Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 45 Eine französische Liga zum Schutze der Juden. In Paris hat sich „eine Liga zur Verteidigung der unterdrückten Juden" gebildet. An der Spitze steht Herr Buisson, der Präsident der Liga für Menschenrechte. Die Liga veröffentlicht ein monatliches Bulletin „L'Emancipation iuive". Das Programm des jüdischen Volksverbandes in England. Der neue jüdische Volksverband hat neulich bei einer Versammlung in der „Zion Hall" sein Programm festgelegt. Er erstrebt: 1. die Verteidigung jüdischer Interessen überall und immer, wo die Rechte der Juden gefährdet sind. 2. die Erlangung politischer Gleichberechtigung in denjenigen Ländern, wo sie den Juden vorenthalten wird. 3. die Erleichterung der Einwanderung nach Palästina, die Gründung von Kolonien und Erlangung voller politischer Rechte und der erforderlichen Verwaltungsprivilegien. Baron Rothschild in Saloniki. Baron Rothschild hat für die notleidenden Juden von Saloniki einen Betrag von 30 000 Francs gespendet und seine Yacht für Verwundetentransporte zur Verfügung gestellt. Der Baron begab sich kürzlich selbst nach Saloniki und berief hier eine Massenversammlung in der Hauptsvnagoge ein, bei der er eine Ansprache hielt und den Saloniker Juden darlegte, daß es in ihrem Interesse liege, ihre Sympthien der Entente zuzuwenden. Auf diese Rede hin betrat, wie eine angesehene türkische Zeitung meldet, Rabbi Jacob Meir das Podium und erklärte dem verblüfften Baron: alle Juden Salonikis stehen auf Seiten Deutschlands, und solange Frankreich mit Rußland verbündet ist, kann es auf keine freundschaftlichen Gefühle bei den Juden rechnen. Rumänische .ludenausweisungen. In Rumänien haben neuerdings einige Familien, deren männliche Mitglieder seit Monaten zum Heeresdienste einberufen sind, den Befehl erhalten, binnen drei Tagen Haus und Hof zu verlassen. Die Juden in Rumänien. In dem am Mittwoch und ' Donnerstag voriger Woche abgehaltenen Landeskongreß der rumänischen Juden wurde die derzeitige unerträgliche Lage der rumänischen Juden besprochen und eine Resolution beschlossen, in der die Regierung ersucht wird, die Juden der staatsbürgerlichen Rechte teilhaftig werden zu lassen, da sie ebenso wie alle anderen Bürger die Pflichten gegen das Vaterland erfüllen. Endlich haben wir eine offizielle Statistik der rumänischen Juden. Das statistische Bureau des Ministeriums bringt genaue Angaben über die jüdische Bevölkerung Rumäniens vom Dezember 1912. Danach zählte die rumänische Judenheit 239.967 Seelen, davon 115.308 Männer und 124.659 Frauen. Dies ist die Gesamtzahl der in Rumänien wohnenden Juden ohne Unterscheidung der Staatszugehörigkeit. Davon gehen 30.000 bis 40.000 Juden fremder Staatszugehörigkeit ab, so daß es also höchstens 210.000 Juden rumänischer Staatsangehörigkeit (d. i. 3% der Gesamtbevölkerung Rumäniens) gibt. Interessant ist. daß die Zahl der Fremden nach dem neuesten „Arbeitskalender" von 1916 in Rumänien 792.000 beträgt, wovon 276.000 Bulgaren sind. Gegen diese, die Zahl der Juden um 40.000 übertreffende bulgarische Bevölkerung Rumändens wurde noch nie ein Wort der Intoleranz geschrieben. Im Jahre 1899 betrug die Zahl der Juden 266.652. also ungefähr 4'/(. Die Abnahme dieser Zahl ist durch die große Auswanderung vom Jahre 1900 zu erklären. Vier jüdische Professoren an der Konstantinopler Universität. Einer Mitteilung der „LAurore" (Konstantinopel) zufolge wurde Dr. Leo Schö.nmann als Professor (für öffentliches Recht an die Universität in Kohstantinopel berufen. An dieser Hochschule lehren nunmehr vier jüdische Professoren; die übrigen sind: Moses Ventura (für römisches Recht und vergleichende Rechtswissenschaft); Abraham Galante (Grammatik der semitischen Sprachen); Moses Cohen (Finanzwissenschaft). Feuilleton Das jüdische Ufer. Von Paul Barchan. Will man in Grodno nach der „Vorstadt", die am anderen Ufer des Njemen liegt, so kann man sich den Weg verkürzen, indem man durch gewundene Gäßchen bis' zum hohen abschüssigen Ufer gelangt. Doch bevor man. die Schritte gewaltsam bremsend, hinunterpoltert, bleibt man hier oben, für eine Weile stehen, um ein Bild von Reinheit, Frieden und Stille einzuatmen. Weit und offen plant sich, vom Monde verzaubert, in bläulicher Helle die Ebene, bis sie, sich tief verdunkelnd, im schwarzen Streifen des Waldes sich verliert. Hier und dort ragt das rote Licht eines Semaphors in das Blaue, und von blinzelnder Ferne naht sich, dumpf dröhnend, eine dunkle Schlange mit zwei Feueraugen und einem roten Lichte am Schweife. Je näher der Zug kommt, desto schneller erscheint sein Gang, und bald poltert er drohend und hallend über die hohe, geländerlose und schmale Brücke. Und bald verbreitet sich wieder tiefe Stille durch alle Adern. Will man dann nach dem ruhigen Fluß hinuntersehen, so wird der Blick aufgesogen von einem anderen, schier verklärten und lieblichen Bild: in Trautheit und Sorglosigkeit blinzeln an den hohen Ufern Tausende von kleinen, dichtgesäten, zaghaften und zarten Lichtern. heimisch und heimlich. Eingelullt und besänftigt läßt man sich umfangen, man lauscht dem fernen, nicht mehr schreckenden Bellen eines Hundes von einem abseitigen Hof, dem trägen und schüchternen Plätschern eines Ruderschlages auf dem schwarzen, spiegelnden Flusse. Hier wohnt das jüdische Proletariat, und es ist Freitag Abend, des Sabbats Anfang. Man fühlt sich bald umfangen, ins Vertrauen gezogen. Man glaubt die feiernde- Familie beisammen zu sehen; alle Sorgen und Kämpfe der Werkeltage beiseite geschoben, von dem geprüften, lastenden Herzen gewälzt; unergründlich in der Zähigkeit und im Fanatismus, unerschütterlich, nicht in der Religiosität, sondern in der Moral, die die Religion diktiert. Auf dem Tische blinken, vielleicht nur in ausgehöhlten, welken Kartoffeln, die gelblichen Talgkerzen des Sabbatleuchters, die Sabbatbrote liegen bedeckt; ein zerschnittener Hering mit Zwiebeln und Pfeffer. Vielleicht wartet heute in einem traurigen, irdenen Töpfchen ein Stückchen Fleisch: zerkochtes faseriges Fleisch. Aber dieser warme, brühige Geruch erfüllt den Raum, der dieses Duftes ungewohnt mit Zuversicht, Hoffnung und einem Ahnen, einem Abglanz des dauernden Wohlseins. Und ein tiefer Seufzer, wie bei Kindern, entfährt diesen Menschen, und in den fast tierisch