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Das jüdische Echo · 1916-02-11 · 6 (11.2.1916) · p. Seite 42

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
6 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 Das Jüdische Echo Nr. 6 des Landes geeignete Element? Die Antwort des Verfasers lautet: Da der Jude zu dem Beruf des Ackerbauers erst erzogen werden muß (seine Betätigung in Handwerk. Gewerbe und Handel bezeichnet Philippson von vornherein als unwünschenswert), da das Klima der asiatischen Türkei sehr verschieden vom russischen Klima ist, so erweist sich der russischpolnische Jude als ungeeignet für die Besiedlung des Landes. Im übrigen wird angedeutet, .daß der türkischen Regierung die Masseneinwanderung eines fremden Volkes unerwünscht sein müsse, weil dadurch der fremdnationale Einfluß in der Türkei genüber dem türkischen Einfluß gestärkt würde. Mit den obigen drei Themata jongliert Professor Philippson in einer verblüffend oberflächlichen und leichtfertigen Weise, um etwas zu bestreiten, was noch kein ernsthafter Mensch behauptet hat, nämlich: daß eine sofort nach Friedensschluß erfolgende jüdische Masseneinwanderung in die Türkei erstrebt wird, die Rußland und Polen mit einem Schlage von ihrer Judenfrage befreien würde. Für uns, denen der Fortbestand des Judentums und des Judenvolkes wahrhaft am Hei zen liegt, sind die drei genannten Themata zu ernsthaft, um sie in derselben kurzen und «spielerischen Weise zu erledigen, wie Herr Professor Philippson es tut. Uns liegt daran, über alle drei Punkte Klarheit zu schaffen. Anstatt aber mit Herrn Professor Philippson zu rechten und ihm die zahllosen Fehler und Trugschlüsse seines Aufsatzes nachzuweisen, ziehen wir es vor. die drei Leitmotive aus Philippsons Aufsatz herauszuschälen und Antworten zu geben auf die Fragen: in welchem Verhältnis steht das zionistische Ideal zur polnisch-russischen Judenfrage? Welche wirtschaftlichen Möglichkeiten bieten sich für eine Besiedlung der türkischen Provinzen? Welchen Wert hat die Ansiedlung jüdischer Massen in der Türkei? I. Das zionistische Ideal und die polnischrussische Judenfrase. Der Zionismus ist der Ausdruck eines geistigen Bedürfnisses, einer tiefen spirituellen Sehnsucht. Als er um die Mitte des vorigen Jahrhunderts sich zu regen begann, als er — endlich in ein packendes Schlagwort geformt — die Seelen mit plötzlicher Erkenntnis erfüllte und erschütterte, da war die äußere Lage des Judenvolkes im großen Ganzen nicht anders als sie seit zwei Jahrtausenden gewesen, ja in vielen Ländern stand der Jude wirtschaftlich und in der gesellschaftlichen Wertung besser da als je zuvor. Erst in den letzten Jahren, besonders seit Kriegsbeginn, hat sich die Lage der osteuropäischen Juden zu einem ungeahnt schwierigen Problem zugespitzt. Im inneren Leben des jüdischen Volkes aber waren Kräfte am Werke, die das Judentum zu erschüttern drohten. Aus der Erkenntnis des inneren Zersetzungsprozesses, den das Judentum durchmacht, aus der Einsicht, daß der sich auflösende Volkskörper eine neue Lebensquelle, einen geistigen Mittelpunkt erhalten muß, ist der zionistische Palästinagedanke entstanden. Sein Ziel ist es. dem jüdischen Volke ein Herz zu geben, das neues Leben in alle Glieder des gewaltigen Gebildes treiben soll. Zu Beginn der Bewegung freilich, als gleichzeitig mit der Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes das tiefe Mitgefühl mit der Lage der unglücklichen Volksgenossen in Rußland, Rumänien und andren Ländern erwacht, die Sehnsucht entflammt war. diese unhaltbaren Zustände möglichst bald zu verbessern, man sich andrerseits über die Schwierigkeiten einer Massenbesiedlung und Kolonisation Palästinas noch nicht im klaren war. glaubte man, den Zionismus gleichzeitig als Mittel zur augenblicklichen Befreiung der geknechteten russischen Juden ansehen zu dürfen. Aber dieser Wunsch hat sich allmählich von dem eigentlichen zionistischen Ideal wieder abgesondert, besonders nachdem man erkannt hatte, daß die Besiedlung Palästinas durch Millionen von Juden nicht mit einem Schlage erfolgen könnte, und als das nächste Ziel des Zionismus gilt heute wieder die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina. Ob dieses Ideal in der geahnten und ersehnten Form sich schon in den nächsten Jahren, da Palästina nur etwa einer knappen Million Juden eine Heimstätte bieten kann, verwirklichen wird oder erst in späteren Zeiten, da das Land mehreren Millionen jüdischer Siedler Existenzmöglichkeiten bieten wird, läßt sich heute kaum absehen. So sehr man nun für den Aufbau des wirtschaftlichen und geistigen Lebens in diesem jüdischer Zentrum auf die Juden Rußlands und Polens reck net, so kann doch der Zionismus keineswegs die Lösung des russischen und polnischen Judenproblems unmittelbar nach dem Kriege bedeuten. Wohl strebt der Zionismus danach, durch die Erschaffung des jüdischen Gemeinwesens in Palästina den durch furchtbare Unterdrückungen degenerierenden Juden des Ostens einen politischen und moralischen Rückhalt zu geben, aber er weiß genau, daß Palästina auch unter den günstigsten Bedingungen in den allernächsten Jahren nur einen Bruchteil der russischen und polnischen Judenmassen wird aufnehmen können. Er macht keinerlei Anspruch darauf, die Regierungen Rußlands und Polens plötzlich ihrer Judensorgen entheben zu können. Wenn nun in der Kriegszeit gerade von zionistischer Seite auf eine Lösung des russisch-polnischen Judenproblems hingedrängt worden ist, so beweist das vorläufig nichts anderes, als daß man sich in zionistischen Kreisen seiner Verantwortung für das Schicksal der bedrängten Volksgenossen besonders stark bewußt ist. Wenn von zionistischer Seite die an Palästina angrenzenden und die ihm benachbarten Provinzen der Türkei als Ansiedlungsgebiet vorgeschlagen worden sind, so entspringt dieser Vorschlag in erster Linie nicht eigentlichen zionistischen Prinzipien, sondern dem jüdischen Mitgefühl und dem gesunden Menschenverstand. In Rußland und Polen stehen sich Russen bezw. Polen und Juden als feindliche Konkurrenten gegenüber; in den unermeßlichen Gebieten der Türkei dagegen würde der Jude keinem Mitbewerber den Raum und Erwerbsmöglichkeiten streitig machen, während er selbst gleichfalls in seiner wirtschaftlichen Entfaltung unbehelligt bliebe. In Rußland und Polen lebt er unter den ungesundesten physischen und moralischen Bedingungen — in den weiten Landstrichen der Türkei, in einer Tätigkeit im Freien könnte er an Leib und Seele gesunden. In Rußland und Polen leiden weite Gebiete unter, einer Übervölkerung — die asiasche Türkei kann nur durch eine intensive Besiedlung erschlossen werden. Daß diese Besiedlung nicht von heute auf morgen geschehen kann, ist

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