Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 35 sich in Bälde — wenn nicht auf allgemein moralischem, so doch auf jüdisch-kulturellem Gebiet__ bemerkbar machen würden. Gelingt es nun, die einwandernden Juden über den gesamten amerikanischen Kontinent zu verteilen und zu kleineren Gemeinden zu vereinigen, so wird es sicherlich leichter sein, den sozialen und kulturellen Bedürfnissen dieser Gemeinden gerecht zu werden. Auf die politischen Folgen einer solchen Verteilung werden wir demnächst noch hinweisen. Auch der zweite Grundsatz, nämlich die Beschäftigung der Juden in ländlichen Berufen, ist an sich zu begrüßen. Niemand, der die riesigen Fabriken, die Schwitzbuden und Heimarbeitsstätten amerikanischer Industriestädte gesehen hat, dem sich das Bild amerikanischer Judengassen mit ihren enggedrängten Verkaufsbuden, Hausiererwagen und „fliegenden Händlern" eingeprägt hat, wird erwarten, daß das in Rußland an Geist und Körper verelendetüMüdische Volk in dieser Atmosphäre gesunden könne. Jieder. dem das Wohl der Judenheit am Herzen liegt, hat mit freudiger Erwartung dem „back-to-the-soil"- Rufe gelauscht, der in den letzten Jahrzehnten durch Amerika schallte und der heute, in Erwartung der neuen Einwanderung, lauter als je ertönt. Gelingt es, die jüdischen Einwanderer ländlichen Berufen zuzuführen und diese ländlichen Gemeinwesen zu Pflanzstätten jüdischen Geistes zu machen, so wird Amerika sich seiner Juden, so werden die Juden der ganzen Welt sich Amerikas erfreuen können. Um diese Behauptung zu beweisen, braucht man nur auf die Federation of Jewish Farmers hinzuweisen, deren Einrichtungen wiederholt von dem amerikanischen Landwirtschafts-Ministerium als mustergültig bezeichnet und zur Nachahmung empfohlen worden sind. Die Federation, die bei der Gründung 13 Gesellschaften umfaßte, besteht heute aus sechsundfünfzig Vereinen, deren Tätigkeit sich über fünfzehn amerikanische Staaten erstreckt, und etwa 50 000 jüdischen Männern und Frauen eine landwirtschaftliche Betätigung ermöglicht. Die amerikanisch-iüdische Farmbewegung hat natürlich in ihrem Werdegang mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, die vor allem daraus entstanden, daß die jüdischen Ansiedler erst ganz allmählich zur Landarbeit erzogen werden mußten. Verschiedene Kolonien gingen zu Grunde, andern gelang es noch nicht, sich bis zur materiellen Selbständigkeit durchzuringen (diese nehmen noch stark die Hilfe der Kredit- und Darlehenskassen in Anspruch), während andere Gemeinwesen es zu wirtschaftlicher Blüte und Wohlstand gebracht haben. Wie sich bei der letzten Tagung der jüdischen Farmer herausstellte, pulsiert in diesen jüdischamerikanischen Ackerbaukolonien starkes jüdisches Leben. Junge Vertreter der „zweiten Generation" jüdischer Farmer berichteten von ihren Bestrebungen zur Pflege jüdischen Geistes, von Gründungen hebräischer Literaturvereine, von jüdischen Debattierklubs und der Errichtung einer neuen Synagoge und Talmud Thora. Eine Tatsache, die anscheinend bei der Jahresversammlung nicht erwähnt wurde, die aber dem Kenner jüdischer Verhältnisse in Amerika bekannt ist, ist die eifrige Betätigung junger Farmer der „zweiten Generation" auf jüdisch-nationalem und auch auf rein zionistischem Gebiet. Wie gelegentliche Zuschriften an das zionistische Palästina- Amt in Jaffa dem Schreiber dieser Zeilen bewiesen haben, lebt in den Kreisen der amerikanischjüdischen Farmer ein reges Interesse für die Palästinabewegung und in manchen von ihnen auch der Wunsch, bei einigermaßen günstigen Bedingungen die in Amerika erwobenen landwirtschaftlichen Kenntnisse in Palästina zu verwerten. Daß diese in der Handarbeit schon erfahrenen Elemente für das Kolonisationswerk in Palästina von größter Wichtigkeit sind, braucht kaum betont zu werden. Freilich gibt es auch Gegenströmungen, die offenbar von manchen Protektoren der Farmerbewegung begünstigt werden, und die den jüdischen Farmer in allererster Linie und unter Zuhilfenahme seiner religiösen Gefühle zu einem wertvollen amerikanischen Bürger machen wollen. Diesem amerikanischen Nationalismus gegenüber immer wieder die jüdische Nationalidee zu betonen und ihr gerade in den Kreisen der jüdischen Farmer eine Gemeinde zu schaffen, muß das Bestreben derjenigen amerikanisch-jüdischen Kreise sein, die in der Wiederbesiedlung Palästinas durch Juden ihr Lebensziel sehen. Da dieses Bestreben vorhanden ist, so dürfte die „backto-the-soil"-Bewegung, die bei der Ansiedlung der neuen Auswandererscharen eine so starke Rolle spielt, auch vom zionistischen Standpunkt zu begrüßen sein. Priester. Eine amerikanische Stimme über die Judenfrage. Ein Journalist, der mit Fords Friedensexpedition in Stockholm eintraf und Mitarbeiter russischer und jüdischer Zeitungen in Amerika ist, hat einem Mitarbeiter der Stockholmer „Dagens Nyheter" folgende Mitteilung über die Stellung der Amerikaner zur europäischen Judenfrage gemacht: Was wir für die europäischen Juden tun werden, ist noch nicht genau bestimmt. Es ist dabei viel zu tun. In Polen, Rußland und Galizien ist das Elend groß. Was der Krieg nicht vernichtet hat, haben Deportationen und andere Zwangsmaßnahmen vollendet. Schlecht waren die Verhältnisse schon früher, jetzt aber gar nicht zu beschreiben; wie allerdings die Sache für die heim- und rechtlosen Juden geregelt werden wird, darüber sind die Meinungen verschieden. Die Zionisten hoffen auf politischer Grundlage ihrer Idee, die Erschließung Palästinas für Millionen Israeliten zu erlangen, den Sieg zu verschaffen. Wir anderen denken daran, wie wir der augenblicklichen Not abhelfen und eine Besserung in der rechtlichen Stellung der Juden herbeiführen können. In dieser Beziehung hegen wir gute Hoffnung. England hat versprochen, Rußland zu beeinflussen, eine vernünftigere und gerechtere Judenpolitik zu führen. Die Vereinigten Staaten Amerikas stehen noch immer auf ihrem alten Standpunkt: Kein Handelstraktat mit Rußland, bevor dessen Judenfrage in humaner und vernünftiger Richtung gelöst ist. Es sind viele Kräfte in der letzten Zeit in Bewegung gewesen, um ein Handelsabkommen zwischen Rußland und Amerika herbeizuführen, aber die Forderungen Amerikas sind nicht zu erschüttern. Weiter hat Präsident Wilson mit der größten Deutlichkeit sich verpflichtet, beim Friedensschluß seinen ganzen Einfluß in die Wagschale zu werfen, um bei der Umorganisation Europas, die durch den Krieg erfolgen wird, auch den Juden zu ihrem Rechte zu