Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 61 einer starken ostjüdischen Einwanderung vorwiegend industriellen Charakters in Aussicht steht. Die Türkei, die ja auch ihrerseits an der Festigung der wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Deutschland ein starkes Interesse hat, gewinnt mit der jüdischen Einwanderung ein hervorragend arbeitsames europäisches Element von erprobter politischer Zuverlässigkeit. Was Prof. Philippson so nebenbei andeutet: nämlich, daß die Türken vermutlich kein Interesse an einer starken nicht-türkischen Einwanderung haben dürften, ist gänzlich schief gesehen. Es hängt zusammen mit des Verfassers merkwürdig primitiven Ideen über die zionistischen Bestrebungen. Der „selbständige jüdische Staat" in Palästina, mit dem Philippson. wie es fast scheint, die Türken bedenklich machen will, ist so ziemlich die Auffassung der Gasse —■ und zwar einer feindseligen Gasse, zu deren Sprachrohr dieser jüdische Vertreter deutscher Wissenschaft sich wirklich nicht zu machen brauchte. Daran hätte ihn schon das deutsche Interesse verhindern sollen. Im übrigen: wie denkt sich Prof. Philippson die Lösung der Ostjudenfrage? Davis Trietsch. Berlin. Das polnisch-jüdische Rätsel. Die Süddeutschen Monatshefte haben sich in der Kriegszeit die Aufgabe gestellt, zum Verständnis der Psyche der einzelnen Nationen und ihrer Lebensbedingungen beizutragen. Sie brachten in den letzten Monaten Hefte heraus, die sich mit den Deutschland feindlichen und den neutralen Völkern befaßten. Das neueste Heft heißt „0 s t j u d e n" und ist dem Zweige des jüdischen Volkes gewidmet, der als vermittelndes Glied zwischen Deutschtum und Slawentum im Osten Europas lebt. Es will dem gebildeten Deutschen ein Bild von der Geschichte, der Kultur und dem menschlichen Wert iener Volksgruppe geben, die jetzt seit der Besetzung der Gebiete des Ansiedlungsravons für Deutschland eine so hohe Bedeutung erlangt hat. Über die Religion, die Sprache, die Kunst und Literatur der Ostjuden erfährt der Leser vielerlei, was den Meisten bisher nicht bekannt oder doch nicht bewußt war. Die jüdische Seele spricht zu ihm aus Proben von jüdischer Dichtung und Folklore. Auch der Geschichte und der wirtschaftlichen Lage der Ostjuden ist gedacht und der hauptsächlichsten geistigen Strömungen, die ihr Leben beherrschen: dem Chassidismus und dem Zionismus als den lebendigsten Kräften im jüdischen Volksleben auf religiösem und auf nationalem Gebiet sind einige Aufsätze gewidmet. Der Zweck dieses „Ostiuden-Heftes" ist, den deutschen Leser darüber aufzuklären, was Deutschland von den Juden des Ostens zu erwarten, welche Wege es zu gehen hat. um einerseits ihrer Eigenart gerecht zu werden, andrerseits diese Eigenart im Interesse des deutschen Reiches auszunutzen. Über einige Punkte wird es dem Leser, der das Heft aufmerksam prüft, sicherlich Klarheit geben: erstens darüber, daß es sich hier (trotz gegenteiliger Ansichten in einigen Aufsätzen des Heftes) um eine nicht nur durch religiöse, sondern auch durch nationale Eigenheiten verbundene Menschengruppe handelt; ferner daß diese nationale Gruppe, dieses Volk eine hochentwickelte, sowohl von der deutschen wie von der polnischen streng unterschiedene Kultur besitzt; und endlich, daß es unmöglich sein wird, bei der politischen Neugestaltung des Landes die nationalen Bedürfnisse dieses Volkes unberücksichtigt zu lassen. Der Leser wird freilich auch, wenn er das Heft aus der Hand legt, von dem Gefühl durchdrungen sein, daß der deutschen Regierung in der Lösung der nationalen, wirtschaftlichen und geistigen Probleme in Polen eine unendlich schwierige Aufgabe erwächst, und mancher wird erwägen, ob die an mehreren Stellen angedeutete Lösung des Problems, nämlich durch eine jüdische Massenauswanderung im zionistischen Sinne, nicht die einzig mögliche ist. — Welt-Echo Bayerische Juden und Bauern. Bei der Generalversammlung des Christlichen Bauernvereins der Oberpfalz, die neulich in Regensburg stattfand, erklärte der Zentrumsabgeordnete Dr. Schlittenbauer, die Juden liefen seit Monaten in Bayern umher und umgingen im Einverständnis mit den Landwirten die Höchstpreise. Dr. Schlittenbauer scheint also von den bayerischen Juden eine ebenso schlechte Meinung zu haben wie von den Mitgliedern des Christlichen Bauernvereins. Polnisch-jüdische Handwerker in Deutschland. Wie das Hamburger Israelitische Familienblatt berichtet, haben einige Handwerkskammern dagegen Einspruch erhoben, daß die deutschen Behörden jüdische Handwerker aus den besetzten Gebieten zur Arbeit in deutschen Berieben heranziehen. Sie bezeichnen die jüdischen Handwerker als minderwertige Kräfte — eine Auffassung, die offenbar von den deutschen Behörden nicht geteilt wird, indem sie der Agudas Jisroel und dem Hilfsverein der deutschen Juden die Anwerbung polnisch-jüdischer Arbeiter übertrugen. Es gehen täglich Massen jüdischer Arbeiter und Handwerker in deutsche Werften und andere Betriebe. Die „AHiance Israelite". Der Zweigyerein Worms der „Alliance Israelite Universelle", der etwa 100 Mitglieder zählt, beschloß dem „Tag" zufolge einstimmig seine Auflösung, weil er ein weiteres Zusammenarbeiten mit der Zentrale in Paris, die vor einiger Zeit eine deutschfeindliche Gesinnung kundgegeben hat. auch nach dem Kriege für unmöglich hält. Gleichzeitig wurde ein Zwreigverein der neugegründeten „Deutschisraelitisch-osmanischen Union" ins Leben gerufen und den bisherigen Mitgliedern der „Alliance" der gemeinschaftliche Beitritt empfohlen. Botschafter Mergenthau in Kopenhagen. Auf seiner Reise nach Amerika weilte Botschafter Morgenthau kurze Zeit in Kopenhagen, wo er dem Zionistischen Bureau einen Besuch abstattete. Er versicherte dort, er würde in zwei Monaten wieder in Konstantinopel sein. Eröffnung der Jeschibah in Slobotka. Am 31. Januar fand die feierliche Wiedereröffnung der berühmten Talmudschule in Slobotka. die bekanntlich von der russischen Regierung geschlossen worden war, statt. Der Feier wohnte der Ortskommandant Major von Struensee mit einem Gefolge von Militärs und hohen Beamten bsi und hielt bei dieser Gelegenheit eine eindrucksvolle Ansprache an die Versammelten. ..Es muß", sagte er, „als eine Schicksalstücke angesehen werden, daß der Zar dieses Landes der Bevölkerung die notwendige Bildung versagte, und daß der