Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 8 (25.2.1916)
- Date
- 1916-02-25
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 59 die den wirtschaftlichen Zuständen und Möglichkeiten gerecht zu werden versucht — denn doch nicht für die Beurteilung kolonisatorischer Fragen ausreicht, und schon gar nicht für Ansiedelungsprobleme so besonderer Art wie die jüdischen! Vor allem hat der Verfasser in seinen Ausführungen gerade diejenigen Gebiete am wenigsten in Betracht gezogen, die nach geograpphischer Lage und auch sonst nach wichtigen kolonisatorischen Gesichtspunkten für eine jüdische Ansiedelung in Betracht zu ziehen wären, und das sind außer Palästina die syrischen und kleinasiatischen Randgebiete — von letzteren hauptsächlich die westlichen und südlichen. Hier haben wir ausgedehnte Ländereien von größter Fruchtbarkeit und verhältnismäßig sehr geringer Bevölkerungsdichte, die einer in die Millionen gehenden Ansiedelung auf der Grundlage intensiver Landwirtschaft und subtropischer Spezialkulturen Raum böte. Wenn Philippson zur Unterstützung seiner Ausführungen die schwachen Bevölkerungen Griechenlands, Montenegros und der Herzegowina heranzieht. so wird er mir gestatten, erstens zu bezweifeln. daß in den genannten Gebieten auch nur annähernd das Höchstmaß dessen erreicht sei. was eine nach den besten landwirtschaftlichen Vorbildern kombinierte Arbeitsweise dem Boden abgewinnen kann. Zweitens aber möchte ich ihm die Beispiele von Libanon, Samos. Sizilien und Malta entgegenhalten, wo bei ähnlichen und zum 'Teil noch wesentlich ungünstigeren natürlichen Verhältnissen Bevölkerunsren von 100 bis 700 Einwohnern auf den Quadratkilometer kommen. Die kleine jüdische landwirtschaftliche Kolonisation, die heute in Palästina allein immerhin schon etwa 45 Siedelungen mit ungefähr 12 000 Einwohnern umfaßt, holt bereits (trotz aller Schwierigkeiten, dieser noch sehr iungen Entwickelung) aus den ihnen von der eingeborenen Bevölkerung verkauften wertlosesten Ländereien Erträge heraus, die den Kaufpreis jener Böden innerhalb 15 bis längstens 33 Jahren vielfach auf das Zehn- bis Hundertfache ihres früheren Wertes steigen ließen. In der ganzen Küstenebene Palästinas, aber auch an zahlreichen Stellen des gebirgigeren Innern, ist eine vorwiegend landwirtschaftliche, Bevölkerungsdichte von 500 und oft noch viel mehr auf den Quadratkilometer durchaus möglich, und da ähnliche Bedingungen zum mindesten in zahlreichen anderen Küstengebieten Syriens und Kleinasiens zu finden sind, so wird schon dies allein die Hinfälligkeit von Prof. Philippsons Gesamturteil erweisen. Erwähnt sei hier, daß es sich meiner Ansicht nach bei jüdischer Kolonisation im Orient ja keinesfalls um eine Nachahmung der primitiven Wirtschaftsweise des Fellachen oder des russischen Muschik handeln kann. Der an Landwirtschaft nicht gewöhnte, aber auch nicht in den Vorurteilen und der Rückständigkeit primitiver Bodenkultur befangene Jude wird im Orient die besten Methoden der kalifornischen und sonstigen hochentwickelten Spezialkulturen einzuführen haben, wozu er jetzt schon auf gutem Wege ist. Jüdische Landwirtschaft im Orient wird — um in kürzester Zeit die größte kolonisatorische Wirkung zu erzielen — eine in höchstem Maße i n - dustrialisierte Landwirtschaft sein müssen, wozu die Juden ohnehin viel größere Eignung mitbringen als zu irgend welchen roheren Formen. Aber schon in der Beschränkung jüdischer Kolonisationstätigkeit auf das Landwirtschaftliche liegt ein schwerer Fehler. Viel vernünftiger wäre es. wenn schon einseitig vorgegangen werden soll, die jüdische Ansiedelung auf die Industrie einzustellen, für die die osteuropäischen Juden überall, wo sie Gelegenheit dazu hatten, sich als glänzend befähigt erwiesen haben. Zur Beurteilung dieser Dinge genügt allerdings die geographische Betrachtungsweise noch viel weniger als im Falle der Beschränkung auf die Landwirtschaft. Bei einer Ansiedelungsbestrebung großen Maßstabes sollte es ja zweifellos die erste und grundlegende Frage sein, wozu das Einwanderungselement befähigt ist, und was das Einwanderungsland zur Ergänzung seiner Wirtschaft nötig hat. Nur wo die Befähigung der Einwanderer und die Bedürfnisse des Landes übereinstimmen, ist ein voller Erfolg möglich, und darin, daß diese Übereinstimmung gerade in dem vorliegenden Fall in so hohem Maße gegeben ist. sehe ich die hauptsächlichste Gewähr für die günstige Entwicklung der jüdischen Orientbestrebungen. Die Türkei als fast rein agrarisches Land muß von ihren Einwanderern (besonders wenn es sich um ein neues Element und um eine sehr starke Einwanderung handeln soll) zur Ergänzung ihrer Wirtschaft gerade die industrielle Betätigung verlangen, zu der die Ostiuden sich so hervorragend eignen. Was andererseits die vorwiegende landwirtschaftliche Tendenz der jüdischen Palästinabestrebungen betrifft, so glaube ich in der Verbindung von Industrie mit spezialisierter und intensiver Landwirtschaft — also in der Kolonisationsform der „industriedörflichen Gartenstadt" (die mit der Pseudogartenstadt vorstädtisch-bürgerlichen Charakters nichts zu tun hat) eine sowohl für die Juden wie für den Orient ideale Lösung erkannt zu haben.1) Von Wichtigkeit scheint mir aber -auch der Hinweis darauf, wie sehr sich unsere jüdische Kolonisation von den sonst üblichen Kolonisationen unterscheidet. Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa entspricht in so hohem Maße einem absoluten ..Muß", und die auf Ansiedelung im Orient hinzielenden Bestrebungen haben neben der äußeren Notwendigkeit einen so starken ideellen Gehalt, daß, was im allgemeinen vielleicht von vornherein als unmöglich abzulehnen wäre, in unserem Falle durchaus durchführbar wird. Dafür, daß gelegentlich die Umstände sich als viel stärker erweisen, als alle volkswirtschaftliche Theorie und selbst als die sicherste kaufmännische Berechnung, seien hier einige Beispiele gegeben, die neben allgemeinstem Interesse gerade auch für jüdische Kolonisation im Orient wichtigste Fingerzeige bieten. Wer sollte es für möglich halten, eine Industrie in einem Lande einzuführen, das keinen einzigen der benötigten Rohstoffe besitzt oder hervorbringt. Trotzdem gibt es solche Fälle. Die ägyptische Zigarettenindustrie besteht und blüht und ist die hervorragendste Industrie des Lanx) Ausführliches hierüber in meinem z. Zt. im Druck befindlichen größeren Buche: „Jüdische Emigration und Kolonisation", dessen auf die Gartenstadt bezügliche Materialien auch in einer Sonderausgabe unter dem Titel „Gartenstadt und Industriedorf, eine neue Form iüdischer Kolonisation" veröffentlicht werden soll.