Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Das Jüdische Echo Nr. 8 Eroberer dieser die notwendige Bildung zukommen läßt. So war es in Warschau bei der polnischen Universität, so ist es auch hier bei dieser Schule. Sehen Sie ein besonderes Vertrauen darin, daß Ihnen die deutsche Regierung erlaubt, ungehindert die berühmte und jahrelang benutzte Schule wieder in Gang zu bringen .... Ich übergebe Ihnen, verehrter Herr Rabbiner, hiemit das Gebäude, damit Sie es der alten Bestimmung wieder zuführen." Zerstörung der Brest-Litowsker Gemeinde. Auf die altberühmte jüdische Gemeinde von Brest- Litowsk, die etwa 60,000 Mitglieder zählte, hat der Krieg verheerend gewirkt. Die Juden der Stadt sind in alle Windrichtungen verstreut, und ein besondres Komitee bemüht sich, ihnen, unter denen sich auch verdienstvolle Gelehrte befinden, in ihrer Notlage beizustehen. Mendele Mocher Sforim (S. J. Abramowitsch), der verdienstvolle jüdische Schriftsteller, feierte kürzlich seinen achtzigsten Geburtstag. Auf seinen Wunsch wurde in Anbetracht der traurigen Zeit von einer Feier abgesehen, doch wurden in Moskau, Odessa, Petersburg usw. von literarischen Vereinen Sonderfeiern veranstaltet. Ein Werk von Nahum Sokolow. Der Schriftsteller und Zionist Sokolow wird demnächst in englischer und russischer Sprache ein Werk erscheinen lassen, das sich „Geschichte des zionistischen Gedankens in England" betitelt und die Beziehungen zwischen England und der jüdischen Ansiedelung im Orient und Palästina während des letzten Jahrhunderts behandelt. Humanite über eine Judenhetze. Die Pariser „Humanite" hat den Mut. in ihrer Ausgabe vom 10. ds. Mts. eine Denkschrift zu veröffentlichen, die der Hilfsausschuß der Petersburger Juden dem Gouverneur von Minsk überreicht hat. Es heißt darin: „Am letzten 4. September, am Vorabend des Versöhnungsfestes, brach in der Stadt Luminetz (an der Pripjet-Bahn. 50 km östlich von Pinsk) ein Progrom aus, der vier Tage dauerte. Alle jüdischen Läden, mit Ausnahme eines einzigen, der im Postgebäude liegt, wurden zerstört. Die Polizei tat nichts, um der Plünderung zuvorzukommen, und später ebensowenig, um den Pogrom einzuschränken. Obendrein antwortete der Polizeiminister einer jüdischen Abordnung, die bei ihm vorsprach und ihn um Hilfe und Schutz anging: „Ist es euch denn nicht gleich, ob eure Habe von unsern Soldaten oder von den Deutschen geplündert wird?" (Der Satz ist in der Humanite gesperrt.) Die örtlichen Behörden verweigerten den Juden die notwendige obrigkeitliche Bescheinigung, um Lebensmittel in die Stadt einzuführen. Da die Zufuhr auf der Eisenbahn für den Bedarf der Zivilbevölkerung gesperrt war. wurde eine Sonderbescheinigung unerläßlich, um irgend etwas nach Luminetz einzuführen. Die Militärbehörden hatten die Vertreibung der Juden befohlen, ohne übrigens eine bestimmte Frist festzusetzen. Aber der Polizeiminister schrieb aus reiner Willkür Fristen für die Vertreibung der Juden für alle Städte vor, wie sie hier folgen: Chmelnik 2 Stunden, Dubnowitschi 3 Stunden. Porschonskoje 2 Stunden, Vilaz 2 .Stunden. Wulk 12 Stunden, Luminetz 12 Stunden, Bogdanowsk 2 Stunden, Wetschik 24 Stunden. Auf diese Weise wurde es den Juden unmöglich gemacht, ihre Geschäfte abzuwickeln und ihr Hab und Gut mitzunehmen. Obendrein tat die Verwaltung nicht das Geringste, um das in Stich gelassene Eigentum zu schützen. Kaum hatten also die Juden die genannten Städte verlassen, als alle ihre Häuser und Läden geplündert und in einen Trümmerhaufen verwandelt wurden." In ihrer Nummer vom 16. Februar fordert die „Humanite", daß Frankreich und England ihrem Verbündeten das Bedenkliche seines Vorgehens gegen die Juden klarmache. Bedenklich ist es nämlich deshalb, weil Rußland gerade jetzt eine neue Anleihe in Amerika unterbringen möchte! Ein neuer Pogrom. Das Judenunterstützungskomitee zu Petersburg erhob beim Gouvernement von Minsk Beschwerde wegen eines Pogroms, der vier Tage gedauert hat. Die Juden wurden innerhalb zwei bis drei Stunden aus ihren Wohnungen gewiesen, ohne daß für ihre Habe irgendwelche Vorsorge getroffen wurde. Die verlassenen Stätten wurden von den Soldaten in kurzer Zeit in Trümmerhaufen verwandelt. Hetzartikel der russischen Regierung. Der „Birschewyja Wjedomosti" zufolge verbreitet die Regierungspresse wieder aufreizende Pogromartikel. So schließt das „Russkoia Znamie" wörtlich einen Hetzartikel mit den Worten: „Vereinigt euch, o Russenvolk, vertreibt die Juden und schlagt sie tot." Treibjagd auf Juden. Wichtige und unaufschiebbare Gründe haben die Regierungsorgane veranlaßt, so schreibt die „Birshewyja Wjedomosti" vom 23. Januar, am hellen Tage in der zweitgrößten Stadt Rußlands in deren Mittelpunkt eine Treibjagd auf Juden zu veranstalten, welche keine Wohnungsberechtigung in Moskau besitzen. Wessen Züge semitische Spuren zeigten, der wurde „sicherheitshalber" verhaftet. Am Abend stellte sich dann heraus, daß von den etwa 800 Verhafteten nur etwa 150 wirklich keine ordnungsmäßigen Papiere hatten. Neue Beschränkungen. Der russische Minister des Innern. Chwostow, erließ eine Verfügung, wonach die aus den besetzten Gebieten vertriebenen Juden nur dann die Erlaubnis zum Verbleiben in Petersburg erhalten, wenn sie bei in Petersburg ansässigen Verwandten Unterkunft finden. Die Polizeiorgane legen diese Verfügung in dem Sinne aus, daß die vertriebenen Juden bei Verwandten wohnen müssen, um in Petersburg verbleiben zu können, und dehnen die Verfügung auch auf solche Vertriebenen aus, die schon früher vom Ministerium des Innern die Erlaubnis zum Wohnen in der Hauptstadt erhalten haben. Die Sprachenfrage in Warschauer iüdischen Schulen. In unserer vorigen Nummer berichteten wir, daß der deutschen Regierung zwei Petitionen über die Frage der Unterrichtssprache an den jüdischen Schulen Polens zugegangen seien, die eine Petition, aus den Kreisen jüdischer Vertreter einer Assimilation an die Polen forderte die polnische Unterrichtssprache, während die andre, von Tausenden jüdischer Bürger unterzeichnete, Jidisch als Lehrsprache verlangte. Nach eingehender Prüfung der beiden Petitionen hat das Warschauer PolizeiDräsidium dem Vorstand der jüdischen Gemeinde mitgeteilt, daß: „eine gewisse Schicht unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung sich sprachlich und kulturell in bedeutendem Maße den Polen assimilierte; um den Kindern derjenigen .jüdischen Familien, bei denen zu Mause nicht Jargon, sondern polnisch