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Das jüdische Echo · 1916-02-25 · 8 (25.2.1916) · p. Seite 58

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 Das Jüdische Echo Nr. 8 soeben im Begriff ist. Unsre schwere Anklage gegen Amerika lautet: Während heute im Osten Hunderttausende sich auf die Auswanderung nach Amerika vorbereiten, während sie dem amerikanischen Kontinent mit unendlicher Sehnsucht entgegensehen als einer Stätte der Freiheit, der Menschlichkeit, des menschenwürdigen Daseins, sind amerikanische Politiker am Werk, Tausenden jüdischer Existenzen die Pforten ihres Landes zu verrammeln. Man erinnert sich der sogenannten Burnett-Dilligham-Gesetzesvorlage zur Beschränkung der Einwanderung, die in der vorigen Kongreßperiode zur Beratung stand und nur durch das Veto des Präsidenten Wilson der Annahme entging. Die wichtigsten Punkte dieser Gesetzesvorlage waren bekanntlich: Deportation von Analphabeten und von solchen Personen, die „unter Bruch der Gesetze des Staates, dessen Angehörige sie sind", nach Amerika kommen. Man erinnert sich der lebhaften Diskussionen über die Gesetzesvorlage, bei denen gezeigt wurde, daß weit mehr jüdische Einwanderer als man gemeiniglich glaubt, des Lesens und Schreibens unkundig sind, besonders aber, daß die zahlreichen jüdischen Einwanderer, die infolge des schikanösen Verhaltens russischer Behörden ohne Paß nach den Vereinigten Staaten kommen müssen, sämtlich zur Klasse derer gehören würden, die „unter Bruch der Staatsgesetze" Rußland verlassen. In einem Augenblick nun. da Amerika sich wirklich als ein Hort und Hafen für die unseligen Opfer des Krieges erweisen könnte, da es sich anschicken könnte. Tausenden auf den unermeßlichen Gebieten seiner Staaten eine Zuflucht und Arbeitsstätte zu gewähren, ist von vier verschiedenen Seiten aufs neue diese Gesetzesvorlage eingereicht worden. Nachdem Amerika sich nicht entschlossen hat. den entscheidenden Schritt zur Befreiung der russischen Juden zu tun, bemüht es sich nun sogar, ihnen die Flucht aus der Hölle ihrer russischen Existenz zu erschweren. Noch ist das letzte Wort in dieser Gesetzesangelenheit nicht gesprochen, noch steht zu hoffen, daß die leitenden Männer der Union sich dieser harten, allen amerikanischen Traditionen widersprechenden Maßregel widersetzen werden; aber selbst wenn das geschehen sollte, so liegt kein Anlaß vor, Amerika als selbstlose Befreierin und Wohltäterin des jüdischen Volkes zu preisen, da ja die Masse der Einwanderer eine Welle von Kraft, Tüchtigkeit und staatserhaltenden Kräften mit ins Land bringt. Einmal noch wird vermutlich Amerika Gelegenheit erhalten, den jüdischen Bettler, dem es heute mit der einen Hand Almosen zuwirft, während es ihn mit der andern Hand von der Türe seines Hauses wegdrängt, zu einem freien Manne zu machen, und dieses Eintreten für seine Befreiung wird die Vereinigten Staaten nicht einmal ein materielles Opfer kosten: Die Vorbereitungen für einen Kongreß auf demokratischer Grundlage, der die Forderungen nationaler Rechte der Juden formulieren soll, um sie bei der kommenden Friedenskonferenz geltend zu machen, sind in allen Staaten der nordamerikanischen Union im Gange. Auf diesem Kongreß wird man an die amerikanische Regierung mit der Bitte herantreten, siüh zur Sachwalterin der jüdischen Rechte, der jüdischen Befreiung zu machen. Es wird sich zeigen, ob Amerika diesem Ansuchen entsprechen, ob es der oft wiederholten Behauptung, Amerikas Mission sei die Erlösung und Befreiung der Unterdrückten, einen tatsächlichen Inhalt geben oder ob es diesen Satz zur hohlen Phrase stempeln wird. Möge Amerika erkennen, daß man einem versklavten Volke in einer höheren und edleren Form Wohltaten erweisen kann als indem man mit dem Teller in der Hand für den armen Sklaven sammeln geht. H. H. C. Erschließung der Türkei durch polnische Juden. Im Anschluß an Prof. Alfred Philippsons Aufsatz im „Berliner Tageblatt" haben wir uns in unseren vorigen Nummern mit dem Verhältnis des Zionismus zum polnisch-jüdischen Problem und mit der Eignung der Türkei als Ansiedlungsgebiet für Einwanderermassen befaßt. Der bekannte Orientforscher Davis Trietsch bringt in folgendem bemerkenswerten Aufsatz den Nachweis, daß gerade die Juden das geeignete Siedlerelement für die Türkei und daß gerade die Türkei das geeignete Siedlungsgebiet für die Juden ist. Sein Aufsatz widerlegt viele der inzwischen von Prof. Philippson gegen Prof. Warburgs Meinungen hervorgebrachten und gleichfalls in dem „B. T." erschienenen Einwände. Unter der zweifelnden Überschrift ..Auswanderung der russisch-polnischen Juden nach der Türkei?" hat im „Berliner Tageblatt" vom 29. Januar Prof. Dr. Alfred Philippson eine Reihe schwerwiegender Bedenken geltend gemacht, die kaum verfehlen konnten, auf die an diesen Fragen interessierten Kreisen Eindruck zu machen. Der Verfasser ist auf geographischem und geologischem Gebiete zweifellos einer der besten Kenner der Mittelmeerländer und besonders des vorderen Orients, und was er von den Anbaumöglichkeiten und den klimatischen Verhältnissen der in Verbindung mit der jüdischen Kolonisation in Betracht gezogenen Länder zu sagen hat, wird von allgemeinen Gesichtspunkten aus kaum bestritten werden können. Philippson's Ablehnung Mesopotamiens als eines Feldes ostjüdischer Massenansiedelung kann jeder unterschreiben, der von den Verhältnissen jenes in sonstigen Beziehungen so zukunftsreichen Landes auch nur den entferntesten Begriff hat. Auch sein grundlegendes Bedenken gegenüber einer raschen Millionen-Ansiedlune in Palästina — nämlich das der verhältnismäßigen Kleinheit dieses Landes — ist im höchsten Maße beachtenswert, und ich darf sagen, daß es nicht nur den jüdischen Kolonisationsbestrebungen zum Besten gereicht hätte, sondern auch mir persönlich unendliche Mühe erspart haben würde, wenn dieser große Geograph mit seinen kritischen Einwendungen schon zu Beginn der zionistischen Bewegung an die Öffentlichkeit getreten wäre. Eine frühere allgemeine Erörterung dieser Dinge hätte uns vielleicht sehr viel Zeit gewinnen lassen. Trotzdem man ihm aber bei jenen, seinen beiden Haupteinwendungen beipflichten muß, hat er doch in der Sache selbst aufs Merkwürdigste daneben gegriffen. Dies hängt damit zusammen, daß die Geographie — und zwar auch diejenige der modernsten Art,

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