Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Das Jüdische Echo Nr. 8 gelassenen Köpfen auf ihren Bündeln und starrten traurig auf die Erde. Eine junge deutsche Dame, ein Hündchen auf dem Arm, drängte sich an mich heran und fräste mich: „Darf ich mich Ihnen anschließen? Ich habe solche furchtbare Angst." Ein junges Weib mit einem Kind an der Hand seufzte und weinte. Sie mußte aus ihrem Krankenbett heräussteigen und sollte hinausfahren, sich eine neue Heimat zu suchen. Neben mir stand ein anderes junges, blasses Weib und erzählte, das Gesicht mir zugewendet: „Hier in Belgien bin ich geboren, habe nicht Vater, nicht Mutter, keine Verwandten und weiß nicht, wohin ich fahren soll." Ein großer, hagerer, zerlumpter Mann stand zitternd da, er hatte keine Fahrkarte und wußte nicht, was er anfangen sollte. „Wir haben vergessen, für das Kind eine Flasche Milch mitzunehmen. O. weh mir! Und das Jäckchen habe ich zu Hause auf dem Tisch liegen lassen." „Wohin geht's? Wohin geht's?" So tönten die Fragen durcheinander. Doch 'keiner antwortete, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Das Hasten und Drängen wurde immer größer. Die Beamten am Schalter waren grob . . . Die Menschen hatten Angst, an sie Fragen zu richten, sie hatten Angst vor jedem Belgier, Angst vor sich selbst . . . Die Kehle war trocken, das Herz war so schwer, und die Seele verging vor Angst. „Wohin geht's? Wohin geht's?" Man wartete in diesem schrecklichen Gedränge. Dann zog die Menge zum Zug auf den Bahnsteig. In die Kupees, in denen kaum zehn Personen Platz hatten, stiegen dreißig und vierzig stürmend auf sie ein und drängten sich alle auf einmal hinein. Einer stand oder lag auf dem.anderen, zwanzig Stimmen schrien durcheinander. Eine Mutter hatte ihr Kind verloren, sie rannte aus dem Kupee heraus und schrie: ..Mein Kind, mein Kind!" Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich stand am Kupeefenster und sah. wie belgische Frauen und Mädchen uns mit Fäusten drohten, Schimpfworte ausstießen und darüber lachten, daß wir, gehetzte Menschen, wie ein Knäuel im Kupee zusammengeballt lagen, weder sitzen noch stehen konnten, und daß unsere Gesichter rot und blaß waren und unsere Reden vor Erregung zitterten. 0, Töchter Flanderns, was haben wir euch denn getan? .... Gemeindenu. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnachrichten, die in diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höflichst eingeladen.) München. In der vergangenen Woche betrugen die Einnahmen des Jüdischen Nationalfonds München. Spendenbuch: Frau Dr. Franz Stadler, anläßlich des Todes ihres Vaters, im Februar Mk. 10.—: Dr. Ludwig Wassermann, anläßlich seiner Verlobung. 17. II. 16. Mk. 10.—; Frl. Johanna Kaufmann spendet dem J. N.-F. Mk. 4.—. Summa Mk. 24.—. München. Wie alljährlich um diese Zeit, so hat auch jetzt wieder die Verwaltung der Israelitischen Kultus gemeinde ihren Verwaltungsbericht für das Jahr 1915 an die Gemeindemitglieder versandt. Die Kriegshilfskasse des Vereins wurde zu Beginn des Krieges geschaffen, um Gemeindeangehörigen, welche infolge des Krieges in eine wirtschaftliche Notlage geraten sind, beizustehen. Bis Ende 1914 wurden 26 160 Mark verausgabt; im Jahre 1915 die stattliche Summe von 61 098 Mark. Dieser große Betrag konnte nur dadurch aufgebracht werden, daß die Wohltätigkeits- und Wohlfahrtsvereine der Gemeinde und private Spender beisteuerten. Die Verwaltung hat auf dem nördlichen Friedhof eine Gräberreihe für jüdische Soldaten bereitgestellt; bis Jahresschluß war solche noch nicht in Benützung genommen worden. Den Gemeindemitgliedern, die den Heldentod fürs Vaterland erlitten haben, soll später von der Gemeinde eine Gedenktafel gewidmet werden. Die geplante Ju- biläumsdenkschrift aus Anlaß des lOOiährigen Bestehens der Gemeinde soll in Bälde erscheinen. Innerhalb der Gemeindeverwaltung sind im Jahre 1915 Änderungen nicht eingetreten. Das Verwaltungsmitglied, Herr Rechtsanwalt Dr. O e s t r e i c h , befindet sich noch immer in französischer Gefangenschaft. Die Gemeinde beschäftigt 15 Beamte, davon 4 im Sekretariat. Rabbinatssubstitut Dr. Bärwald amtiert als Feldrabbiner bei der Armee im Westen. Ehrende Erwähnung findet der Kultusbeamte Herr Heinr. Rosenberger, der im abgelaufenen Jahre seinen 70. Geburtstag und das Jubiläum seiner 40jährig. Tätigkeit im Gemeindedienste begehen konnte. Die Zahl der Kultusbeiträge zahlenden Gemeindemitglieder betrug bei (Fortsetzung auf der 3. Umschlagseite) mr Neueröffnet! ieo Das erstem seiner Art! ^.oUl ^estatttaxri exxvex Schillerstraße 40 (nächst Hauptbahnhof) Fernsprecher 53820 Moderne behagl. Zimmer, elektr. Licht, Bad usw. Billige Preise. Vorzügliche österreichische Küche. 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