Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 9 (3.3.1916)
- Date
- 1916-03-03
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9102942-9117839--00722-9073548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 Das Jüdische Echo 67 Der Antisemitismus ist eine Krankheit, welche schon im Interesse des deutschen Volkes, dem sie die tüchtigsten Kräfte entzieht, bekämpft werden muß. Nie und nimmer jedoch darf er die Ursache zu einer politischen Verlogenheit werden. Täte er es, so würden wir nicht nur verachtet, sondern auch verächtlich sein. Der Wert eines jeden Juden für das jüdische Volk wird nicht nach seiner Stellung zum Antisemitismus, sondern allein nach seiner Stellung zum Judentum und zu den Juden gemessen. H. Mg. Nochmals Philippson. Herr Davis T r i e t s c h sendet uns folgende Nachschrift zu seinem Aufsatz in unserer vorigen Nummer: Professor Alfred Philippson ist im „Berliner Tageblatt" nochmals auf den Plan getreten, um auf die Erwiderung Professor Warburgs zu antworten. Dabei stellt sich heraus, daß Philippson sich offenbar gegen den Plan der A.J.K.O. (Dr. Alfred Nossigs gepriesene Kolonisationsgesellschaft) hatte wenden wollen. Dann ist es aber umso unverständlicher, weshalb dabei der Zionismus eine so schlechte Zensur bekommen mußte. Die beiden Bestrebungen zu verwechseln oder in einen Topf zu werfen, ist denn doch — nach beiden Richtungen — eine unnötige Grausamkeit. Über seine Einwände wird sich gelegentlich mehr sagen lassen. Heute nur das Hauptsächlichste und nicht bereits in "meinen vorangegangenen Ausführungen erledigte (wozu alles auf die einseitig landwirtschaftliche Ansiedlung bezügliche gehört!). Ob die Türkei als Industrieland (gemeint ist wohl mit Landwirtschaft und Industrie) einmal 100 Millionen Einwohner haben kann oder nicht, ist eine müßige Frage. Tatsächlich handelt es sich nur darum, ob sie neben ihren jetzigen höchstens 23 Millionen für noch einige wenige Millionen Platz hat. Das aber trifft sicherlich zu, und es genügt vollständig. Der Vergleich mit den industriell hochentwickelten Küstenstaaten der Union, ihrer trotzdem so dünnen Bevölkerung, hinkt auf allen Vieren. Die Union krankt nämlich an ihrem Zuviel an Land, wie die Juden an ihrem Zuwenig. Daß die „russischen Juden auf die Anlage der großen Bewässerungswerke nicht warten können", gibt mir Veranlassung zu bemerken, daß dies auch gar nicht nötig ist. Im Gegenteil. Die Einwanderer könnten bei dieser (und zahlreicher anderen Vorbereitungs- und Ameliorationsarbeiten) viefach die beste und sicherste Arbeitsgelegenheit finden. Hierbei brauchte nicht einmal die Kostenfrage zu schrecken. Die Errichtung von Wasserwerken ist ja rentabel und daher leicht zu finanzieren. Außerdem kostet sie weniger als die übliche — ganz unrentable — Wasserfahrt der Auswanderer übers Weltmeer (rund 1000 Mark pro Familie. In meinem Buche „Jüdidische Emigration und Kolonisation" ist es ein Hauptgesichtspunkt, daß innerhalb dieser Kostenziffer dieAnsässigmachung im Orient berücksichtigt werden kann!). Zum Schluß gibt übrigens der Verfasser seine eigene Meinung über das Problem zu erkennen: „Nicht die schnelle Masseneinwanderung an sich, wenn sie finanziell durchführbar sein sollte, halte ich für verkehrt, sondern ihre Leitung nach der Türkei. Meiner Ansicht nach sollte eine Massenauswanderung verbunden sein mit einer Verteilung der Auswanderung auf verschiedene Länder in kleineren Gruppen. Also M a s s e n a u s w a nid e r u n g. laben nicht Masseneinwanderung!" Hierauf in aller Kürze nur folgendes: Durch wieviel Länder muß die von Philippson gebilligte Massen a u s w a n d e r u n g dividiert werden, um nicht mehr Massen einwänderung zu sein? Wären nicht Hunderttausend pro Land bereits überall eine Masseneinwanderung, wenn wir hier zunächst nur von zwei Ländern absehen, nämlich von der Türkei, die Philippson verwirft, und den Vereinigten Staaten, die er schon aus deutschem Interesse heraus (wegen der Stärkung eines englischsprachigen Landes durch ein bisher deutschsprachliches Element und der Stärkung eines Staatenverbandes, der eben jetzt den Gegnern Deutschlands die wertvollsten Dienste leistet) ebenfalls verwerfen sollte. Wenn uns Prof. Philippson eine nur halbwegs ausreichende Zahl möglicher Einwanderungsländer namhaft machen will, wollen wir weiter reden. — Bis dahin aber ist sein Schlußsatz ein Schlagwort zur Beruhigung der Gedankenlosen, und bis dahin steht seine Lösung ideell und praktisch abgrundtief unter der in jüdischer, deutscher und türkischer Hinsicht besten Lösung, nämlich derjenigen der größtmöglichen Ansiedlung im türkischen Reiche! D. T. Kriegsanleihe und Bonifikationen. Die Frage, ob die Vermittlungsstellen der Kriegsanleihen von der Vergütung, die sie als Entgelt für ihre Dienste bei der Unterbringung der Anleihen erhalten, einen Teil an ihre Zeichner weitergeben dürfen, hat bei der letzten Kriegsanleihe zu Meinungsverschiedenheiten geführt und Verstimmungen hervorgerufen. Es galt bisher allgemein als zulässig, daß nicht nur an Weitervermittler, sondern auch an große Vermögensverwaltungen ein Teil der Vergütung weitergegeben werden dürfe. War dies bei den gewöhnlichen Friedensanleihen unbedenklich, so ist anläßlich der Kriegsanleihen von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daß bei einer derartigen allgemeinen Volksanleihe eine verschiedenartige Behandlung der Zeichner zu vermeiden sei und es sich nicht rechtfertigen lasse, den großen Zeichnern günstigere Bedingungen als den kleineren zu gewähren. Die zuständigen Behörden haben die Berechtigung dieser Gründe anerkennen müssen und beschlossen, bei der bevorstehenden vierten Kriegsanleihe den Vermittelungsstellen jede Weitergabe der Vergütung außer an berufsmäßige Vermittler von Effektengeschäften strengstens zu untersagen. Es wird also kein Zeichner, auch nicht der größte, die vierte Kriegsanleihe unter dem amtlich festgesetzten und öffentlich bekanntgemachten Kurse erhalten, eine Anordnung, die ohne jeden Zweifel bei allen billig denkenden Zeichnern Verständnis und Zustimmung finden wird.