Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-03-03 · 9 (3.3.1916) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
9 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9117839--00726-9073552
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Das Jüdische Echo 71 gleich." So sagt schon Joel, der Heuschreckenprophet. Keiner von uns, die da am Fenster stehen, hat je ein solches Schauspiel gesehen, denn seit der letzte große Heuschreckenschwarm da war, ist ein halbes Jahrhundert verflossen. Aber doch ist der Eindruck nicht überwältigend.' Die Landschaft ist dieselbe wie immer, nur mit Tausenden schwarzer Pünktchen gesprenkelt. Wir wissen ja nicht, was wir gesehen haben. Wir dachten einen Heuschreckenschwarm zu sehen und sahen in Wirklichkeit nur die allerersten Auskundschafter und StreitDatrouillen. Die reguläre Armee sollten wir noch kennen lernen. — Ein schlimmer Frühlings-Schirokko, der alles austrocknet, den feinen Sand aufwirbelt, in Ohren, Augen und Lungen eindringt und das Quecksilbersäulchen in kürzester Zeit fünfzehn Grad hinaufDeitscht. Acht Uhr morgens — man sitzt in Schirokko — Unlust, aber sonst nichts ahnend beim Frühstück — da geht es Ricke — ticke— ticke an Fenster und Glastüren. Überall stoßen schwirrende, flatternde Heuschrecken an. Der zweite Schwärm also! Das war zu erwarten und man regt sich darüber nicht sonderlich auf. Aber was ist denn das? Aus dem Ricke—ticke —ticke wird fast unvermittelt ein Rrrrr. es wird merklich dunkler, der weiße Schirokkohimmel ist dunkelgrau geworden. — Oho. das ist schon ernst! Wir steigen aufs flache Dach, das eine Aussicht auf die ganze Landschaft bietet, den weiten Gürtel der berühmten Orangengärten, den blauen Meeresspiegel, die blauen Berge Judäa's. Jetzt aber! Wo ist das Meer? Wo sind die Dünen, die Gärten, wo die blauen Berge? Es ist alles untergegangen in einem schwarzgrauen Nebel, der uns von allen Seiten einhüllt. Dieser Nebel ist nicht gleichmäßig dicht. Er hat lichtere Stellen, die einzelne Häuser noch härter erkennen lassen und ganz dunkelgraue Verdichtungen, in denen alles verschwindet. Und er wogt auf und ab und hin und her — ein Meer von Heuschrecken. Der Turm der Russischen Kirche, der soeben noch klar zu erkennen war, ist plötzlich verschwunden, wie von den grauen Nebelschwaden verschlungen. Man verliert vollständig das Gefühl, den Flug einzelner Tiere zu sehen. So wenig man im Sturzregen an die einzelnen Tropfen denken kann, so wenig gelingt es, sich diesen Nebel aus einzelnen Tierchen gebildet vorzustellen. Aber plötzlich, ganz unvermittelt, senkt sich der Schwärm! Da kommt es uns auf einmal zum Bewußtsein, daß dieser Nebel lebt! Daß er von tausenden Milliarden gleichen und starken tierischen Instinkten erfüllt ist! Da schwirrt es tausendfach um uns herum, stößt und schlägt uns ins Gesicht, möchte uns wohl umwerfen, beißen, zerfetzen, zerfressen! Mit den Armen und schnell herbeigeholten Tüchern und Zweigen müssen wir um uns schlagen, fuchteln und kämpfen, um uns auf dem Dache zu behauDten. Der Lärm ist jetzt ohrenbetäubend geworden. Das milliardenfache Flügelklappern, das Anstoßen der eisenharten Panzerköpfe an Bäumen und Mauern verursacht ein Getöse wie die stürmische Meeresbrandung. Die herbeigeeilten Gartenbesitzer mit ihren Kindern. Dienern und Arbeitern vollführen