Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1916-02-25 · 8 (25.2.1916) · p. Seite 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
Seite 63 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9102942-9117838--00717-9073543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Das Jüdische Echo 63 gesprochen wird, den Unterricht in ihrer Muttersprache zu ermöglichen, wird weiterhin der Gebrauch der polnischen Unterrichtssprache in denjenigen jüdischen Schulen Warschaus gestattet, in denen diese noch vor der Verlautbarung der erwähnten (Schul-) Verordnung eingeführt war. Diese Schulen werden im Sinne der Verordnung als polnische Schulen betrachtet werden." Die Erklärung des Polizeipräsidiums fährt dann fort: „Das Verlangen nach Volksschulen für die polnischsprechenden jüdischen Kinder ist jedoch durch die schon bestehenden jüdischen Schulen mit polnischer Unterrichtssprache in hohem Maße befriedigt, zumal die höhere jüdische Schicht die Kinder nicht in die Volksschule schickt. Andererseits mangelt es stark an jüdischen Schulen überhaupt. Die Schulverwaltung wird dafür sorgen, daß die städtische Verwaltung eine gröR^e Anzahl jüdischer Schulen mit der Unterrichtssprache im Jargon, folglich im deutschen Dialekte, eröffne. Dies ist unumgänglich nötig, da die Muttersprache der Mehrheit der jüdischen Kinder der Jargon ist. Dadurch wird die Verwaltung die Bevölkerung berücksichtigt haben . . . Auch muß während der Okkupation dem entgegengewirkt werden, daß in nationaler Hinsicht irgend eine Beeinflussung der jüdischen Bevölkerung, die zum größeren Teile sprachlich und kulturell nicht polnisch ist, ausgeübt werde." Durch diese Erklärung hat die deutsche Regierung den Anspruch der jüdischen Bevölkerung auf nationalem und kulturellem Gebiet als Sondergruppe behandelt zu werden, anerkannt. Die letzten Tage in Äntwerpen. Von Salomon Dembitzer. In seinem feinen Büchlein „Aus engen Qassen" schildert der Kalizische Schriftsteller die erschütternden Wirkungen des Kriegsausbruches auf die Juden Antwerpens: .... Am Mittwoch Vormittag ging es im jüdisch-galizischen Viertel lebhaft zu. Vor dem Klub und der Börse in der Pelikanstraat hatten sich Hunderte von Diamantenhändlern versammelt und schrien und redeten alle durcheinander. Ich ging auf sie zu und hörte, daß alle Österreicher noch heute Antwerpen verlassen müssen. „Wohin werden Sie fahren?" fragte einer den anderen. Abseits führten zwei Juden einen lebhaften Streit. Der eine meinte, es sei alles nur Verstellung und Komödie, die Flämen seien übergeschnappt. — Was heißt denn: Es wird Krieg sein? Menschen sollten einander töten? Wofür? Weswegen? Wird die Welt das zulassen? Aber der andere, ein rothaariKer, junger Mann, ein „Gebildeter", der sogar französische Blätter lesen konnte und vor dem die Juden einen großen Respekt hatten, — der Rotkopf behauptete mit Bestimmtheit, daß Deutschland, vereint mit England, sich mit Rußland schlafen würde. „Nun, und was will man von uns haben?" fragte der erstere noch aufgeregter. „Von uns? ... Ja, richtig!" erwiderte der Rote, „aber Belgien hält doch zu Rußland." . Inzwischen bildete sich um die beiden ein größerer Kreis, man schaute einander ins Gesicht. „Bruder, was tun? Wohin soll man gehen? Wohin soll man fahren?" Plötzlich sagte einer: „Möchten wir nicht vielleicht zum Advokaten gehen?" Der Kreis wurde immer größer, der Rothaarige führte die Schar in das „Diamantenschenkel". Erstens sollte man nicht in den Straßen herumstehen, um den Flämen kein Ärgernis zu bereiten, zweitens mußte beraten werden, was geschehen sollte. Der Rothaarige faßte mit Einverständnis der Versammelten folgenden Beschluß: Da er als gebildeter Mensch, der mit „jedem Doktor", mit jedem großen Mann reden konnte, in Antwerpen eine Menge Bekannte hatte, und da seine Bekannten wieder Bekannte hatten, die Abgeordnete im Reichstag waren, und die wiederum mit hohen Regierungsmännern bekannt waren, so wollte er sofort seine Bekannten aufsuchen, damit diese mit ihren Bekannten redeten und so weiter — und bewirkten, daß der Beschluß zurückgezogen werde. Mittags um 2 Uhr sollten sich die Leute in der Stomstraat Nummer 7 versammeln, dorthin würde er die Antwort überbringen. Aber die Menge konnte sich nicht so leicht beruhigen, denn ihr ganzes Arbeitswerk stand auf dem Spiel. „Und falls die Regierung doch darauf besteht, daß wir abreisen?" Die Leute schauten dem rothaarigen jungen Mann nach, der mit schnellen Schritten zu seinen einflußreichen Bekannten davonrannte. Sie waren ratlos, und die Zeit war so knapp. Automobile und Fahrräder und Droschken mit Soldaten jagten mit Pfeilesschnelle durch die Pelikanstraat, gefolgt von den traurigen Blicken der erstarrten Menge. Vor den beiden ärmlichen Diamantenschenkeln „Weidengarten" und „Mandel" standen sie seufzend umher und murmelten: „Warum soll Krieg sein? Weswegen? Wofür?" * * * Ich ging in die Kiwit- und Lewrigstraat, die beiden schmutzigsten Gassen im Ghetto, und sah die Leute bereits ihre Päckchen zusammenpacken; Mädchen und Frauen rannten und schrien, seufzten und weinten . . . „Wohin sollen wir, Herr der Welten? Wem lassen wir unser Hab und Gut zurück?" „Wir leben hier schon dreißig Jahre," sagte eine alte Frau, „wir haben nirgendwo hinzufahren, wir haben kein Heim." Eine andere Frau erhob ein Klagegeschrei: „Einen Krieg haben sie sich ausgedacht. Sie haben nichts Besseres zu tun. Das kommt, weil sie keine Nahrungssorgen haben! Aber wenn sie sich herumschlagen wollen, warum sollen wir unser Fell hergeben?" Händeringend eilten die Leute hin und her und kauften unterwegs Eßwaren ein. Die wenigen jüdischen Geschäfte waren geschlossen. Alles klagte und weinte. Aus vielen Toren schleppten sich bereits Väter und Mütter heraus, mit geschwollenen, roten Augen, die Kinder mit Päckchen beladen. So zogen sie zum Hauptbahnhof. Viele Flämen standen vor ihren Geschäften und sahen schweigend, nur mitleidsvolle Blicke miteinander tauschend, zu. wie die Menschen weinend und klagend ihre Stadt verließen. Nur ein alter Fläme schüttelte den Kopf und murmelte vor sich hin: „Orlog, Orlog." (Krieg, Krieg.) * * * Am Bahnhof herrschte ein solches Drängen und Hasten, daß man sich kaum rühren konnte. Tausende von Menschen stürmten aufgeregt zum Schalter, Kinder weinten, Mütter saßen mit herab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.