Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Das Jüdische Echo Nr. 7 Geisel. Die Kriegsgefangenen brachten die schreckliche Flecktyphusepidemie in unser Land. Zirka 12 000 Soldaten und gegen 200 000 Einwohner, etwa 160 Ärzte (die Hälfte des ganzen serbischen Ärztekorps) fielen dieser Epidemie zum Opfer. Ganze Familien, ganze Dörfer wurden von ihr ausgerottet. Selbstredend fielen auch eine Anzahl unserer Glaubensgenosssen dieser Geisel zum Opfer. .....Jedoch kam das ganze Unglück erst mit der neuen Offensive der vereinigten Deutschen, Österreicher und Bulgaren. Der erste Übergang der vereinigten deutschen und österreichischen Truppen erfolgte bei Belgrad gerade an einer Stelle, welche als unzugänglich erschien und als solche betrachtet wurde. Die kleine Ebene vor der unteren Festung Belgrads, welche sich zwischen dieser und dem ■ Judenviertel ausbreitet, wurde als der geeignetste Übergangspunkt ausgesucht. Die ganze Umgebung wurde einem schrecklichen Kreuzfeuer aus über 100 Kanonen ausgesetzt und dieses hatte zur Folge, daß das ganze Judenviertel zerstört und eingeäschert wurde. Noch heute ist nicht bekannt, wie viele Opfer dieses Bombardement gefordert hat. Alles, was nur Mittel hatte, flüchtete sich vor dem Feinde, die Armen blieben. Dieienigen, welche früher für unsere Glaubensgenossen in Serbien sorgten, sind außer Landes. Die Bedürftigen blieben allein, ohne Hilfe, ohne Möglichkeit, sich an einen Bekannten zum Schutz und um Unterstützung zu wenden. . . ." Um unseren Glaubensgenossen zu helfen, wäre es ratsam, eine besondere Hilfsaktion einzuleiten. Feuilleton Solomon Schechter. Niemals werde ich einen Sederabend vergessen, den ich in Professor Schechters Hause in New York erleben durfte. Von der Straße herauf dröhnte der betäubende Lärm der amerikanischen Großstadt, aus den unverhüllten Fenstern blickte man über den Hudsonfluß hinweg zum jenseitigen Ufer — New Jersey —, das von tausend Lampen und Lichtern funkelte und gleißte. Dazu ging ein Frühlingsgewitter hernieder, und der Widerschein der Blitze, das Grollen des Donners drang bis in unsere Stube. Hier drinnen aber saßen wir um den festlich gedeckten Tisch, hier thronte inmitten seiner weißen Kissen der hohe starkgebaute Mann mit den blitzenden blauen Augen und dem langen weißen Bart und sang, erzählte, mimte die Geschichte vom Auszug der Kinder Israel aus Ägypten. Nein, er erlebte sie — er selbst war der auswandernde Jude, der schwer betroffene Ägypter, der Gesandte und die Stimme des Herrn. In unendlicher Hingabe an sein Volk erlebte er am Sederabend aufs neue das Geschick seiner Väter. Wie ein morsches, verwehtes Blatt fühlte ich mich in der Gesellschaft dieses Mannes, dessen Geist und Seele sich fortwährend aufs neue an der jüdischen Lehre und der Geschichte des Judenvolkes entzündeten. — Es ist an dieser Stelle schon einmal mit einigen Worten auf Solomon Schechters Bedeutung hingewiesen worden. Ihrm. der eine so starke und geschlossene Persönlichkeit war. wie sie unter den Juden immer seltener werden, sollen noch einige Worte der Erinnerung geweiht sein. Im Lande des Golus: Rumänien geboren, erfüllte ihn von frühester Jugend an eine glühende Liebe zum Judentum und zu seinen Stammesgenossen, eine flammende Begeisterung für die Geschichte des Judenvolkes. Dazu kam eine tiefe Sehnsucht nach geistiger und politischer Freiheit. Frühzeitig gesellte er sich einem chassidischen Kreise zu, an dessen frommen Verzückungen er leidenschaftlich teilnahm, während er voller Eifer in die chassidische Philosophie und Mystik einzudringen trachtete. Sein Geist aber strebte über die engen Jeschiboth seines Heimatlandes hinaus: sein Weg zu den Quellen des Wissens führte ihn über Österreich und Deutschland, wo er in kurzer Zeit die deutsche Sprache fließend beherrschen lernte. Später folgte er einem Rufe nach England, wo er, der bis dahin kein Wort der englischen Sprache verstanden, sich nach kurzer Zeit als Lehrer an der Universität Cambridge einen großen Namen machte. Auf Studienreisen gelangte er nach Italien, Ägypten und Palästina und trat mit den erlesensten Geistern seiner Zeit in einen intellektuellen Verkehr. Mit einer umfassenden Sprachkenntnis und einem nie verlodernden Enthusiasmus begabt, genoß er die Werke der größten Autoren aller Länder. In seiner Cambridger Zeit machte er jenen aufsehenerregenden wissenschaftlichen Fund, der seinen Namen mit einem Schlage berühmt machte: auf einer Forschungsreise durch Ägypten entdeckte er in einem Schacht neben der Synagoge in Kairo wertvolle hebräische Schriftstücke, darunter das Glaubensbekenntnis einer ersten christlichen Sekte. Als sein Ruhm in Europa schon fest begründet war, erging an ihn der Ruf aus Amerika, an die Spitze des jüdischen theolog. Seminars zu treten. Sofort erkannte er die Möglichkeiten für eine Tätigkeit von unvergleichlicher Tragweite und folgte dem Ruf ohne Besinnen. Dreizehn Jahre lang hat Solomon Schechter an diesem Platze gewirkt und hat während dieser Zeit einen überragenden Einfluß auf die indische Welt Amerikas gewonnen. Seine Schüler blickten zu ihm auf wie zu einem Helden des alten Testaments, und alle, auch seine Gegner, verehrten ihn und fühlten sich von der Kraft seiner Persönlichkeit seltsam berührt. Sein Haß gegen die zersetzenden Elemente im Judentum glich dem der alten Propheten — sein Geist war schöpferisch und konservativ zugleich. Eigentümlich erschüttert fühlte ich mich durch ein Gespräch, das er an einem Sabbathnachmittag, an dem ich ihn besucht hatte, mit mir über den Zionismus führte: eine unbändige Freude über das Kraftvolle und Aufbauende der jungen Bewegung klang aus seinen Worten, zugeich aber auch eine tiefe Enttäuschung darüber, daß die Schulen Palästinas seinen konservativen, orthodoxen Idealen so wenig entsprachen. Mit seinem unerschütterlichen Glauben an die Unsterblichkeit des Judentums srewann Schechter in Amerika in einem Augenblick Einfluß, als sich dort gerade ein tiefer Skeptizismus hinsichtlich der Zukunft des amerikanischen Judentums in die Herzen eingeschlichen hatte. Mit der Energie seines ungebrochenen Wesens führte er die Zweifelnden zurück zum Glauben und Glaubenseifer. Der Geist, den seine Schüler mit ins Leben hinausgenommen haben, wird vielleicht derjenige sein, der das amerikanische Judentum vor dem Untergang bewahrt. Neben seiner Bedeutung als Lehrer, neben dem gewaltigen Einfluß, den er durch seine kraftvolle, aufrechte und dabei einfache und kindlich-fromme Persönlichkeit auf die Gestaltung des amerika-