Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-03-03 · 9 (3.3.1916) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
9 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9117839--00723-9073549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

68 Das Jüdische Echo Nr. 9 Der Lehrplan der jüdischen Volksschulen in Polen. Das neueste „Schulverordnungsblatt für Polen" (Nr. 4) bringt außerordentlich interessante Bestimmungen über die Lehrziele und Lehraufgaben der Volksschulen in Polen. Der Unterricht in verschiedenen Gegenständen wird genau geregelt. Der jüdische Religionsunterricht hat nach der Verordnung das religiöse Gefühl zu wecken, die jüdische Tradition lebendig zu erhalten und die Liebe zur jüdischen Vergangenheit den Kindern einzuprägen. Jüdische Eigenart und bisherige Entwicklung des Judentums sind im Religionsunterricht zu berücksichtigen. Die Grundwahrheiten der Religion, die wichtigsten jüdischen Religionsquellen, jüdische Geschichte und jüdische Gebräuche sind mit den Kindern zu betrachten. Es sind demnach zu lehren: Hebräisch. Bibel und nachbiblische Geschichte, Pflichtenlehre. Das Hebräische wird schon auf der Unterstufe unterrichtet. Die Kinder sollen so weit im Lesen geübt werden, daß sie leichte Stücke aus der Bibel, Gebete und Abschnitte daraus übersetzen können. Auch die notwendigen Kenntnisse der hebräischen Grammatik werden übermittelt. Die Kinder lernen auch hebräisch schreiben. Es wird ferner genau bestimmt, welche Gebete die Kinder zunächst zu lernen haben, wobei den religiösen Gebräuchen zu Hause und dem öffent- Gottesdienst der Ostjuden Rechnung getragen wird. Die biblische Geschichte wird ebenso schon auf der Unterstufe gelehrt. Die Kinder lernen zunächst in Einzelbildern, später — auf den oberen Stufen —■ im Zusammenhange die Biblische Geschichte bis zur Rückkehr vom Babvlonischen Exil, die Zeit des 2. Tempels, das Wichtigste aus der späteren Zeit des Judentums, möglichst bis zur Gegenwart. In der nachbiblischen Geschichte sind hauptsächlich die Geistesheroen des Judentums zu berücksichtigen, wie z. B. Hillel. Rabbi Akiba, Maimonides u. a., wie auch das jüdische Märtyrertum des Mittelalters. Auf den Geschichtsunterricht kommt die Verordnung ferner auch noch in § 5 zurück, in dem ausdrücklich gesagt wird, daß die Kinder die wichtigsten Vorgänge aus der Geschichte des eigenen Volkes kennen lernen sollen. Die Verordnung, die in einer mustergültigen Weise den Unterricht in den Volksschulen regelt, ist ein Beweis, daß die deutsche Zivilverwaltung der eroberten Gebiete das ernste Bestreben hat, den kulturellen Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden. Welt-Echo Die Revision des bayerischen Judenediktes. Der bayerische Kultusminister erklärte im Finanzausschuß des Abgeordnetenhauses, die Revision des Judenediktes werde längere Zeit in Anspruch nehmen als er in der verflossenen Session angenommen habe, da der Beamte, der infolge seiner genauen Kenntnisse der Verhältnisse und infolge des Vertrauens, das er in jüdischen Kreisen genoß, die geeignete Persönlichkeit zur Vertretung des Revisionsantrages war, gestorben ist. Ausländische Studenten an bayerischen Universitäten. Bei der Beratung des Kultusetats im Abgeondnetenhause erklärte der Kultusminister, ausländische Studenten würden auch künftig an bayerischen Hochschulen zugelassen werden, ohne daß jedoch deutsche Studenten dadurch beeinträchtigt werden dürften. Englische Märchen. Den Engländern liegt viel daran, die pro-deutsche Stimmung der amerikanischen Judenheit zu trüben. Sie haben daher in England und Amerika allerhand Märchen über den „offiziellen" deutschen Antisemitismus in Umlauf gesetzt. So wurde behauptet: 1. den Juden in den besetzten polnischen Gebieten wäre von den deutschen Behörden das Tragen des Kaftans verboten worden, weil dieser die „Gefühle der deutschen Soldaten verletze"; 2. die Kaiserin hätte sich geweigert ein jüdisches Krankenhaus, das als Lazarett benutzt wird, zu besuchen: 3. sämtliche englischen Juden in Deutschland wären interniert worden. In den amerikanischen „Bnei Brith Nachrichten" widerlegt Dr. Paul Nathan diese lächerlichen Behauptungen und beweist das Gegenteil. Die englische zionistische Föderation hielt am 16. Februar ihre Jahresversammlung in Manchester ab. Den Vorsitz führte Herr JoseDh C o w e n. Bei dieser Gelegenheit wurde folgendes Schreiben von Dr. Max N o r d a u verlesen: „Als der französische Revolutionär Sieyes gefragt wurde: „Was haben Sie während der Schreckenszeit getan?" erwiderte er: „Ich habe gelebt!" Das war damals wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe, und Sieves hatte ein Recht, darauf stolz zu sein, daß es ihm gelungen war. Unsre Organisation ist heute in einer ähnlichen Lage. Wenn es uns glückt, den Sturm auszuhalten, haben wir alles geleistet, was man erwarten darf. Wir müssen uns nach Kräften bestreben, unsre Organisation intakt zu erhalten. Wir müssen unsre Kolonien in Palästina vor dem Untergang bewahren. Nach Beendigung des Krieges werden wir die Pflicht und hoffentlich die Möglichkeit haben, den Schaden auszubessern, unsre Arbeit auszudehnen und alle unsre Unternehmungen in den gewohnten Bahnen weiterzuführen. Im Augenblick bleibt uns nichts andres übrig als zu warten. Doch wollen wir nicht vergessen, daß eine gute Defensive nicht weniger Mut, Ausdauer, Wachsamkeit, Anstrengung und Operwilligkeit erfordert als eine Angriffstaktik, die augenblicklich unmöglich ist." Nach einem Bericht des Präsidenten über die Tätigkeit der Föderation während des Jahres und einer Diskussion des Rechenschaftsberichtes wurden u. a. folgende Beschlüsse angenommen: 1. Der Vorstand wird ermächtigt, die Mitarbeit und den Anschluß von Synagogen, Wohlfahrtsgesellschaften und ähnlichen Körperschaften zu erzielen. 2. Die bei der Konferenz vertretenen Gesellschaften verpflichten sich, die hebräische Erziehung durch Institute, Studienzirkel und Unterrichtsklassen zu fördern und auf die Errichtung hebräischer Schulen hinzuwirken. 3. Die Konferenz fordert die Jüdische Nationalfondskommission für England auf, durch Anstellung eines Sekretärs usw. die Sammeltätigkeit zu verstärken. Bei einer großen öffentlichen Versandung, die im Anschluß an die Jahresversammlung veranstaltet wurde, sprachen u. a. die Herren Samuel Cohen, Joseph Cowen, Dr. Weizmann und W. Jabotinskv. Der Bristoler Arbeiterkongreß über die Judenfrage. Auf dem Arbeiterkongreß, der in Bristol

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.