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Das jüdische Echo · 1916-03-10 · 10 (10.3.1916) · p. Seite 80

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
Seite 80 (sequence 4)
Language
German
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80 Das Jüdische Echo Nr. 10 sehen Sprachgebietes, als Vermittlern zwischen deutscher und slawischer Kultur zukommt. In Anbetracht dieser Bedeutung betrachtet es heute selbst der ärgste deutsche Antisemit, der vom humanen Standpunkt aus kein Bedenken tragen würde, die Juden der polnischen Herrschaft auszuliefern, vom politischen Standpunkt aus als unsinnig, diese wichtigen Förderer des deutschen Einflusses im Osten im Stich zu lassen. Man weiß in Deutschland, daß die einer polnischen Herrschaft ausgelieferten Juden nur zwischen zwei Wegen die Wahl haben würden: sich völlig dem Polentum zu assimilieren und damit den slawischen Einfluß im Osten auf Kosten des deutschen zu stärken oder — unter dem Druck des polnischen Hasses, Boykotts und der gesellschaftlichen Ächtung — in Scharen aus Polen aus- und in Deutschland einzuwandern. Man ist daher im eigenen Interesse selbst in den konservativsten deutschen Kreisen auf der Suche nach einem Ausweg, der den Juden ihre religiösen und nationalen Rechte verschafft. In polnischen Kreisen ist man nach wie vor entschlossen, unter allen Umständen die Autonomie durchzusetzen und rechnet mit fast verblüffender Sicherheit auf ihre Erlangung. In polnischen Kreisen ist man, wie aus zahllosen Äußerungen von Staatsmännern, Zeitungen und breiteren Volksschichten hervorgeht, fest entschlossen, nach Erlangung der autonomen Rechte mit brutalster Gewalt die Juden entweder zur völligen Assimilation oder zur Auswanderung zu zwingen. Diesem polnischen Wunsch, eine jüdische Massenauswanderung durchzusetzen, steht auf deutscher Seite der immer lauter werdende Wunsch entgegen, eine jüdische Masseneinwanderung auf gesetzlichem Wege unmöglich zu machen. In den Chor der Stimmen, die das endgültige Schicksal der Juden in den besetzten Gebieten verkünden wollen, mischen sich auch diejenigen der deutschen Juden: In der deutschen Judenheit werden Stimmen laut, die — so unfaßbar es klingt — mehr oder minder deutlich nach Grenzschluß rufen, weil man sich durch die Masseneinwanderung polnischer Juden in seiner eigenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung bedroht sieht. Andererseits ist diesen Rufern im Streite bange vor einem ehrlichen Bekenntnis ihres gewissenlosen Eigennutzes, und aus diesem Grunde streben sie nach Schaffung einer den Juden günstigen politischen und wirtschaftlichen Lage außerhalb Deutschlands. So unrein die Quellen sind, aus denen die Forderungen dieser Leute entspringen, so fallen doch ihre Wünsche im Interesse der Juden mit denen zusammen, die im Namen der Menschlichkeit und des nationalen jüdischen Gemeinschaftsgefühles von andren deutschen Juden erhoben werden, und endlich auch mit den Wünschen jenes Häufleins überschwänglich deutsch-patriotischer Juden, die sich berufen fühlen, bei der Entscheidung des Loses der polnischen Juden vor allem die deutschen Interessen zu vertreten. Eine sonderbare Reflexbewegung dieser Vorgänge macht sich in A m e r i k a geltend: auch hier gibt es Leute, die eine jüdische Massenauswanderung verhindern möchten., weil sie sich durch eine jüdische Masseneinwanderung nach Amerika bedroht fühlen. Auch hier gibt es andererseits Tausende, die um der Gerechtigkeit willen und aus dem Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den östlichen Juden diesen eine politische Selbständigkeit wünschen (gleichzeitig übrigens Einrichtungen zum Empfang der jüdischen Einwandererscharen schaffen). Auf der Suche nach einem Ausweg" aus dem polnisch-jüdischen Dilemma sind die verschiedensten Pläne entstanden: am nächsten liegt es, daß man jetzt auf den Gedanken des Zionismus zurückgriff und ernstlich eine Ansiedluni}; östlicher Judenmassen in Palästina erwog. So sehr dieser Plan von zionistischer Seite propagiert wird, so verfehlt man doch auf dieser Seite niemals zu betonen, daß das Land Palästina nicht die Vorbedingungen für eine augenblickliche Lösung der polnischen Jud_enfrage gewährt, ja daß selbst bei einer Ausbreitung der zionistischen Siedlung auch über die benachbarten syrischen Gebiete die Einwanderung nicht mit einem Schlage erfolgen könnte. Daß diese zionistische Stimme oft ungehört verhallt, liegt daran, daß jetzt vielfach von antisemitischen oder mindestens einer jüdischen Einwanderung in Deutschland abgeneigten Kreisen auf den zionistischen Gedanken als Lösung der polnischen Judenfrage hingewiesen wird, ohne daß man in diesen Kreisen die praktische Ausführbarkeit des Planes ernstlich erwogen hätte. Wenn z. B. Regierungsrat Fritz in seiner Broschüre auf Palästina als Zufluchtsstätte für die Ostjuden hinweist, so ist dies kein ernst zu nehmender Vorschlag. Ebenso ist die von Paphnutius in den „Grenzboten" empfohlene Massenansiedlung der Juden in Mesopotamien ein Plan, dem vielleicht nicht vom deutschen, wohl aber vom jüdischen Standpunkt aus für die nächsten Jahre Schwierigkeiten im Wege stehen. Diesen Ansiedlungsplänen gegenüber erhebt sich ein immer mehr anschwellender Chor von Stimmen, der Vorschläge für die Schaffung solcher Bedingungen in den besetzten Gebieten selbst macht, die den Juden das Verbleiben im Lande unter Wahrung ihrer Eigenart verbürgt und sowohl Deutschland wie die Juden vor der ungeheuren Ungerechtigkeit des Grenzschlusses bewahrt. Wolfgang Heintze, Gothein, das Komitee für den Osten und viele andre machen sich zu Vertretern dieser Forderung. Freilich ist man vielfach noch nicht einmal über die Erörterung der Grundlage, auf der sich die politische Gruppierung der Juden innerhalb des zu schaffenden Gemeinwesens vollziehen muß, hinausgekommen. Noch tobt der Streit darüber, ob die Juden als eine religiöse, eine kulturelle oder eine nationale Gemeinschaft anzusprechen sind, und dieser Streit hat besonders innerhalb der jüdischen Kreise schon ziemlich schroffe Formen angenommen. Inmitten dieser Meinungskämpfe ist ganz kürzlich ein Wort gesprochen worden, das vielleicht das entscheidende sein wird: Dr. M. J. Bodmer hat in einer Schrift „Ein neuer Staatenbund und das Ostjudenproblem" (in der Sammlung „Der deutsche Krieg") einen Vorschlag gemacht, der wahrscheinlich fortab zur Grundlage aller Diskussionen über die Ostfrage erhoben werden wird. Bodmer fordert nämlich die Errichtung eines gro'ßen polnischr u thenisch-litauisch-jüdi sehen Zwischenreiches, das einen Pufferstaat zwischen Deutschland und Rußland bilden soll. Die erwähnten vier Volksgebiete bilden vier Bundesstaaten, von denen jeder einen besondren deutschen oder österreichischen Statthalter erhält. Innerhalb dieses Zwischenreiches bilden die einzelnen Sprach- und Kulturgemeinschaften gesonderte Kurien. Für die Juden wäre also eine jüdische

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