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Das jüdische Echo · 1916-03-03 · 9 (3.3.1916) · p. Seite 66

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
9 (3.3.1916)
Date
1916-03-03
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 Das Jüdische Echo Nr. 9 „Wir und die Anderen". Die Art. wie im Kopfe dieses Theoretikers der Bauernstand, in gewissem Sinne der Junker, sich als die sittliche Grundlage des Staates darstellt, wird unter uns viele Freunde finden. Und schließlich muß man nicht einmal Gelehrter sein, um im Kriege gelernt zu haben, wie wichtig es für den Staat zunächst und vor allem ist, die landwirtschaftliche Produktion sicher au stellen, viel wichtiger, als den Konsumenten zu schützen. Drittens gibt es noch die Gruppe der national denkenden Juden, die im Prinzip zu einem „staatserhaltenden" Programm neigen müssen. Denn wäre es nicht absurd, wenn eine kleine Minorität für sich die Verteidigung der „heiligen Güter der Nation", Sprache, Kultur. Religion, Familie, Tradition, Stammeseigenart usw. in Anspruch nimmt, von der nationalen Zukunft spricht, von dem Opfer, das der einzelne dieser Zukunft und der Gesamtheit zu bringen hat. von dem Bauernstand, den es in Palästina zu schaffen gilt, zu schaffen als Grundlage eines gesunden Gemeinwesens — wäre es nicht absurd, wenn diese Minorität sich im d e u t s c h - politischen Leben zu denjenigen Parteien hingezogen fühlte, welche diese Begriffe stets bekämpfen oder doch ihnen nicht entfernt jene Bedeutung beizulegen gewillt sind, die sie für die rechtstehenden besitzt? Die Tatsache, daß in weiteren Kreisen der deutschen Juden Neigung zu einer „Neuorientierung" im konservativen Sinne besteht, hat also an sich nichts Überraschendes. Nun entsteht die Frage, ob es möglich, wenn ja: ob es richtig ist, diese Orientierung, diesen Anschluß an die rechtsstehenden Parteien, wie er von Dr. G e r s o n im „Neuen Deutschland" und wie er von der „Jüdischen Presse" gedacht ist, zu vollziehen. Es galt bisher als Axiom, daß man als Jude sich deutsch-politisch nur bei den Linksparteien betätigen dürfe. Nicht weil diese die richtige ideelle Grundlage besäßen, sondern — und das muß betont werden — weil sie die einzigen Parteien sind, die sich nicht zum Träger des Antisemitismus machen. Aber eine solche Forderung, welche die eigene Überzeugung zurückdrängt und lediglich die Überzeugung der anderen (den Philo- oder Antisemitismus) zum Maßstabe des eigenen Handelns nimmt, ist nicht nur unhaltbar, sondern auch letzten Endes unsittlich. In der Tat haben daher zahlreiche der Wahrhaftigeren unter den Juden der Betätigung in Parteien, die ihnen im Grunde nicht adäquat sind, völlige politische Abstinenz und Gleichgültigkeit vorgezogen. Damit wurde zuächst — und zum Schaden der Juden — erreicht, daß der jüdische Liberalismus unange- 1916 Wochcnkalendcr (5676) lJTin März I. Adar □,!?ptS>D Neum.-Änk. n -nx HIpS Gottesd.: Samstag 4 29 Morgens Hauptsyn. 8.80 Herzog Rud.-Str. 7.80 Sabbath-Äusgang 6.*1 Sonntag 5 30 II. Adar ff "HK Neumond Montag 6 1 Dienstag 7 2 Mittwoch 8 3 Donnerstag 9 4 Freitag 10 5 Sabbath-Eingang: Haupt - Synagoge 5.00 Herzog Rud.-Str. 5.0C fochten das Feld behauptete, und die volkstümliche Meinung, welche im „Berliner Tageblatt" den geistigen Führer des deutschen Judentums erblickt, wurde bestärkt. Aber ganz abgesehen davon ist die politische Abstinenz auf die Dauer bei Bürgern, die so intensiv mit dem deutschen Wirtschaftsleben verknüpft sind, wie die Juden, völlig undurchführbar, weil sie an der gesamten (Kommunal-, Agrar-, Industrie-. Handels-, Zoll-) Gesetzgebung ganz ungemein interessiert sind. Wenn es nun eine Gruppe von Juden gibt, die angesichts ihrer mehr (konservativ orientierten Interessen oder Ideen nur die Wahl haben, entweder u n t e r Verleugnung ihrerÜberzeugung sich den Linksparteien anzuschließen, oder aber sich vom politischen Leben fern zu halten, so muß schon der Versuch allein, ihnen die Möglichkeit einer freien Aussprache und der Betätigung ihrer Überzeugungen zu verschaffen, freudig begrüßt werden als ein Versuch, etwas mehr Wahrhaftigkeit und Unbefangenheit in das jüdische öffentliche Leben hineinzubringen. Diesem Streben nach Versittlichung des jüdisch-politischen Handelns wird nunmehr das Argument entgegengehalten: es ginge doch nicht, daß wir uns im Sinne einer Partei betätigten, welche, wie die konservative, bewußt und überlegt antisemitisch handle. Dieses Argument kann man in demselben Augenblick zurückweisen, in dem man den „Staatsbürger"-Begriff scharf herausarbeitet, die gefühlsmäßigen Beziehungen zwischen Staat und Bürger beiseite schiebt und das Verhältnis beider versachlicht. Die Assimilation, welche in praxi mit dem jüdischen politischen Liberalismus identisch ist. bleibt ihrem Gedankengang keineswegs treu: denn wenn sie das gefühlsmäßige Verwachsensein mit dem deutschen Volk als Voraussetzung patriotischer Betätigung betrachtet, und es gleichzeitig als vollendete Tatsache für sich in Anspruch nimmt, was hindert sie dann, sich den sogenannten patriotischen Parteien anzuschließen, und warum SDielt ihnen dann ihr jüdisches „Gefühl" den Streich, ihnen das Zusammengehen mit den staatserhaltenden, aber antisemitischen Parteien zu verbieten? Hingegen der Staatsbürger, der die (national-) gefühlsmäßigen Beziehungen zu dem Staat und zu den Mitbürgern völlig ausschaltet, das Verhältnis gänzlich versachlicht, dem können die antisemitischen Empfindungen der anderen — zwar nicht gleichgültig sein, sie können aber — seine politische Stellungnahme nicht mehr entscheidend beeinflussen. Wenn er sich als Bürger, als Teil, als organisches Glied des Staates fühlt, wenn er ein vitales Interesse an ihm und seinem Gedeihen nimmt, so wird er zunächst und unbeirrt alles das tun, was ihm hierzu geeignet erscheint, d. h. er wird, wenn es seiner Überzeugung entspricht, sich im konservativen Sinne betätigen, ganz gleich, ob andere, die in ähnlichem Sinne staatserhaltend arbeiten wollen, ihn mögen oder nicht. Den Antisemitismus wird er. wo er ihm begegnet, zu bekämpfen wissen. Daß man dies auch als Konservativer kann, hat schon Lord Beaconsfield, der Schöpfer des englischen Imperialismus, gezeigt, der, obwohl als Knabe bereits getauft, einst" im Parlament einem antisemitischen Zwischenruf mit den stolzen Worten begegnete: „Ich stehe nicht an zu erklären, daß ich einem Geschlecht entstamme, dessen Adel nicht geringer und dessen Blut nicht minderwertiger ist als das der Lords Cavendish!"

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