in seiner öffentlichen Laufbahn nicht aufgehalten wird, vorausgesetzt, daß er bemüht ist. seine Pflichten zu erfüllen usw.“; eine Anschauung, welche zu Zeiten Burgs vielleicht berechtigt war. aber in den letzten Dezennien in Preußen recht selten —■ besonders beim Militär — zur Geltung gelangte. Das Werk selbst ist recht lesenswert und zeigt so recht, wie man ein guter Jude und gleichzeitig guter Deutscher sein kann. J. F. Feuilleton Heuschrecken.*) Von S. Hoofien-Jaffa. (Fortsetzung.) II. Nach wenigen Tagen kommt der zweite gewaltige Schwarm. Ein kleiner Teil läßt sich in unmittelbarer Nähe der Stadt auf die Gärten und Wege nieder. Die Tiere sind müde, sie kriechen und hüpfen über den Boden, den sie mit einer braun, gelb und grün schillernden krustenartigen Schicht bedecken, fressen aber nichts und ruhen sich offenbar aus. Aber der nächste Morgen! Es ist Hochzeitstag! Heuschreckenhochzeit! Da gibts keine Gäste, nur Bräutigame und Bräute! Sollte es einen himmlischen Rechenmeister, einen Oberstatistiker geben, dessen Aufgabe es ist, die Heuschreckenweibchen und -Männchen so genau abzuzählen, daß keine einzige Heuschrecke in den Tod geht, ohne die Liebe zu kennen? Wo das Auge nur hinblickt ist der Boden mit einem braungelben Teppich bedeckt. Pärchen, bestehend aus einem braunen Männchen und einem gelben Weibchen, Pärchen zu Tausenden, zu Millionen! Das ist ein Flügelklappern, ein Rauschen und Schieben, ein Flattern und Hupfen. Wenn man mit dem Spazierstock durch den dichten Haufen fährt, dann erheben sich Wolken von Liebespaaren und stören wieder Tausende anderer Paare. Aber Braut und Bräutigam, die sich einmal gefunden haben, halten auch im Fluge treu zusammen. Mag auch der klotzige Menschenfuß Hunderte von Paaren zertreten, die Hochzeitsfreude der Millionen wird dadurch nicht gestört, noch im Tode bleiben sie zusammen, die einmal, das erste und einzige Mal in ihrem Abenteurerleben sich gefunden haben. Nur vereinzelte Individuen flüchten allein. Es sind Männchen! Und wo wir schreiten, auf den Sandwegen zwischen den Orangengärten, in den Kaktushecken, auf den Orangenbäumen, in den Weinbergen, überall dasselbe Bild! Es gibt nur ein Wort dafür — erhaben! Man steht, ohne Worte zu finden und ohne klare Empfindungen vor diesem ungeheuren Walten der Natur. Mikrokosmos! „Und *) Palästina wurde bekanntlich vor Jahresfrist von Heuschreckenschwärmen in solcher Stärke heimgesucht, wie das Land sie seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte.