Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 46 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Das Jüdische Echo Nr. 6 kummervollen Augen trübt es sich, bei der Erinnerung, daß hinter der Türe die Sorge lauernd Wache hält, um beim Austritt des schützenden Sabbats wieder einzutreten und da zu sein, stumm und unverscheuchbar. -#- Gerät man am Tage in diese malerische Gegend, nach dem Schauplatz dieses so süßen Idylls, so ist man bald ratlos und erdrückt beim Anblick eines unabsehbaren Elends. Wie die Pilze stehen die Hütten dicht gesät auf dem steilen Abhang, verwahrlost in Not und Schmutz. Kleine Knaben, Hilflosigkeit auf den blassen, durchscheinenden Gesichtern, schon den Stempel des Wissens um die Freudelosigkeit in den Augen, drücken sich kleinlaut umher. In einem Räume hausen einige Familien beisammen, teilen stickige Luft, Entsagung und Kummer, wie Gott es auferlegt. Ein junger Arzt wird, mit einem Zettel der Armenkasse, zu einer alten jüdischen Frau gerufen, die er mit der ganzen eifrigen Gründlichkeit und stelzenhaften Unsicherheit des blutjungen Anfängers untersucht. Und da er nichts anderes als Erschöpfung und Hungerermattung vorfindet, redet er ihr gütig zu: „Sie müssen Ruhe haben, Aufregung vermeiden, besser essen: kurz, Sie müssen sich eben pflegen, liebe Frau." Doch das vergrämte, harte Gesicht der Alten verzieht sich in bitterer Entsagung. Und die das Rezept wohl kennt, antwortet: „Ja. was wir uns schon pflegen! Was wir schon süßen Tee trinken!" Süßen Tee trinken, ein paar Stückchen Zucker in den fünften Aufguß des Tees legen, das ist der Inbegriff des Wohlstandes und der Verwöhnung. Wann hätten sie den Tee süß getrunken? Und der Armenarzt wird allmählich erfahrener und philosophischer, und es gibt auch solche, die besser werden: sie schenken dam eine Kleinigkeit. Aber einem jungen Proletarierburschen dieser zähen Nation, dem durch das Elend hindurch ein Paar Fäuste und ein junger Wille gewachsen sind, hat es schon in die Nase geweht: Amerika! Er spart die Groschen zusammen für die Schiffskarte und geht nach Amerika. Es wird still und leer und klaffend in der Hütte; aber irgendwo hat ein Funke von Hoffnung eingeschlagen. Bald beginnt er auch etwas Geld zu schicken, bald vielleicht auch eine Schiffskarte für ein Familienmitglied. Und nach zwei, drei Jahren schickt er sein Bild; o, er ist nicht wiederzuerkennen: Er trägt eine Kette, Schlips und steifen hohen Kragen, und das Haar ist in der Mitte gescheitelt und glatt. Doppelt stolz ist man auf ihn. Und die Nachbarinnen kommen, das Glück zu sehen und daheim die Wunder zu erzählen. Ja, die Schultern breiten sich amerikanisch, das noch stumpfe Gesicht ist zielbewußt und hat schon Disziplin, und auch der Kopf stutzt sich amerikanisch zu. Und wiederum nach etlichen Jahren kommt der Sohn mit seiner Frau, die er drüben geheiratet, und einem Töchterchen, zu Ostern, oder Laubhütten. Ja, der Sohn ist ein ganzer „Monarch" geworden. Die Alten sitzen in ihren Sabbatkleidern, mit Sabbatgesichtern. Muße um den Mund. Sie erzählen, wer inzwischen gestorben und wie es zugegangen ist; der Sohn erzählt, wie man in Amerika arbeitet und lebt. Die Alten graut es im Innern davor, aber sie nicken billigend und verständnisinnig und werfen immer dazwischen: „Gewiß, dort ist ja der Dollar." Die fremde Schwiegertochter, die schon so ziemlich gebrochen jidisch spricht, langweilt sich heimlich. Die Kleine ist wie eine Puppe geputzt; sie lehnt sich verlegen und mißmutig gegen den Schoß der Mutter, schielt hin und wieder neugierig und doch verächtlich nach dem kleinen Zuckerbackwerk, das auf einem kleinen Glastellerchen für sie zur Bewirtung hingelegt ist. Sie rührt es aber nicht an; um nichts in der Welt! Nein, diese ganze Wohnung, und die Alten und das Ganze, wie es da im Zimmer ist, wollen ihr keineswegs imponieren. Ja, sie würde losheulen, wenn der Trotz und der Ärger es zuließen. Die Alten haben auf sie eingeredet, aber keine Macht der Welt kann die Kleine bewegen, an diese Leute heranzugehen und sich küssen zu lassen. Doch die Großmutter blickt stolz strahlend und glückselig auf ihr feines Enkelkind. Daß Gott sie das noch hat erleben lassen. Gedankt und gelobt sei sein heiliger Name. Er weiß, warum er sie gestraft und geprüft hat. Daß ihr diese Freude jetzt beschieden ist. Alle Nachbarinnen reden ja nur davon. Und jetzt redet sie der Kleinen gütlich zu. Doch die Schwiegertochter lenkt entschuldigend ein: „Sie spricht ja nur englisch; sie versteht ja gar nicht —" Da beginnt die Alte, da sie nun ein so feines Fräulein vor sich hat, polnisch, in jenem Bauernpolnisch Weißrußlands (polnisch ist eben der Inbegriff von nichtjüdisch!). Und da sie eben eine herrschaftliche Sprache anschlägt, wird sie besonders süß. Doch der noch fremdere Laut der Sprache und die geschraubte, gekünstelte Höflichkeit, die Kinder nicht mögen, macht die Kleine noch mehr bockig. Und der Alte, der im Innern gekränkt ist, besinnt sich seiner Würde, gibt sich ein Ansehen und spricht zu seinem Weibe, wie ein Richter, im Talmudsingsang und gestikulierend. „Was für ein Ansehen wird sie haben auf jener Welt, wenn alle werden sitzen um den Tisch herum und werden reden die heilige Sprache, und sie wird nicht verstehen ein Wort! Und man wird doch dort reichen das schöne Stück Fisch." Die heilige Sprache ist ihm nicht etwa Hebräisch, sondern Jidisch. Ja, dieses Jidisch, die Proletariersprache, knapp, hart und roh, die Summe von Beobachtung, das Resultat vom Sehen, das Echo der Erinnerung für all die Erfahrung der vielen, vielen Generationen, mit dem einzigen Ausblick: der allzu klugen, allzu resignierten Selbstironie. — Wie viele hartgesottene Flüche stopft solch eine Proletariermutter in ihr Kind hinein! Die „Cholera", „alle Brüche", „achtzig schwarze Jahre", „alle Krankheiten und alle Fieber", „Arm- und Beinlähmungen". Aber wenn all diese Verwünwünschungen ihrem erbitterten Herzen entströmen, so ist es wohl nur ihr Klagelied, so hadert sie mit Gott und den Menschen. Die Nachbarinnen wehren ab: „Habt Gott im Herzen, man darf nicht so fluchen." Doch selber machen sie es ebenso. Aber ein gütiges Wort hört das Kind nie. nie erfährt es eine Liebkosung. Verpönt ist jede Freudigkeit und jeder Genuß. Feindlich ist alles, was sorglos, heiter und kindlich. Alles ist karg. Aber kaum niest das Kind, so erzittert das Mutterherz und verhärmte Zärtlichkeit bricht hervor. Und glüht das Kind schon im Fieber, dann läuft die Mutter, „wie eine vergiftete Ratte" zu „allen Doktoren", bettelt bei allen um „Labungen". Sie ruft den Vater im Himmel an. bei all seinen Namen, und betet die Frauengebete. Sie läuft zu dem Grabe der Mutter, mißt das Grab, um nach dem Maß der Schnur die Lichter für das Bethaus gießen zu lassen. Sie weint und fleht die