Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 37 Feuilleton Jüdische Volkserzählungen aus Polen Mitgeteilt von Heinrich Loewe. Aus Grunwalds „Mitteilungen z. jüd. Volkskunde, 1915". Im Folgenden gebe ich drei jüdische Volkserzählungen genau wieder, wie ich sie von der Erzählerin gehört habe. Diese, jetzt eine alte Dame, ist in Lubranec geboren und in Wloclawek aufgewachsen. Sie spricht heute mundartlich gefärbtes Hochdeutsch und bedient sich in ihren Erzählungen jüdischer Ausdrücke, um bestimmte Töne in ihre Erzählung hineinzulegen und um das jüdische Kolorit nicht zu verlieren. Alle ihre Märchen und Lieder, Geschichtchen und Verse sind Jugenderinnerungen, die sie in rührender Treue bewahrt und genau, wie sie sie empfangen, überliefert. An diesen Anfang werde ich gelegentlich andere Volkserzählungen aus der gleichen und aus anderen Quellen anknüpfen, einstweilen ohne alles verknüpfende oder erläuternde Beiwerk. I. Der schwere Schöps. Mein Seide1) hat erzählt, was seinem Seide in der Provinz passiert ist. Es war in Ishbetz. Da ist des Seiden Seide im Wald gewesen und hat eines Tages einen großen fetten Schöpsen gefunden, der an den Pfoten zusammengebunden war. Als er ihn aufnehmen wollte, war er so schwer, daß er es absolut nicht konnte. Da ging er zu einem Bauern in der Nähe und borgte sich eine Karre. Er war aber so schwer, daß er ihn gar nicht auf die Karre bringen konnte. Hatte er ihn mit der einen Seite oben, fiel er auf der andern wieder herunter. Dabei war er so groß, daß die Karre gar nicht für ihn ausreichte. Immerhin, wie es auch war, endlich konnte er doch notdürftig loskarren. Es war schrecklich schwer. So schwer war noch kein Schöps gewesen, und er wurde, wie es schien, beim Weiterkarren nur immer noch schwerer. Der Schweiß lief dem Mann nur so in Strömen herunter, und er keuchte den Weg so entlang. Aber er freute sich doch, was er für eine Mezie2) zu Schabbes3) heimbringen würde. Wie er nun aber zu Hause ist,, d. h. er war eben in der Nähe der Stadt, da springt mit einem Male der Schöps auf und lacht nur so übers ganze Pönem4) und zwar so laut, und macht sich über den Seiden lustig. Was wars? Nun ein Sched5) ist es gewesen. II. S c h m a 1 z g i e ß e n. Wenn man Schmalz gießt, muß man immer hinter einander weggießen und darf sich nicht unterbrechen. Man darf ja nicht sagen, daß der Topf bald voll ist. Sonst hört es auf. Als meine Mutter noch ein Kind war, ein kleines Kind, da hat mal die Großmutter Schmalz eingegossen. Mit einem Male merkt sie. wie von oben ein kleines Händchen runter langt nach dem Schmalz, — ein ganz kleines Händchen. Hat sie schnell 1) Großvater. 2) eine gefundene Sache; ein wertvoller Fund. 3) Sabbath. 4) Gesicht. 5) Geist. ein kleines Griewechen6) genommen und reingesteckt. Ist das Händchen damit nach oben verschwunden. Nun konnte sie Schmalz gießen ohne Aufhören. Ein Topf war voll, hat sie den zweiten rangerückt, dann den dritten, den vierten, es hat garnicht aufgehört. Sie hat ein ganzes Haus damit voll gießen können. Meine Mutter, die damals noch ein kleines Kind gewesen ist. hat zugesehen und mit einem Male gesagt: „Der Topf ist gleich voll!" Augenblicklich hat es aufgehört zu gießen und nu wars alle. Die Mutter sagte: „Ich bin damals noch ein dummes Kind gewesen, da habe ich gesagt, da hat es aufgehört!" Sonst hätte es gar nicht aufgehört. Wo das war? In Lubrö'entz. So nennen es, die Juden. Auf polnisch heißt es Lubranec, und es liegt bei Wloclawek auf dem Lande. III. Gottesdienst der Geister. Kennst Du die Geschichte vom Szeliches7)-Aufstehen? Nein, Du kennst sie nicht? Nun gut. Eine Jidene8) hat gewollt zu Szeliches aufstehen. Sie hat aber Angst gehabt, daß sie verschlafen wird. Sie hat sich große Sorgen deswegen gemacht und hat erst gar nicht zu Bett gehen wollen. Vielleicht vergißt der Schammes9) in Schul zu kloppen10), vielleicht wird sie müde sein und so fest schlafen, daß sie das Kloppen nicht hört. Schließlich ist sie doch zu Bett gegangen. Und sie ist eingeschlafen. Also sie muß früh aufstehen. Zu Szeliches steht man schon um 2 Uhr auf. Wie sie nun schläft, hört sie Klopfen an die Tür. und man sagt: „Es ist Zeit in Schul zu gehen, Szeliches zu sagen". Sie zieht sich schnell an. und wie sie raus kommt, sieht sie da einen Juden, der mit ihr nach Schul geht. Sie geht oben in die Frauenschul, er unten in die Schul. Mit einem Male wird es ihr so ängstlich. Sie bemerkt, daß sie in der Frauenschul noch ganz allein ist. Außer ihr ist noch niemand gekommen, und wie sie runter guckt, merkt sie, daß der Jid11), der mit ihr ist gekommen, auch der einzige in der ganzen Schul drin ist. Wie sie nach ihm hinsieht, fängt er an, sich zu recken, und reckt die eine Hand rauf, so, ganz bis oben, bis an die Frauenschul. bis zu ihr herauf. Da kriegt sie es mit der Angst und läuft im Schreck und in der Furcht schnell die Treppe runter und nach Hause. Wie sie nach der Uhr sieht, nu, da sieht sie, es ist grade zwölf Uhr, die Scheidemstunde.12) Na, da legt sie sich wieder zu Bett und schläft. Wie sie wieder aufwacht, ist es schon ganz heller Tag, und sie hört, wie man ihr von draußen sagt, sie solle machen, daß sie in die Schul kommt zu Szeliches. Sie kleidet sich schnell an, und geht mit einem Mann, einem Jid, der draußen wartet, nach Schul. Sie sieht auch, daß schon Jiden von allen Seiten auch nach Schul laufen zu Szeliches, Männer und Frauen. Und da erzählt sie ihrem Begleiter, wie sie heute schon einmal nach Schul gelaufen sei, und wie da ein Sched mit ihr gegangen wäre, und das hätte e) beim Schmalzausbraten zurückbleibendes gebratenes Hautstückchen. 7) Bußgebete. 8) Jüdin. 9) Synagogendiener. 10) Klopfen. In kleinen Orten weckt der Synagogendiener die Gemeindemitglieder zum Frühgottesdienst durch Kloppen an die Tür oder an die Fensterläden. ") Jude. 12) Geisterstunde.