in den Gärten einen höllischen Spektakel; sie schlagen auf leere Petroleumbleche, auf Holzkisten, auf Bretter, sie schreien, rufen, trompeten, damit die Schwärme verscheucht werden und sich nicht auf ihre Gärten hinsetzen. Mögen sie, wenn es Allah's Wille ist, daß das Land heimgesucht werden soll, wenigstens zum Nachbarn gehen! Stunde auf Stunde verstreicht. Der endlose Schwärm zieht in schnellem Tempo über uns hinweg. Er kommt aus dem Süden und biegt ostwärts ab. Jaffa bildet den Angelpunkt dieser ungeheuren Schwenkung. Erst gegen Abend flaut der Strom ab und bald sind nur noch vereinzelte Nachzügler zurückgeblieben. — Wird noch ein einziges grünes Blatt an Jaffa's Orangenbäumen übriggeblieben sein? Werden die ewig-grünen Bäume diesen Raub überstehen! Am Abend sieht Jaffa so grün aus, wie ie zuvor! Also nur ein Scheinkrieg! Der Feldzug war gar nicht gegen uns gerichtet, und da wir der Armee nur allzu gern den Durchzug gewährt hatten und keinen Versuch gemacht hatten, sie aufzuhalten, so hat sie uns ungeschoren gelassen! Nur in wenigen Gärten finden sich etwas angefressene Baumgruppen. Da auch diese Gefahr über uns hinweggegangen ist, werden wir zuversichtlich und glauben auch den kommenden Ereignissen in Ruhe entgegensehen zu können. Denn daß mit diesem einem Schwärm die Plage nicht vorüber sein wird, verstehen wir schon. Inzwischen haben sich die Sachverständigen im Lande zusammengetan und beraten, was jetzt zu tun sei. Sie wissen, daß von den ersten Schwärmen verhältnismäßig wenig zu fürchten war. Diese Tiere waren schon gänzlich erwachsen, sie gingen dem Höhepunkt ihres Daseins, der Paarung entgegen. Und nach der Überschreitung dieses Höhepunktes sind sie einem schnellen Tode verfallen. Die Weibchen legen ihre Eier, die Männchen warten nicht einmal darauf und sterben eiligst. Zum .gefürchteten gierigen Fressen fehlen ihnen also Zeit und Anlaß. Um so gefährlicher ist aber die junge Brut. Daß man gegen sie den Kampf in der Hauptsache richten muß. darüber ist man sich einig. Die Regierung zeigt reges Interesse für die Sache und beschließt einen Kredit von zehntausend türkischen Pfunden für die Vertilgung der Tiere zu bewilligen. Diese Nachricht erregt allerdings bei den Skeptikern ein allgemeines Schütteln des Kopfes. Der treue Chronist muß hier berichten, daß die Skeptiker Recht behielten.-- (Fortsetzung folgt.) Literarisches Echo Moses Mendelssohn über den Krieg. Im Verein für Jüd. Geschichte und Literatur in Berlin hielt Abgeordneter Dr. T r a u b einen äußerst anregenden und in die Tiefe gehenden Vortrag über die Frage: „Was kann uns Moses Mendelssohn für unsere Kriegszeit sagen?" Einleitend setzte der Redner auseinander, wie er dazu gekommen, den großen Humanisten des 18. Jahrhunderts mit dem jetzigen Kriege in Verbindung zu bringen. Es sei ja eine Gegenwartsfrage, ob Humanität und nationales Empfinden einander widersprechen. Die deutschen Humanisten des 18. Jahrhunderts hätten diese Frage verneint, Goethe. Herder. Lessing, auch Mendelssohn — bei ihnen allen hätte der Gedanke der Humanität tief im nationalen Empfinden gewurzelt. Zumal Mendelssohn, dessen Lebenshöhe in die Zeit des siebenjährigen Krieges fiel, habe ganz unter dem Banne Friedrichs des Großen gestanden, und zwar Friedrichs als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.