Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Das Jüdische Echo Nr. 8 des, obwohl in Ägypten der Tabakbau aus fiskalischen Gründen verboten, obwohl das Zigarettenpapier, die Kartons, die Blechschachteln und die fiolzkisten vom Ausland bezogen werden müssen, und obwohl nicht einmal billige einheimische, sondern nur teure ausländische Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. — Eine iüdische Zigarettenindustrie in Palästina oder anderen Teilen der Türkei könnte wenigstens mit ausländischem Tabak und, so lange Einwanderungsnot besteht, mit normal-billigen Arbeitskräften rechnen. Die Schweiz beschäftigt viele Hunderttausende in der Textil-, der Uhren- Schokoladen- und Maschinenindustrie, obwohl sämtliche Textilrohstoffe vom Ausland und gerade vom Orient kommen, obwohl für die Schokoladenindustrie nicht nur der Kakao, sondern auch der Zucker eingeführt werden muß und obwohl auch hinsichtlich der Rohmaterialien für die Maschinen- und Uhrenindustrie die Schweiz sicherlich nicht günstiger gestellt ist, als irgend welche Küstengebiete der Türkei. Alle diese Schweizer Industrien kämen für die jüdische Ansiedelung im Orient im hohen Maße in Betracht. Diese Länder haben schon heute einen großen Reichtum an Textil-Rohstoffen aller Arten und allein schon die Spinnerei und Weberei für den türkischen Markt und den der benachbarten islamischen Länder kann Hunderttausende jüdischer Arbeitskräfte beschäftigen und für eine Millionenbevölkerung eine Hauptbasis der Existenz abgeben. Daneben kommen in hohem Maße auch die Trikotagen- und Spitzenindustrie in Betracht. Auch die Uhren- und die Maschinenindustrie können bei der bekannten Eignung der Juden zu feinmechanischen Erwerbszweigen eine wichtige Grundlage jüdischer Ansiedelung abgeben. Aber auch in landwirtschaftlicher Hinsicht sind nicht immer die natürlichen Bedingungen für Erfolg oder Mißerfolg entscheidend. Es würde gewiß wahnsinnig erscheinen, auf einem nackten Felseneiland oder auf blankem Seesand Landwirtschaft treiben zu wollen. Aber doch ist dieser Wahnsinn zur Wahrheit geworden auf der Insel Malta, die die Phönizier vor mehr als dreitausend Jahren als eine humuslose Steinplatte vorfanden. Dennoch veranlaßte die vorzügliche Lage der Insel dieses alte Seefahrervolk. Erde von Sizilien herüberzubringen (eine Praxis, die heute noch geübt wird) und damit den Grund zu der außerordentlichen Fruchtbarkeit der Insel zu legen, die heute zu den am dichtesten bevölkerten Gebieten der Welt gehört. Im Biled-ül-Dscherid im Süden der Regentschaft Tunis stehen heute die herrlichsten Dattelwälder. Vor nicht allzu langer Zeit war hier starrende Wüste, aber eine hierher geflüchtete Bevölkerung hat in zäher Arbeit tausende von Brunnen gegraben und mit Hilfe künstlicher Bewässerung ein Paradies geschaffen. Auf dem blanken Sande der Kanalinseln Jersey und Guernsey werden — unter Glas und mit entsprechenden Arbeitsmethoden — Jahreserträge bis zu zehn Mark für den Geviertmeter erzielt, und die Maraichers von Paris, die erfolgreichsten Gemüsezüchter der Welt (deren Produkte übrigens zu einem sehr großen Teil nicht auf den Pariser, sondern auf den lohnenderen Londoner Markt kommen), lehnen es ab. ihr edles Saatgut und ihre teuere Arbeit einem so unzuverlässigen Element wie „gewöhnlichem Erdreich" anzuvertrauen und mischen sich ihren Boden selbst, den sie dann aber auch im Falle des Umzuges von einer Pachtstelle zur anderen mit sich führen. So wenig ist erfolgreiche Wirtschaft von natürlichen Bedingungen abhängig. In keinem der angeführten industriellen und landwirtschaftlichen Beispiele aber haben Not und Muß auch nur annähernd so stark mitgesprochen, wie bei der gerade jetzt bevorstehenden ostiüdischen Auswanderung und Umsiedelung, und wenn bei der Überwindung natürlicher Schwierigkeiten Anpassungsvermögen, Intelligenz und Zähigkeit eine Rolle spielen, wer würde da gerade den Juden von vornherein den Erfolg absprechen wollen? Die Frage der jüdischen Auswanderung und Kolonisation ist keineswegs eine innere jüdische Angelegenheit. Sie ist von sehr erheblicher Bedeutung für die deutschen Kulturbestrebungen im Ausland, für deutsche Weltwirtschaft und Weltpolitik. Die Deutschsprachigkeit der Ostjuden und ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland haben — neben den beträchtlichen Wirkungen, die sie in der ganzen Welt im Gefolge haben — auch schon bei dem geringen Umfang der bisherigen jüdischen Kolonisation in Palästina zu einer höchst auffälligen, aber in den deutschen Konsularberichten von Jahr zu Jahr stärker betonten Steigerung der deutschen Handelsinteressen geführt. Eine nach dem Kriege einsetzende große ostjüdische Auswanderung nach Palästina und anderen Gebieten der Türkei würde die deutschen Kultur- und Wirtschaftsbeziehungen zu den türkischen Ländern ganz unverhältnismäßig stärker fördern, als es von der größten denkbaren Übersiedelung deutscher Elemente, die sich auf alle Fälle nur innerhalb sehr bescheidener Grenzen halten kann, zu erwarten ist. Es läge also schon von diesem Gesichtspunkt aus ein überragendes deutsches Interesse an der jüdischen Einwanderung nach dem Orient vor. Daneben ist es ebenfalls für Deutschland nicht ohne Belang, wenn durch eine möglichst starke Abwanderung von Ostjuden aus den dem russischen Reiche voraussichtlich verloren gehenden Gebieten die dort vorwaltenden inneren Spannungen gemildert werden. Für die Türkei wiederum ist die iüdische Einwanderung aus Osteuropa die einzige, die ihr unter den gegenwärtigen und absehbaren politischen Verhältnissen wenigstens zu dem Beginn der — ihrer Wirtschaft so notwendigen — Industrialisierung führen kann. Abgesehen von der Übersiedelung: deutscher oder sonstiger mitteleuropäischer Kaufleute, Unternehmer, Ingenieure und sonstiger Fachmänner, die im besten Fall — schon angesichts der großen Aufgaben, vor denen die mitteleuropäischen Länder nach dem Kriege bei sich zu Hause stehen werden — nur in die Tausende gehen kann, steht der Türkei keinerlei christliche Einwanderung in Aussicht, und die einzige Stärkung, die ihrer Volkszahl von außen her erwachsen kann, ist die durch muselmanische Rückwanderer aus den früher türkisch gewesenen Gebieten. Von diesen kann die Türkei manche Kräftigung ihrer Landwirtschaft erwarten, und nach allgemeinem Urteil der Kundigen sind diese Rückwanderer (Muhadschire) meist ein ganz vorzügliches Element. Aber der Zahl nach ist es nicht allzu bedeutend, und eine grundlegende Besserung der türkischen Wirtschaftsverhältnisse ist von ihnen keineswegs in dem Maße zu erwarten, wie es bei