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Das jüdische Echo · 1916-03-10 · 10 (10.3.1916) · p. Seite 78

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
10 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 Das Jüdische Echo Nr. 10 christlicher Zeitrechnung ab in der Diaspora entwickelt hat: seine geistigen Schöpfungen, sein Verhältnis zur Qesamtkultur der einzelnen Zeitabschnitte werden zu sammeln und zu würdigen sein. Wichtige Vorarbeiten auf diesem Wissensgebiet sind seit den Tagen der Zunz, Geiger, Jost und Grätz gemacht worden. Nun gilt es, die Bruchstücke zu sammeln und systematisch zu ordnen, so daß sich große philologische, kultur- und literaturhistorische Überblicke ergeben. Im „Neuen Merkur" gibt W. S t a e r k eine außerordentlich klare Gliederung des für deutsche Hochschulen neuen Lehrfaches. Er teilt den Stoff ein in die Erforschung sprachlich-literarischer, kulturhistorischer und religionsgeschichtlicher Probleme. Unter der Fülle der Aufgaben, die sich für den Forscher auf allen drei Gebieten ergeben, führt er einige an: Auf sprachlich-literarischem Gebiet wird nicht allein die Sprache des Talmud, sondern auch das Neuhebräische, besonders aber das Jidische zu erforschen sein, das für den Germanisten von besonderem Interesse ist. In literarischer Hinsicht bietet die Entstehung und Entwicklung von Talmud, Mischna und Tosepha, von Gemara und Midrasch und der Einfluß dieser Literatur auf das religiöse Leben eine Fülle von wissenschaftlichen Problemen. Der literaturgeschichtlichen Betrachtung ersteht im Talmud und Midrasch, in denen die verschiedenartigsten Literaturgattungen vertreten sind: Sprüche und Fabeln, Anekdoten, Sagen, Legenden usw., ein unübersehbares, noch kaum berührtes Feld. Kabbala-Literatur, jüdische Lyrik, Dialektik und religiöse Dichtung — sie alle harren der zusammenfassenden Darstellung. Die kulturgeschichtliche Forschung wird die geistigen Zusammenhänge zwischen dem Judentum und der Antike sowie dem Judentum und dem christlichen und islamischen Mittelalter aufdecken müssen. Aus der Erkenntnis der Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und hellenistisch-römischer Kultur werden sich greifbar deutliche Kulturbilder aus dem Altertum rekonstruieren lassen. Aus der jüdischen Literatur in Mittelalter und Neuzeit wird der Geist des Orients herauszuschälen sein. Der Folklorist wird dichterische Stoffe auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte verfolgen, ihre durch Zeit und Art bedingten Wandlungen beobachten können, auch der Einfluß des Judentums auf die Umwelt und umgekehrt wird zu untersuchen sein und wird zu wichtigen Erkenntnissen für das politische und wirtschaftliche Leben der Gegenwart führen. 1916 Wochenkalcndcr (5676) ijnn II Adar März w n« Gottesd.: Morgens Hauptsyn. 8.30 Herzog Rud.-Str. 7.30 Sabbath-Äusgang 6.62 Samstag 11 6 Sonntag 12 7 Montag 13 8 Dienstag 14 9 Mittwoch 15 10 Donnerstag 16 11 Fasten-Esther Freitag 17 12 Sabbath-Eingang: Haupt - Synagoge 6.00 Herzog Rud.-Str. 6.00 Auf dem dritten Hauptgebiet, dem der relig ionsgeschichtlichen Forschung, gilt es vor allem, die innere Entwicklung des religiösen Lebens der Juden und desjenigen ihrer Umwelt zu ergründen. Indem der Talmud Verhaltungsmaßregeln für Fälle einer Berührung mit dem hellenistisch-römischen Kult gibt, enthüllt er unbewußt Einzelheiten dieses Kults, die helle Lichter auf die Kultur der Zeit werfen und wissenschaftliche Schätze enthüllen, die darauf warten, gehoben zu werden. Das Wesen von Zauberei und Geistervorstellungen im alten Orient, die Entstehung und Beschaffenheit von Sekten in vorchristlicher Zeit — das alles wird sich dem wissenschaftlichen Durchforscher des Talmud erschließen und endlich wird er unschätzbare Beiträge zum Verständnis der Beziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam erhalten. Neben der religiösen wird auch die politische G esc hiic tote des Judentums, seine Bedeutung im Leben der Völker vom Altertum bis auf den heutigen Tag zu verfolgen sein, und gerade auf diesem Gebiet wird vielleicht jene jüdisch-wissenschaftliche Fakultät neben den abstrakten ihre konkreten, auf diesem Gebiet wird sie vielleicht am ehesten ihre moralischen Aufgaben zu erfüllen haben. Zu Sachwaltern der Wissenschaft des Judentums gedenkt man keineswegs nur jüdische, sondern auch nichtjüdische Gelehrte zu machen. Vom Wesen dieser Gelehrten wird es abhängen, welche Rolle der Lehrstuhl für jüdische Wissenschaft künftig im äußeren Leben der deutschen Juden spielen wird. Wenn diese Gelehrten wirklich Weise sind, so wird es ihnen vor allem auf das Wesen des Judentums ankommen. Wenn sie humane Menschen sind, so wird es sie treiben, die unendlich hohen geistigen Werte des Judentums in Augenblicken zu bekennen, da die heutigen Träger des Judentums Gefahren und Verfolgungen auszustehen haben; so werden sie ihre Kenntnisse vom Judentum als Waffen für die Sache der Juden zu gebrauchen wissen. Sind sie aber von Vorurteilen und Leidenschaft verblendet, [so wird das Wissen vom Judentum in ihren Händen zu einer Waffe werden, die sich gegen die Jude n h e i t kehrt. Hoffen wir, daß das preußische Kultusministerium den Vorschlag jetzt inmitten des Krieges ausführt und damit aufs neue beweist, welche überragende Bedeutung der Wissenschaft im Leben des deutschen Volkes gebührt. Hoffen wir ferner, daß in den Verwaltern des jüdischen Lehrstuhles der si 111 i c h e Eifer ebenso groß ist wie der wissenschaftliche. Mara. Wie steht es um Polen? Während an den verschiedensten Fronten das Ringen der Völker mit neuer Kraft beginnt, herrscht seit Monaten in den Gebieten Polens Ruhe, und eine Tätigkeit hat hier eingesetzt, die mit kriegerischen Augenblicks-Maßnahmen nichts zu tun hat, sondern auf die Schaffung von dauernden friedlichen Zuständen hinzielt. Der Begriff „dauernd" ist freilich nur relativ zu fassen. Handelt es sich doch, bevor das Schicksal der besetzten russischen Gebiete endgültig entschieden ist, bei allem was seitens der deutschen Verwaltung und der Bevölkerung zum Wohle des Landes geschaffen wird, nur um eine Interimsarbeit, die heute oder morgen gegenstandslos werden mag. Noch führt der Lebensweg der Bevölkerung in den besetzten Gebieten einem unbekannten

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