Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 7 (18.2.1916)
- Date
- 1916-02-18
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Das Jüdische Echo Nr. 7 Sie lehrt ihn seinen Glauben verachten, denn wenn der Schüler sieht, daß alle Schüler Religionsunterricht haben, und nur er allein während dieser Unterrichtsstunden spazieren gehen darf, so glaubt er, seine Religion sei minderwertig. Der Lehrer, das Lehrbuch, die Kollegen tun das ihrige, sie verhöhnen die jüdische Religion und lehren den jüdischen Schüler, sich seines Glaubens und seiner Abstammung zu schämen. Selbstverständlich wehrt sich das jüdische Haus, es reißt gewaltsam nieder, was die Schule mühsam aufzubauen versucht, und der Schüler lernt die Schule hassen, da sie ihn seinem Qotte, seinem Volke, seinen Eltern entfremdet. Diese Schule stellen unsere galizischen Ver-L sorger als Muster für das besetzte Polen hin,|\ und der Direktor einer galizischen Lehrerbildungs- * anstatt wirkt bereits im besetzten Polen, in-'ti dem er stark nach galizischem Muster Schulend organisiert. Hierbei wird nicht etwa auf jüdi-j dische Lehrkräfte, nicht einmal auf iüdische invalide Offiziere (denn Offiziere werden als Lehrer herangezogen) reflektiert. Wenn man noch berücksichtigt, daß auch die Sprache der Lehrbücher unsern Kindern ganz fremd ist. sieht man sofort den Fehlgriff, den manche kurzsichtige jüdische Politiker in Galizien begehen, welche die Schule als Pflanzstätte einer politischen Idee betrachten. Wenn wir im Hinblick auf diese Mißstände heute jüdische Schulen verlangen, so tun wir es deswegen, weil wir wissen, daß nur jüdische Schulen die jüdische Jugend zu entwicklungsfähigen und tatkräftigen Menschen machen können. Ephraim L. Die asiatische Türkei und ihre Besiedlung. In unserer vorigen Nummer haben wir, im Anschluß an den Aufsatz von Prof. Dr. Philippson: „Auswanderung der polnisch-russischen Juden nach der Türkei", dargelegt, in welchem Verhältnis der Zionismus zur polnisch-russischen Judenfrage steht. Wir bringen nunmehr "die Ausführungen eines Fachmannes über die Besiedlungsmöglichkeiten der asiatisch - türkischen Provinzen. Dr. Nawratzkis Angaben widerlegen Professor Philippsons Behauptung, die asiatische Türkei sei für die Ansiedlung großer Judenmassen ungeeignet. Über kein Land wird heute wohl mehr gesprochen und geschrieben als über die Türkei, und doch gibt es nur verhältnismäßig wenige Menschen, die dieses Land wirklich genauer kennen gelernt haben, und auch diese besitzen fast ausnahmslos nur eine gründliche Kenntnis der Gebiete, die sie speziell durchforscht haben. Bei dem großen räumlichen Umfang und der Kompliziertheit der wirtschaftlichen, sprachlichen und Bevölkerungs-Verhältnisse war es dem einzelnen Forscher nur selten möglich, mehr als ein Teilgebiet gründlich kennen zu lernen. Jedenfalls können wir uns heute ein. wenn auch in den Einzelheiten nicht immer ganz richtiges, so doch im großen und ganzen einigermaßen zutreffendes Bild der jetzigen wirtschaftlichen Lage und der Zukunftsmöglichkeiten, die die einzelnen so verschiedenartigen Gebiete des türkischen Reiches bieten, wohl machen. Obwohl ich selbst nur das eigentliche Südsyrien genauer kenne, bin ich doch infolge besonders glücklicher Umstände, vor allem durch die Bekanntschaft mit einer Reihe unserer besten Orientforscher, in der Lage, mir ein verhältnismäßig klares Bild über diese heute so oft diskukutierten Fragen zu machen. Die asiatische Türkei, und von ihr ist ja heute nur noch zu reden, wird allgemein in eine Anzahl von Gebieten eingeteilt. Diese Einteilung ist nicht ein willkürliche, sondern durch die gänzlich verschiedenen wirjtschafts - geographischen wie ethnologischen Verhältnisse in der Türkei bedingt. Das dem Landumfang und der Bevölkerung jnach größte Gebiet ist Kleinasien, jenes fast rechtwinkelige Viereck, das im Norden vom Schwarzen Meer und den Dardanellen, im Westen vom »Ägäischen Meer und im Süden vom Mittelmeer 'begrenzt wird. Dieses von drei Seiten vom Meer umgebene Gebiet hat auch eine seiner Lage entsprechende wirtschaftliche Gliederung. Am entwicklungsreichsten sowohl in landwirtschaftlicher Hinsicht, wie infolge der durch die Meeresnähe reichlichen Niederschläge, ist der gesamte Küstenrand im Norden. Westen und Süden. Das Innere Kleinasiens wird charakterisiert durch eine Hochebene, die ungefähr im Zentrum von einer ca. 80.000 qkm. großen abflußlosen Salzsteppe eingenommen wird. Die landbautreibende Bevölkerung ist hier, im eigentlichen Kernland der Türken, der türkische Bauer. Die gesamten Randgebiete und nicht nur im Westen gegenüber den griechischen Inseln, sondern auch an den Dardanellen und der türkischen Küste des Schwarzen Meeres, wird zu einem erheblichen Teile von Griechen bewohnt, die besonders im Westen, in dem durch Bahnen am meisten aufgeschlossenen Gebiet, in den fruchtbaren Flußebenen, sich von der Küste aus allmählich gegen das Innere Anatoliens zu vorschieben. Diese Randgebiete sind auch bereits für türkische Verhältnisse ziemlich dicht besiedelt, angeblich soll die Dichte 50 bis 60 pro qkm betragen, während sie im Durchschnitt in Kleinasien nur ca. 17 pro qkm beträgt. Die Gesamtzahl der Griechen im eigentlichen Kleinasien dürfte mit l1/» Millionen richtig geschätzt sein; mit den noch in Konstantinopel und anderen Gebieten der Türkei wohnenden wird ihre Gesamtzahl sich auf ca. lzU—2 Millionen belaufen. Die Zahl der Türken dürfte im eigentlichen Kleinasien 6V2 Millionen, im ganzen 7Vi Millionen betragen. Die im Innern befindlichen Steppen werden von nomadisierenden Turkmenen und Tscherkessen bewohnt. Durch den Bau einer Bahn ist auch das Innere, die Hochfläche zugänglicher, geworden, denn durch die Anatolische (die Anfangsstrecke der Bagdadbahn) und besonders durch ihre Abzweigung Eskischehir-Angora ist das anatolische Hochland, das eine beträchtliche, allerdings im Verhältnis zur Bevölkerung nicht übermäßige, Getreideproduktion (Weizen) hervorbringt, erschlossen worden. Die Bahn führt dann weiter, am Ost- und Südrande der Salzsteppe vorüber, über Konia und nach Uberwindung des hohen Taurus nach Adana. Hier befindet sich eine wenn auch kleine, so doch infolge ihrer natürlichen Bewässerung und des gleichzeitigen warmen Klimas zukunftsreiche Ebene im alten Cilicien.