Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 6 (11.2.1916)
- Date
- 1916-02-11
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 43 für jeden Kenner der Verhältnisse selbstverständlich; dennoch glaubt man in zionistischen Kreisen, daß sie allmählich zu einer Lösung der osteuropäischen Judenfrage führen würde. Abgesehen von dieser Erwägung steht freilich gerade der Gedanke einer Besiedlung der türkischen Provinzen in einem gewissen Zusammenhang mit der zionistischen Idee. Den Zionisten, die besonders klar die verhängnisvollen Folgen der politischen Zersplitterung des iüdischen Volkes erkannt haben, muß es wünschenswert erscheinen, die Mehrzahl der Juden unter der Herrschaft einer einzigen — der türkischen — Regierung vereinigen zu können. Ihnen bietet eine gewisse Einheitlichkeit der beruflichen und wirtschaftlichen Bedingungen, wie sie bei der Kolonisierung der asiatischen Gebiete sich ergeben würde, eine bestimmte Gewähr für das Wiedererwachen eines einheitlichen iüdischen Volkslebens. Aus diesem Grunde erscheint es vom zionistischen Standpunkt aus gesehen auch wünschenswert, daß die jüdischen Ansiedler nicht über das unermeßliche Gebiet vom Mittelländischen Meer bis zum Persischen Golf verstreut, sondern in den Palästina benachbarten Landstrichen angesiedelt wjerden. Von dem iüdischen Volkszentrum in Palästina würden die Bewohner jener Nachbargebiete die Richtung und Tendenz ihres geistigen und nationalen Lebens erhalten. Andrerseits würden für die allmählich sich vollziehende Erschließung Palästinas gerade jene in der Erschließung der andren türkischen Provinzen geschulten Juden in Betracht kommen, schon weil ihre Einwanderung in das Nachbarland sich am leichtesten vollziehen würde. Auch würde dem palästinensischen Gemeinwesen die Nachbarschaft mit größeren, geistig und körperlich sich regenerierenden Judenmassen eine Stärkung und Stütze bedeuten. Von den erleichterten geistigen Wechselbeziehungen zwischen dem jüdischen Volkszentrum in Palästina und den Juden außerhalb Palästinas, von der unmittelbaren Wirkung des palästinensischen Judentums auf das geistige Leben der Juden andrer Gebiete wäre eine erhöhte Wirkungskraft der von Palästina ausgehenden iüdischen Ideen zu erwarten. In diesem Sinne allerdings ist die Besiedlung Syriens und andrer Provinzen der asiatischen Türkei durch Juden, die eigentlich außerhalb des zionistischen Programmes liegt, nicht ein Ideal der Zionisten. sondern ein zionistisches Ideal. Helene Hanna Cohn. Professor Jakob (Koppel)"5Herz. Wenige heute noch Lebende werden sich des Mannes erinnern, dessen 100. Geburtstag wir am 2. Februar begehen konnten. Und von denen, die seinen Namen noch kennen, wissen viele nichts weiter von ihm, als daß er ein tüchtiger Arzt und ein großer Menschenfreund war. Der Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, den seltenen Mann in seiner Jugend in den verschiedensten Eigenschaften kennen zu lernen und möchte noch in späten Tagen als einen Akt der Dankbarkeit dem Menschen Herz ein Blatt der Erinnerung widmen. Jacob Herz, der am 2. Februar 1816 in Bayreuth als Sohn eines mit Jean Paul befreundeten Mannes geboren wurde, lernte schon in seiner Jugend die Not des Lebens kennen. Nach Absolvierung des Bayreuther Gymnasiums bezog H. die Universität in Erlangen, welche er zeitlebens nicht mehr verließ. Als Assistent des damals sehr bekannten Chirurgen Strohmever wurde er bei dessen Übersiedlung (1841) nach München mit der Weiterführung von dessen Vorlesungen betraut. Das wollte viel heißen in einer Stadt, wo damals noch keine Juden wohnen durften. Unter dem Ministerium Abel konnte es Herz zu keiner wesentlichen Stellung bringen; erst nach dessen Abgang wurde er Prosektor; erst 1862 konnte er seiner Ernennung als Honorarprofessor sich erfreuen. Kurze Zeit darauf erhielt er eine ordentliche Professur, und 1868 oder 69 wurde er in Ansehung seiner großen Verdienste im Kriege von 1866 ordentlicher Professor. Enttäuschung über Zurücksetzung empfand Herz nie; ihm waren äußere Ehrungen wertlos, daher waren seine letzten Lebensjahre auch nicht, wie bei vielen anderen, verbittert. Seine Patienten und Studenten nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; für Zerstreuungen hatte er keine Muße. Im Kriege 1870/71 hat er noch Vieles geleistet, und bei der Begleitung eines Lazarettzuges soll er sich den Keim zu einer Krankheit geholt haben, welcher er am 27. September 1871 erlag. Dies genügt zur Skizzierung von Herz' äußeren Lebensschicksalen, und es wäre wohl nichts Besonderes hervorzuheben, wenn hiebei nicht seiner eindrucksvollen Persönlichkeit zu gedenken wäre. Wie schon erwähnt kam Herz als armer jüdischer Student nach Erlangen, und daß es ihm in der damals wenig judenfreundlichen Stadt gelang, sich solche Anerkennung zu verschaffen, daß ihm vier Jahre nach seinem Tode ein Denkmal errichtet wurde, kann nur der verstehen, der Herz als Mensch und Arzt kennen lernte. Kein Patient wurde, kam er noch so spät, abgewiesen; der vielbeschäftigte Arzt war für Viele im Frankenlande der letzte Hoffnungsanker. Und wie hingen seine Patienten an ihm! Wußte doch jeder, der zu ihm kam, daß sein Tun, seine Behandlung nicht auf Entlohnung eingestellt war. Rechnungen waren schwer von ihm zu erhalten und wenn er reichen Leuten solche auf Verlangen zustellte, waren sie so klein, daß es diesen peinlich war. Bei einem reichen Bankier in einer Erlangen benachbarten Stadt hatte er einmal eine erfolgreiche Behandlung durchgeführt und hiefür ein Honorar von 100 Gulden zugeschickt erhalten. Was tat Herz? er sandte 80 Gulden zurück. Es ließen sich viele ähnliche Beispiele aufführen, und besonders solche, wo er noch von dem Wenigen, das er besaß, an Bedürftige gab. Daß ein solcher Mann verehrt wurde, ist leicht erklärlich, ebenso, daß er arm sterben mußte. Dem Rabbiner seines Bezirkes, der ihn öfter konsultierte, sagte er einmal, als er von dem Manne gar kein Honorar annehmen wollte: ..Halten Sie mir dafür dereinst umsonst eine Grabrede, für die doch nichts gezahlt werden kann". Ebenso tief wie sein menschliches Empfinden war Jacob Herz' jüdisches Gefühl. Als junger Student ging er oft nach einem nahen Ort bei E., wo Juden wohnten, um rituell zu essen. Wenn er auch später nicht mehr streng an den Gebräuchen festhielt, so blieb er doch im Herzen echt jüdisch; erinnere ich mich doch noch, wie er, wenn ich als Junge mit meinem Vater bei ihm im Sprechzimmer war, Zeit fand, sich für jüdische Fragen zu interessieren. Seinem Glauben opferte er sein Lebensglück: Eine Herzensneigung zu einer Erlanger Professorstochter, die auf Gegenseitigkeit beruhte, scheiterte an seiner Anhänglichkeit zur angestammten Religion. So starb Herz ledig und arm. Auf dem jüdischen Friedhof in Bayersdorf wurde er beigesetzt. Bei